28.03.2012

Blackout

Liebe Freunde des gestrichenen Wortes.
Schreiben macht Spaß. Zu lange Texte wieder zu kürzen, ohne dabei an Stringenz zu verlieren, macht nicht so viel Spaß. Aber aus vorhandenen Artikeln - egal welcher Länge - neue Texte mit einer ganz anderen Bedeutung zu machen, macht großen Spaß. Das sollte jede/r mal ausprobieren und feststellen wie es ist, aus einem Zeitungsartikel über die Hamburger Straßenverhältnisse ein Minigedicht über die morgendliche Geistesverfassung zu machen. Da ich im Grunde eine parasitäre Existenz bin, die liebend gern aus Altem Neues macht, habe ich diese Methode von Austin Kleon geklaut, einem, ja, was ist er eigentlich? Künstler? Klingt so last century. Überzeugt Euch selbst und klickt rüber zu seiner Netzpräsenz. Die Gedichte sind sehr schön. Wer nicht groß suchen will, schaut sich einfach nur mal das hier an. Oder das hier. Herrje, schaut Euch einfach alle an.

14.03.2012

Daumen hoch!

Liebe Freunde des digitalen Schulterklopfens.
Dass unser gepflegtes Achtmillionen-Netzwerk keine Unmutsbekundungen über hirnrissige, kritikwürdige oder sinnentleerte Status-Updates kennt ist ja hinlänglich bekannt. Muss man sich halt anders behelfen. Die Facebook-Gruppen "Dislike-Button" und "We want a Dislike Option" haben inzwischen zusammen über 5,5 Millionen "Likes." Aber Facebook zeigte sich bereits zur Blütezeit dieser Protestwelle Mitte 2009 uneinsichtig. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. In einem Artikel der Welt wird ein Facebook-Sprecher zitiert, der den Widerstand des Unternehmens mit Blick auf die Einführung eines Dislike-Buttons wie folgt begründete: „Positive Meldungen passen besser zu uns als negative. (...) Eine destruktive Information erzeugt keine viralen Effekte." Keine Macht den Miesepetern. Keine Macht der schlechten Laune. Keine Macht der Kritik. Darf man mal vorsichtig fragen, was dieser konfliktscheue Zwangsoptimismus soll? Das ist, gelinde gesagt, realitätsfern. "Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen." Das steht auf der Homepage, so beschreibt sich das Netzwerk selbst. Aber eigentlich müsste da statt "Menschen" besser "Gleichgesinnte" stehen. Denn wo die Kritik nicht erwünscht ist, da schmort die konsensgezwungene Gemeinschaftlichkeit im eigenen Sud und betoniert ihr scheuklappengesichtiges Weltbild.

12.03.2012

Das Primel-Prinzip

(c) Julia Schonlau, jujus-delivery.com
Liebe Freunde knackiger Prinzipienreiterei.
Manchmal hört man Sätze wie: "Das verstößt gegen meine Prinzipien" oder "Das mache ich prinzipiell nicht/ immer so." Prinzipien sind gut. Sie sind ein roter Faden, an dem man sich in seiner Weltbewältigung entlang hangeln kann. Sie erleichtern das Leben, geben Routine und bieten Verlässlichkeit. Sie sind eine zur Gesetzmäßigkeit gewordene Regel, ein Postulat, das die Welt erklärbar macht. Oder zumindest Teile davon. Und wenn kluge Köpfe irgendwelche Prinzipien postulieren, dann werden sie oft mit dem Namen des Entdeckers benannt. Prinzipien eignen sich auch hervorragend, um mit kleinen Wissensstücken zu glänzen und eventuell vorhandene Wissenslücken zu verdecken. In diesem Kontext wären sie dann dem "Information Snacking" zuzuordnen, also im Prinzip der schlagzeilenintelligenten Aufnahme von Informationen mit dem Ziel der Weitergabe, die auch ohne notwendige Verarbeitung im Denkzentrum stattfinden kann. Snack food for thought. Wie auch immer. Ich war schon immer ein Fan des Peter-Prinzips. Und heute habe ich auch noch das Shirky-Prinzip kennen gelernt. Beide sind toll. Und beide möchte ich kurz vorstellen. Das könnte prinzipiell der Auftakt sein zu einer kleinen Serie über die Prinzipien dieser Welt.

09.03.2012

Satzzeichen retten Leben

(c) http://hanshirt.spreadshirt.de
Liebe Freunde der korrekten Schriftsprache.
Wer nicht glaubt, dass ein Komma oder ein Bindestrich fundamental wichtige Satzzeichen sind, der braucht eigentlich gar nicht weiterlesen. Das Semikolon wird auch sehr unterschätzt, aber darum geht es hier jetzt nicht. Neulich hörte ich meine Nachbarin rufen "Wir essen jetzt, Kinder." Ob es an ihrer Betonung lag oder ich mir das nur eingebildet habe, weiß ich nicht mehr. Ich habe jedenfalls das Komma in ihrer Aussprache nicht gehört und war kurzfristig verblüfft ob der bislang nicht bekannten kannibalischen Tendenzen meiner Nebenwohner. Letztlich gab es nur Nudeln, aber egal. Da fiel mir wieder ein, dass so ein Komma wirklich wichtig ist; glaubt man ja fast gar nicht mehr in einer Zeit, in der der Inhalt wichtiger wird als die Form. Hauptsache, kommunizieren. Wie, ist zweitrangig. Seit vielen Jahren bin ich auch glühender Verfechter des Divis - nicht nur ein schönes Wort, sondern auch ein wichtiges Zeichen, so ein Bindestrich. Er verbindet Wörter und trennt sie zugleich. Wenn das nicht eine tolle Leistung ist. Lässt man ihn weg, hat das Wort eine ganz andere Bedeutung. Das nennt der Volksmund dann "Deppenleerzeichen."

08.03.2012

Tschüs Mahlzeit!

(c) katzundgoldt.de
Liebe Freunde der mittäglichen Kulinarik.
Jüngst las ich in der Wirtschaftswoche von einer Umfrage, wonach jeder dritte deutsche Arbeitnehmer keine Mittagspause mehr macht und während der Arbeit isst. 18 Prozent pausieren lediglich für eine Viertelstunde. Knapp ein Drittel legt für 30 bis 45 Minuten die Arbeit nieder und nur 20 Prozent machen eine volle Stunde Pause. Das sind interessante Zahlen, aber überraschen sie? Ich denke nicht. "Desk Food", also das Essen am Arbeitsplatz, und "Road Food", das Essen unterwegs, sind schon länger Bestandteil der so genannten "To-Go-Kultur", auch wertend "Mitnehm-Manie" genannt. Das kann man gut finden oder nicht, Fakt ist: Diese Entwicklung ist ein Ausdruck des zunehmenden Effizienzdenkens. Der Versuch, durch Multitasking produktiver zu sein, denn schließlich kann man so eine simple Tätigkeit wie Essen recht gut nebenher praktizieren und muss sich nicht so darauf konzentrieren wie auf die Analyse eines drängenden Projektproblems. Dass es sich dann um bloße, physiologisch motivierte Nahrungsaufnahme handelt und weniger um Essen als sinnliches Erlebnis: geschenkt. Die Zeit ist ein knappes Gut und will gut genutzt werden. Denn auch wenn die To-Do-Listen immer länger werden und ein Tag für das Tagespensum mittlerweile nicht mehr ausreicht: Noch hat der Tag nur 24 Stunden.

Psychologisch ungünstig

Liebe Freunde progressiver Widerstandsfähigkeit.
"Das Tor fiel zu einem psychologisch ungünstigen Zeitpunkt", hört man manchmal Sportreporter oder Trainer resümieren, wenn es darum geht, eine Niederlage zu analysieren oder vielleicht auch schönzureden. Gemeint sind dann Gegentore, die kurz vor der Halbzeitpause fallen, oder direkt in eine Drangphase der eigenen Mannschaft. Klassiker halt. Jetzt drängt sich aber irgendwie die Frage auf, ob es auch Gegentore gibt, die zu einem psychologisch günstigen Zeitpunkt fallen. Der durch seine naseweisen Sprüche bekannte Trainer Christoph Daum hat diese Frage einmal gestellt und damit voll ins Schwarze getroffen. Denn ein Gegentor ist eigentlich immer etwas schlechtes. Na gut, manchmal kommt es vor, dass ein Gegentor auch als sogenannter Weckruf dienen kann und sich die eigene Mannschaft nochmal richtig ins Zeug legt und das Spiel vielleicht noch dreht. Aber der Ausspruch, das Tor sei zu einem "psychologisch ungünstigen Zeitpunkt" gefallen lässt meist darauf schließen, dass ein Spiel verloren wurde und genau dieses Gegentor der Knackpunkt des Spiels gewesen ist.

06.03.2012

Klappe halten!

Liebe Freunde des profunden Halbwissens.
Wer weiß denn schon alles? Es gibt wenig, was wir wissen und nur unwesentlich mehr, von dem wir wissen, dass wir es nicht wissen. Aber das größte Stück vom Kuchen machen ja wohl die Dinge aus, von denen wir noch nicht mal wissen, dass wir sie nicht wissen. Ist das schlimm? Nein, das ist nicht schlimm. Obwohl Goethe das anders gesehen hat: „Toren und gescheite Leute sind gleich unschädlich. Nur die Halbnarren und Halbweisen, das sind die Gefährlichsten.“ Jetzt liegt es mir zwar fern, gegen Goethe zu schießen, aber schließlich hat der auch zu einer anderen Zeit gelebt. Und ich glaube, er war auch sehr gebildet, da lässt sich sowas leicht sprechen. Also, Halbwissen an sich ist erstmal nicht so schlimm, behaupte ich jetzt mal. Weil es heutzutage unvermeidlich ist.