28.06.2012

Amorgeddon

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Liebe Freunde romantischer Desillusionierung.
Wer glaubt, der Liebesgott sei ein kleines, pausbäckiges Bengelchen mit Flügeln, das fleißig und selbstlos seine romantischen Pfeilchen verschießt und Glück, Zuneigung und Leidenschaft über die Menschen bringt - vergesst das! Das ist ein Mythos. Na gut, Mythen sind Erzählungen, in denen Menschen ihr Welt- und Selbstverständnis zum Ausdruck bringen. Sie sind Geschichten, die uns eine Erklärung anbieten, wie die Welt funktioniert. Und ja, je aufgeklärter die Menschen sich wähnen, umso entmystifizierter wird die Welt. Und umso wichtiger werden wiederum Mythen, weil sie die Welt überschaubar machen. Was heißt das praktisch? Entweder man akzeptiert diese Welterklärungsmodelle, macht es sich in seinem Daunengehirn gemütlich und gibt sich einer mentalen Fußreflexzonenmassage hin, oder man kommt mit Dante, Kapitel 14 "Neues Leben", und kontert: "Mein Fuß hat an derjenigen Stelle des Lebens gestanden, über die hinaus keiner zu gehen vermag, ohne daß er die Absicht, zurückzukehren, aufgebe." Soll heißen: Einmal entmystifiziert, immer am Arsch des Hinterfragens. Ständig getrieben, immer uneinsichtig.

25.06.2012

Übertrieben unterirdisch

Liebe Freunde des differenzierten Drüber und Drunter.
Manche Menschen meinen, Grau sei keine Farbe, sondern die fehlende Unterscheidbarkeit zwischen Schwarz und Weiß. Darauf habe ich jetzt keine andere Antwort als eine Äußerung des mir nicht bekannten Dichters Friedrich von Logau, dem folgender Satz zugeschrieben wird: "In Gefahr und größter Not, bringt der Mittelweg den Tod." Das mag sicherlich häufig zutreffen, aber ich möchte dagegen halten: DEN Mittelweg gibt es nicht - also jetzt bildlich gesprochen, denn als Straße gibt es ihn in einigen deutschen Städten, ohne dass dies meines Wissens mit höherer Sterblichkeitsrate verbunden wäre. Aber jetzt mal im übertragenen Sinne: Es gibt nicht nur einen Mittelweg, liebe Freunde. Es gibt ja immerhin auch verschiedene Grautöne. Steingrau, anthrazit, lichtgrau, eisgrau, schiefergrau, taubengrau. Muss ich noch mehr sagen? Grautöne sind das Farbspektrum der Extremlosen. Punkt.

18.06.2012

Sogenanntes Netzwerken

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Liebe Freunde des niveauvollen Netzwerkens.
Ich habe ein grünes Bewusstsein, leider keinen grünen Daumen. Aber was ein Rhizomwurzler ist, weiß ich spätestens, seit ich versucht habe, den unkontrolliert vor sich hin wuchernden Bambus in meinem Garten in die Schranken zu weisen. Ein Wurzelgeflecht, das so dermaßen dicht zusammenwächst, dass man sich richtig wünscht, man hätte da jetzt einen ordentlichen Baum mit einer stinknormalen Wurzel, die man mal eben so punktuell ausgraben kann. Stattdessen pflügt man auf mehr als zehn Quadratmetern den Acker um und holt metertief kiloweise Mini-Asi-Wurzeln aus der Erde. Was das jetzt soll? Richtig. Rhizom. Bei Deleuze und Guattari dient dieser Begriff als Metapher für das postmoderne Beziehungsgeflecht, das die hierarchischen (Baum-)Strukturen der Gesellschaft ersetzt. Netzwerke statt Hierarchie ist das Stichwort. Und Netzwerke wollen gepflegt werden, bisschen Wasser hier, bisschen gut zureden da, etwas Vitamin B dann und wann - und schon wächst da ein Wurzelgeflecht mit Knotenpunkten heran, von dem der betriebswirtschaftlich denkende und "people business" orientierte Wissensarbeiter hofft, irgendwann einmal zu profitieren.