22.04.2013

Gigantische Gegenwartsschrumpfung

Liebe Freunde wartungsfremder Echtzeit.
Ein Drittel unseres Lebens verbringen wir mit Schlafen. Wir hängen 12 Jahre vor der Glotze, sind fünf Jahre mit Essen beschäftigt und verbrauchen 3.600 Rollen Klopapier. Über jeden Scheiß gibt es eine Statistik. Aber wie viel Zeit verbringen wir eigentlich mit Warten? Darüber habe ich nichts gefunden. Vielleicht habe ich auch nur unklug recherchiert. Gefühlt warten wir doch täglich stundenlang: vor dem Rechner, an der Kasse, auf dem Bahnsteig, beim Arzt oder auf die Servicekraft im Restaurant, die im Englischen ja bekanntlich "waiter" heißt. Vom Warten auf die große Liebe oder den Sechser im Lotto spreche ich jetzt gar nicht, das wäre ein wenig unkonkret und läuft bei den meisten Menschen eher als vage Hoffnung nebenher. Wartet mal einen Moment, ich rechne eben nach. Bei 80 Jahren durchschnittlicher Lebenserwartung und, sagen wir, einer täglichen Wartezeit von 30 Minuten ergibt das 876.000 Minuten, also so ungefähr 18 Monate. Eineinhalb Jahre warten, das geht ja fast noch. Aber im Grunde ist die Zahl ziemlich schwammig, denn jede/r wartet ja auf etwas anderes. Was für den einen langweiliges Warten ist, verbucht die andere als effiziente Zen-Meditation. Deswegen gibt es wohl auch keine Statistik darüber.

05.04.2013

Made in Space

Liebe Freunde kongenialer Kollaboration.
Ich bin um eine Erfahrung reicher. Wer noch einmal sagt, Schreiben sei ein einsamer Prozess, dem schwinge ich die Keule der Kollaboration und lasse Benjamin dazu mit dem moralischen Finger die passende Illustration malen, während Valentin parallel an einem Antisolitär-Satz feilt. Was das für eine Erfahrung war, wollt ihr wissen? Eine sehr, sehr gute: Gemeinsam gleichzeitig eine Geschichte schreiben und illustrieren. Das Ergebnis dieser dreistündigen Schreib- und Illustrations-Session ist "Made in Space." Viel Spaß beim Lesen. Dabei hatten wir anfangs überhaupt keinen Plan. Also haben wir erst einmal ein Bier aufgemacht. Dann brachte Benjamin "Bunny & The Beardman" ins Spiel. Der erste mag Chrom, der zweite eher Holz. Und dann haben wir losgelegt, ohne so genau zu wissen, was und wie. Einfach machen. Ein Satz, dann noch einer, dann ein Bild, dann weiter. Und immer weiter. 

02.04.2013

Prinzessin Wut läuft Amok

(c) Benjamin Rabe/ nonuts.de
Liebe Freunde kleinkindlicher Wutanfälle.
„Was heißt Amok, Papa?“
Tochter II saß auf dem Fußboden ihres Zimmers und holte tief Luft. Ihre Atmung hatte sich noch nicht ganz wieder normalisiert. Die Haare hingen ihr ins knallrote Gesicht, die Augen waren tränenverschmiert. Wo vorhin ein Fußboden war, lag jetzt eine Decke aus Puppenkleidern, Stiften, Legosteinen, Autos und noch einigem anderen Kram, der vorher in Regalen oder Schubladen einen aus Elternsicht ordentlichen Platz hatte.
Ich saß auf dem Bett, betrachtete das Durcheinander und bereute meine laut vorgetragene Aussage von vorhin, sie solle endlich aufhören Amok zu laufen. Das steht in jedem Ratgeberbuch: ruhig bleiben. Kinder, die wütend sind, werden bestimmt nicht weniger wütend, wenn man selbst wütend ist. Die Theorie ist so herrlich einfach. „Amok ist, wenn man wütend durch die Gegend rennt und Chaos anrichtet oder anderen Leuten wehtut.“