06.12.2012

In der Agentur

Liebe Freunde zukünftiger Kommunikationsdienstleistungen. 
Arbeitet ihr in einer so genannten Agentur? Dann macht ihr euch sicher Gedanken über die Zukunft. Damit meine ich ausnahmsweise mal nicht eure eigene, berufliche Zukunft und eure privaten Lebenspläne. Ich meine auch nicht die frische Vorausschau, um bei euren Kunden mit Trendgespür zu punkten. Ich meine die Zukunft der Agentur, in der ihr tätig seid. Als was auch immer. Die Zukunft der Kommunikationsagenturen insgesamt. Kein unspannendes Thema, wenn man mit Leuten spricht, die sich sonst in ihrem Tagesgeschäft darauf konzentrieren, die Zukunft des jeweiligen Auftraggebers positiv zu gestalten - und das jetzt mal auf sich selbst beziehen. Ich hatte das Vergnügen an einer Studie mitzuarbeiten, die mein guter Freund Jörg Jelden zusammen mit zehn Kommunikationsagenturen durchgeführt hat. Die Ergebnisse könnt ihr euch hier im Detail und kostenfrei anschauen. Für die Studie habe ich auch ein paar Blackouts beigesteuert, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Bitte schön.

16.11.2012

Dramatisiertes Datendelirium

Liebe Freunde dystopischer Wahnvorstellungen. 
Den 20. März 2023 werde ich nie vergessen. Um 19.33 Uhr las ich die Meldung in meiner Brille. Sie tickerte auf allen Kanälen. Der Trust Act war mit großer Mehrheit bewilligt worden und trat mit sofortiger Wirkung in Kraft. Keine zwei Stunden später war ich im Untergrund. Mit 49 in den Untergrund zu gehen ist vielleicht nicht normal, aber ich hatte keine Wahl. Wir haben immer eine Wahl, sagen Sie? Unter normalen Umständen würde ich Ihnen da zustimmen. Aber glauben Sie mir: Ich hatte keine Wahl. Es sei denn, Sie wollen mir eine Gefängniszelle und digitale Lobotomie als angemessene Alternative verkaufen.

24.10.2012

+1 in der Erfahrungssammlung

Liebe Freunde des nächtlichen Irrsinns.
Manchmal drückt sich das Schicksal in Gestalt eines schlecht beleuchteten Weckerdisplays als weitere Variable in die Excel-Formel der eigenen Glückseligkeit. Manchmal. Dann geht der Blick ins Nichtmehrganzdunkel und Nochnichtganzhell eines neuen Tages. Und genau in dieser Übergangsphase - und oft genug nur dann - erinnern wir uns an das, was uns in der Nacht so beschäftigt hat. Ein Beispiel.

14.10.2012

The Great Escape im Raum der Turbulenzen

Liebe Freunde kontrollierter 360°-Fluchtstrategien.
Ich habe neulich einen Artikel über die Escape-Taste gelesen. Ihr wisst schon, die Fluchttaste, die einem vorgaukelt, man hätte noch die Kontrolle über die Maschine. Der in einen halben Quadratzentimeter Plastik gegossene Irrglaube, eine kleine Taste hätte die Macht, mich aus der technologischen Scheiße herauszuholen, wenn sich das Tor zur Welt aufgehängt hat. Das Problem: Es ist leider keine Universaltaste. Die meisten nutzen sie wahrscheinlich nur, um bei irgendwelchen Videos wieder aus dem Vollbildmodus rauszukommen. Oder zum Schließen kleinerer Subanwendungen. Was für eine Degradierung. Das Wichtigste ist aber: "ESC" funktioniert nur, wenn das Programm, das verlassen werden soll, auch versteht, dass es beim Drücken dieser Taste den Ausgang aufschließen soll. Die Flucht-Option ist also weniger eine Frage der Maschine, sondern der Software. Wie im richtigen Leben, da liegt der Fehler auch eher selten in der Hardware, soll heißen: wegrennen ist physisch möglich, aber wir sind so programmiert, dass wir es kaum machen.

19.09.2012

In der Tiefe breit aufgestellt

Liebe Freunde spezialisierten Ausblendens.
Ihr seid vom Fach, richtig? Ihr wisst Dinge, die andere nicht wissen. Dafür wissen oder können andere etwas, das Euch unbekannt ist. Jede(r) kennt sich irgendwo aus. Das haben wir der Arbeitsteilung zu verdanken: Jeder Mensch macht, was er kann - für´s andere gibt´s den Nebenmann. Schließlich gibt es für jedes Problem eine Perfektion. Das eigene Talent, das Wissen und die Zeit, sich mit speziellen Dingen auseinanderzusetzen, stoßen schnell an ihre Grenzen. Ich finde Spezialisten und Experten toll. Nicht so toll finde ich, wenn es sich um Expertendarsteller handelt, die nur so tun als ob. Aber wer richtig was drauf hat, der verdient Respekt. Für Experten sind alle anderen oft maximal Halbprofis. Ich habe mal eine Serie neuer Blackouts zum Thema Spezialisten gemacht, weil ich finde, dass das Thema ziemlich gut zur Methode passt. Assoziativ gelockert fällt mir da folgende Gleichung ein: Spezialisten = Wissenstiefe = Ausblenden der Randgebiete = Blackout.

17.09.2012

19 Regeln für besseres Regeln

Liebe Freunde zündender Zehnpunktepläne. 
Von Karl Valentin stammt der Spruch: "Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen." Dem schließe ich mich nicht nur theoretisch an, sondern auch praktisch. Aber der Reihe nach. Die Welt ist voll mit irgendwelchen Manifesten, 10-Punkte-Plänen, Checklisten und Tipps für besseres Alles. Man kann sich mit den  "Zehn Regeln, den Mann fürs Leben zu finden" voll beschlauen und einen Partnerschaftstreffer landen, die abgefahrenen Hochzeitsfotos werden super, wenn man "Zehn goldene Lomo-Regeln" befolgt. Um nach den Flitterwochen wieder in den Alltag zu kommen, einfach die "Zehn Tipps sich selbst zu motivieren" befolgen. Und wenn die Partnerschaft nicht mehr so läuft, helfen "Zehn Tipps für stilvolles Trinken" dabei, sich artgerecht zu besaufen. Ich denke, es ist klar, worauf ich hinaus will. Das ist nur eine Auwahl der ersten Google-Treffer zu den Suchbegriffen "Zehn Regeln" und "Zehn Tipps." Wer bei Google "10 ways to" eingibt, bekommt 115 Millionen Treffer. Die Suche nach "Manifesto" bringt es immerhin auf über 67 Millionen. Also gut. Wir wussten schon länger, dass Lebensratgeber und Standpunktpapiere boomen. Ja warum auch nicht. Es ist doch schön, wenn andere ihre Erfahrung komprimiert weitergeben - und mir damit Orientierung geben oder eine Lebenshilfe bieten, die mich vor blöden Fehlern schützt, mich schneller zum Ziel bringt oder mir einfach nur hilft, mir eine Meinung zu bilden. Wenn ich es denn möchte. Worauf ich hinaus will: Ich will auch mal so ein Regelheft machen, nicht immer nur andere lesen und (nicht) befolgen. Selber machen. Meine eigenen Regeln. Und die dann in die Welt rausposaunen. Vielleicht lesen und befolgen andere sie dann (nicht). Jetzt versteht ihr auch den Spruch von Karl Valentin, oder?

19.08.2012

Erneuerung und erwartbare Wunder

Liebe Freunde streichfeiner Worte.
Ein lauer Sommerabend, ein Glas Château Veltins, ein paar Stifte, die Zeitungen der letzten Woche und den Willen zum Wegstreichen. Mehr braucht es nicht, um sich in meditative Stimmung zu versetzen und das Papier zu recyclen, bevor es in der blauen Tonne verschwindet. Wen es interessiert, hier die Ergebnisse dieser hochsommerlichen Blackout-Sitzung, die dann doch eher eine Colour-Out-Sitzung geworden ist. Und nein, Kontakt zu Toten gab es keinen.

09.08.2012

Basislage (I)

Liebe Freunde schwarmintelligenter Fortsetzungsgeschichten.
Ich habe da mal eine Frage. Vielleicht könnt ihr mir helfen? Wenn ich diese Geschichte hier unten lese, also besser gesagt diesen Anfang, diese Mitte oder dieses Ende einer Geschichte, dann weiß ich einfach nicht, was da passiert ist. Ich kann mir keinen Reim drauf machen. Habt ihr eine Idee, was da geschehen sein könnte? Ich bin für jeden Hinweis dankbar.
...

Ein Rauschen. Das ist das erste, was ich höre. Noch bevor ich die Augen aufmache. Das Rascheln im Wind gegeneinander schlagender Blätter. Dann kommt der Schmerz. Er drückt mich zu Boden. Neben dem Blätterrauschen ein zweiter Ton, kaum vom ersten zu unterscheiden. Etwas gedämpfter. Fast wie am Meer, denke ich und spüre den warmen Sand unter mir, das Wasser, das meine Füße umspült. Für einen Moment fühle ich mich wohl. Ich spüre die Vibration der Äderchen in meinen Schläfen. Blut pocht, rauscht an meiner Ohrmuschel vorbei. Wenigstens lebe ich noch. Der warme Sand verschwindet, die Feuchtigkeit bleibt. Es riecht nach Erde, nach Moos und Morast. Und nach Urin. Über mir ziehen ein paar Haufenwolken mit schimmernden Kuppeln durch den Himmel, treiben als bizarre Gebilde durch die Luft.

01.08.2012

Niemals falsch.

(c) Mike Monteiro
Liebe Freunde produktiver Fehlentscheidungen.
"Durch Fehler wird man klug, darum ist einer nicht genug." Dieser Schenkelklopfer meines Vaters ist zu einem Lebensohrwurm geworden. Aber das Hintergrundsurren nehme ich in Kauf, denn es ist ein Satz, den ich immer mal wieder gebrauchen kann. Heute mehr denn je, denn ich habe das Gefühl, dass die kulturelle Akzeptanz von Fehlern gegen Null geht. Etwas falsch zu machen, wird in einer an Perfektion  ausgerichteten Welt zur Todsünde. "Menschliches Versagen" wäre ein schöner Titel für die Bibel der Menschmaschinen, die in ferner Zukunft die Weltherrschaft an sich gerissen haben werden. Perfektion ist das Mantra der Menschen, die versuchen den Maschinen nachzueifern. Und die Betonung liegt auf "versuchen", denn das ist ein Ziel, das nie erreicht werden kann.

24.07.2012

Krisen, geschüttelt.

(c) robinsoncaruso via flickr
Liebe Freunde routinierter Krisenbewältigung.
Die Tage werden kürzer. Bald stolpern wir wieder in den Herbst. Zeit, mal über Krisen zu sprechen. Und damit meine ich nicht die durch die dunkle Jahreszeit motivierte Schieflage der Seele, erwartet daher bitte kein Depri-Säuseln. Ich meine die Krisen, die in den so genannten Massenmedien seit Jahren die Tagesneuigkeiten dominieren. Die Art von Krisen, die von 20 Uhr bis 20.14 Uhr eine durchschnittliche Tagesschau mit Inhalten füllt. Wirtschaftskrise, Finanzkrise, Eurokrise, Staatsschuldenkrise, Klimakrise und so weiter. Das sind so ein paar überindividuelle Meta-Krisen. Dann gibt es noch viele kleinere Kriselchen, nicht minder gefährlich, aber nur temporär medienpräsent, kleine Wunderkerzen in der Krisenwelt. So wie im letzten Jahr EHEC und Fukushima. Erinnert sich noch jemand? Und es gibt die persönlichen Krisen: Beziehungskrisen, Identitätskrisen, Sinnkrisen, Jobkrisen, Motivationskrisen.

11.07.2012

Busy being busy being

Liebe Freunde geschäftiger Rastlosigkeit.
Habt ihr ein paar Minuten? Nein? Schade. Andererseits seid ihr damit ganz weit vorne. Keine Zeit zu haben, gehört heute ja bekanntlich zum guten Ton. Wer keine Zeit hat, macht sich wertvoll. Wer immer sofort parat steht, macht sich suspekt: Hat der Typ nichts besseres zu tun? Keine Zeit haben war lange Zeit die Rolex der Postmoderne. Aber die Zeiten ändern sich, oder nicht? Wie sagt mein guter Freund Jörg immer so schön: "Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich." Recht so. Alles eine Frage der Priorisierung. Von ihm habe ich auch den Satz: "Zeit verliert man am Anfang". Das ist genauso richtig, aber hier gerade nicht relevant. Also weiter im Text, ihr Zeitknappen. Schultert die paar Minuten und lasst euch die Zeit nehmen. Lauft ihr halt nachher etwas schneller, um die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Oder ihr bleibt ganz stehen und fragt euch: Warum laufe ich eigentlich? Und wohin? Dieser Dauertrubel, dieses Trommelfeuer an Terminen, dieser ständige Drang dieses noch zu tun, und jenes nicht zu vergessen. Wohin führt das? Mein Vorschlag: Selbstverlust (sofern man jemals ein Selbst besessen hat). Genau wie Eltern-Sein nicht nur große Glücksmomente verspricht, sondern sehr häufig auch zur Einsicht führt, Kinder seien der direkteste Weg zur Selbstaufgabe. Aber auch das ist ein anderes Thema.

04.07.2012

Newism in der Expectation Economy

(c) trendwatching.com
Liebe Freunde anglizistischer K(n)ackbegriffe.
Ja. Ich gestehe. Ich arbeite selbst im Dunstkreis dieser Branche. Und um das vorweg zu schicken: Auch ich benutze selten, aber immerhin, solche absurden Neologismen wie "Kidults" (Kofferwort aus Kids + Adults = Kinder, die immer schneller erwachsen werden müssen bzw. Erwachsene, die mit 30 noch Kind sein wollen). Wie ihr an diesem Beispiel seht: Manchmal dauert es zwei Zeilen, um etwas zu sagen, wofür es ein Wort gibt. "Crowdsourcing" ist auch so ein schönes, knackiges Kofferwort. Oder "Simplexity". Der Trendforschung wird ja häufig vorgeworfen, sie werfe mit lässigen Begriffen nur so um sich, mit Worthülsen, in denen nur harmlose Platzpatronen stecken. Ich habe dann immer gesagt, dass es mir nicht um den Begriff als solchen geht. Der verdichtet nur in einem Wort eine Entwicklung und ist damit nur ein hübsches Dekor-Schleifchen.

28.06.2012

Amorgeddon

(c) imagekind.com/extrafeed inc.
Liebe Freunde romantischer Desillusionierung.
Wer glaubt, der Liebesgott sei ein kleines, pausbäckiges Bengelchen mit Flügeln, das fleißig und selbstlos seine romantischen Pfeilchen verschießt und Glück, Zuneigung und Leidenschaft über die Menschen bringt - vergesst das! Das ist ein Mythos. Na gut, Mythen sind Erzählungen, in denen Menschen ihr Welt- und Selbstverständnis zum Ausdruck bringen. Sie sind Geschichten, die uns eine Erklärung anbieten, wie die Welt funktioniert. Und ja, je aufgeklärter die Menschen sich wähnen, umso entmystifizierter wird die Welt. Und umso wichtiger werden wiederum Mythen, weil sie die Welt überschaubar machen. Was heißt das praktisch? Entweder man akzeptiert diese Welterklärungsmodelle, macht es sich in seinem Daunengehirn gemütlich und gibt sich einer mentalen Fußreflexzonenmassage hin, oder man kommt mit Dante, Kapitel 14 "Neues Leben", und kontert: "Mein Fuß hat an derjenigen Stelle des Lebens gestanden, über die hinaus keiner zu gehen vermag, ohne daß er die Absicht, zurückzukehren, aufgebe." Soll heißen: Einmal entmystifiziert, immer am Arsch des Hinterfragens. Ständig getrieben, immer uneinsichtig.

25.06.2012

Übertrieben unterirdisch

Liebe Freunde des differenzierten Drüber und Drunter.
Manche Menschen meinen, Grau sei keine Farbe, sondern die fehlende Unterscheidbarkeit zwischen Schwarz und Weiß. Darauf habe ich jetzt keine andere Antwort als eine Äußerung des mir nicht bekannten Dichters Friedrich von Logau, dem folgender Satz zugeschrieben wird: "In Gefahr und größter Not, bringt der Mittelweg den Tod." Das mag sicherlich häufig zutreffen, aber ich möchte dagegen halten: DEN Mittelweg gibt es nicht - also jetzt bildlich gesprochen, denn als Straße gibt es ihn in einigen deutschen Städten, ohne dass dies meines Wissens mit höherer Sterblichkeitsrate verbunden wäre. Aber jetzt mal im übertragenen Sinne: Es gibt nicht nur einen Mittelweg, liebe Freunde. Es gibt ja immerhin auch verschiedene Grautöne. Steingrau, anthrazit, lichtgrau, eisgrau, schiefergrau, taubengrau. Muss ich noch mehr sagen? Grautöne sind das Farbspektrum der Extremlosen. Punkt.

18.06.2012

Sogenanntes Netzwerken

(c) katzundgoldt.de
Liebe Freunde des niveauvollen Netzwerkens.
Ich habe ein grünes Bewusstsein, leider keinen grünen Daumen. Aber was ein Rhizomwurzler ist, weiß ich spätestens, seit ich versucht habe, den unkontrolliert vor sich hin wuchernden Bambus in meinem Garten in die Schranken zu weisen. Ein Wurzelgeflecht, das so dermaßen dicht zusammenwächst, dass man sich richtig wünscht, man hätte da jetzt einen ordentlichen Baum mit einer stinknormalen Wurzel, die man mal eben so punktuell ausgraben kann. Stattdessen pflügt man auf mehr als zehn Quadratmetern den Acker um und holt metertief kiloweise Mini-Asi-Wurzeln aus der Erde. Was das jetzt soll? Richtig. Rhizom. Bei Deleuze und Guattari dient dieser Begriff als Metapher für das postmoderne Beziehungsgeflecht, das die hierarchischen (Baum-)Strukturen der Gesellschaft ersetzt. Netzwerke statt Hierarchie ist das Stichwort. Und Netzwerke wollen gepflegt werden, bisschen Wasser hier, bisschen gut zureden da, etwas Vitamin B dann und wann - und schon wächst da ein Wurzelgeflecht mit Knotenpunkten heran, von dem der betriebswirtschaftlich denkende und "people business" orientierte Wissensarbeiter hofft, irgendwann einmal zu profitieren.

29.05.2012

Da ist der Sonntag von runter.

(c) Jürgen Müller
Liebe Freunde des gepflegten Äußeren.
Meine Mutter sagte früher immer: „Bei Matratzen und Schuhen sparst du am falschen Ende. Auf den einen und in den anderen verbringen wir die meiste Zeit unseres Lebens.“ Das sollte uns doch einen tieferen Griff in die Tasche wert sein. Hat ja auch mit Sichwasgönnen zu tun. Und mit fortschreitendem Alter auch mit Gesundheit. Und wenn sie verschleißen? Die teuren Schuhe zerkratzen? Der Hemdkragen aufribbelt? Die Hose abgewetzt ist und immer dünner wird? Was soll’s!? Gute Dinge sind da, um erlebt zu werden. Und wenn das Spuren hinterlässt, umso besser. Manche Sachen sehen einfach erst richtig gut aus, wenn sie eine Zeit lang benutzt wurden. Nicht alle, aber manche.

21.05.2012

Creative Cleptomaniac

Liebe Freunde radikalparasitärer Kreativität.
Es gibt kein Original. Jedes Original ist die Kopie eines anderen Originals, das eigentlich auch nur eine Kopie ist. Könnte man meinen. Man könnte aber auch sagen: Es gibt viel mehr Originale als wir vermuten. Und was heißt das praktisch? Sekundär. Erst einmal die Theorie. Eine Kopie ist eine Reproduktion, ein Plagiat, eine Imitation, eine 1:1-Wiederholung von etwas, das es bereits gibt. Ein Original wird es erst dann, wenn man seine eigenen kreativen Schnipsel hinzuaddiert, wenn man aus Vorhandenem, das man liebt, gut findet, bewundert, etwas Neues macht - mit seiner eigenen Handschrift. Mash-Up, Remix, Transformation - nennt es, wie ihr wollt. Das Ganze ist mehr als die Summe der einzelnen Teile. Ich freue mich ziemlich, denn lange habe ich nach einer Begründung gesucht, warum 1+1 tatsächlich 3 ergibt. Jede Person, die das nicht glaubt, sehe sich bitte das Begleitbild zu diesem Post an und stelle sich die Frage, wie viele Linien da zu sehen sind? Ich könnte mir vorstellen, dass die meisten sagen: zwei. Der geneigte Besserwisser lehnt sich dann entspannt zurück, grinst allwissend in der Gegend herum und sagt süffisant: "Und was ist mit der roten Linie zwischen den beiden weißen?"

10.05.2012

Dear Catastrophe Waitress!

Quelle: http://www.miss-geschenke.de
Liebe Freunde kneipenlustiger Schenkelklopfer. 
Ja sicher, Thekenwitze gibt es zum Gähnen viele. Aber Thekenkomik ist etwas anderes, wie ich finde. Daher möchte ich Euch die folgende Geschichte nicht vorenthalten. Die ist schon ein Weilchen her, aber das mindert die Alltagsabstrusitätsqualität nicht im geringsten. Außerdem hat sie mir damals den Abend versüßt, und als ich jüngst wieder dran dachte, erneut. Doppelfreude. Also bitte.
Wir saßen in so einer Bar, und um einen Überblick über die Finanzen zu behalten und uns ein wenig in trinktechnischer Selbstdisziplin zu üben, bezahlten wir jedes Bier direkt bei der Bestellung. Anders als die meisten hier, die in den Sitzgrüppchen verteilt ihre Getränke auf Deckel schrieben ließen. Wir waren zu zweit. Eine Freundin und ich saßen auf einem der Sofas, redeten über die Erlebnisse der Zwischenzeit und wechselten uns mit dem Bierholen ab. Als ich zum zweiten oder dritten Mal zur Theke ging, um die leeren gegen zwei volle Flaschen einzutauschen, lief das Gespräch ungefähr so ab:

26.04.2012

Wörter zuviel und Gedanken zu wenig

Quelle: http://lucido-media.de/blog
Liebe Freunde langer Texte.
Von dem Werbetexter Albrecht Hauss habe ich folgenden Satz geklaut: "Jedes Wort zuviel ist ein Gedanke zu wenig." 
Wer einmal "Marmeladenversuch" und "Paradox of Choice" googelt, gelangt sehr schnell zu dem berühmten Versuch von Sheena Iyengar und Mark Lepper. Die beiden haben herausgefunden, dass eine zu große Auswahl die Menschen in ihrer (Kauf-)Entscheidung hemmt. Jeder will Vielfalt, aber keiner will in der Zuvielfalt untergehen. Wie so häufig: Die Dosis macht das Gift. Und zuviel Auswahl und Freiheit machen irgendwann auch keinen Spaß. Das müssen wir alles mit unserer Zeit (und unseren Mentalreserven) bezahlen. Der Psychologe Barry Schwartz hat das ganze Dilemma in seinem Buch "Paradox of Choice" theoretisch aufbereitet. Was ich aber eigentlich sagen wollte: Zu viele Wörter machen auch keinen Spaß. Ich weiß, liebe Freunde, Ihr denkt jetzt `Das sagt der richtige´ und regt Euch darüber auf, dass ich hier so assoziativ gelockert ins Plaudern gerate. Recht habt ihr, aber ich halte mich eben doch (noch) zu gerne am ersten Teil des Spruches "Langer Rede kurzer Sinn" auf. Wer wirklich nur den kurzen Sinn sucht, liest eben nur die Überschrift. 

17.04.2012

Widerspruch ist zwecklos

Quelle: http://xkcd.com/386/
Liebe Freunde wohlklingender Wahrheiten.
Ich habe einen Witz geträumt, und der geht so: Treffen sich drei Sichtweisen. Sagt die eine: Ich bin die Wahrheit. Darauf die andere: Stimmt nicht. Und die dritte: Schnauze, ihr Egomanen. Wer glaubt, dass die Berichte über die Welt ein Abbild der Welt sind, glaubt auch noch an die Renaissance der FDP. Man muss kein Sozialkonstuktivist sein, um festzustellen, dass es DIE Wahrheit nicht gibt und jede kommunizierte Information eine subjektive Sicht der Dinge ist, eine Interpretation der vermeintlichen Fakten. Ja, gut, vielleicht gibt es dann und wann ein paar brutale Fakten, die im Alltagsleben so einem Konzept wie Wahrheit recht nahe kommen; wo es sprichwörtlich "keine zwei Meinungen" gibt. Kennt jede/r. Aber im Grunde gibt es nur Interpretationen und Geschichten, und das nicht nur in der Unterhaltungsindustrie sondern auch in elitären Steuerungszentralen unserer Gesellschaft. Einen interessanten Artikel hierzu hat vor ein paar Tagen Rainer Hank in der FAZ veröffentlicht: "Wirtschaft als Fiktion der Erzähler." Der hatte meine vollen 15 Minuten Aufmerksamkeit. Es ging um den Geschichtenerfinder Alexander Geiser - wenn ich PR-Profi sage, kriege ich sofort eine pelzige Zunge -, der sich im Auftrag der großen Konzerne dieser Welt Erzählungen ausdenkt. Gute Geschichten sind ja bekanntlich der Schmierstoff des Sozialen. Ganze Religionen basieren darauf. Bunten Paparazzi-Blättern dient diese Erkenntnis als Geschäftsmodell.

16.04.2012

Schlimmes Vorteilspack

Liebe Freunde wahnsinniger Wortneuschöpfungen.
Zugegeben, der Titel ist etwas irreführend. Das Wort "Vorteilspack" ist nicht neu. Das gibt es schon länger. Es hält sich bevorzugt in Supermärkten auf, winkt von mehr oder weniger hübschen Produktverpackungen herunter und will nur gekauft werden. Freundlich suggeriert es uns, dass es hier etwas zu sparen gäbe. Zwei für eins ist das Stichwort, oder plus X mehr Inhalt. Die Mehrmenge ist nicht gratis, soviel wissen wir als aufgeklärte Konsumenten. Denn sonst würde ja draufstehen: 25% mehr Inhalt, gleicher Preis, oder so. Der Vorteilspack meint aber dahingehend vorteilhaft zu sein, als dass hier eine größere Menge zu einem relativ gesehen günstigeren Preis erhältlich sei. Oder er stellt sich gar als Konvolut dar. Fünf verschiedene Sorten im attraktiven Vorteilspack. Dann wird wohl weniger an den Preis als mehr an die Bequemlichkeit appeliert. Oder beides.

12.04.2012

Basil Smash

Liebe Freunde leckerer Langgetränke.
Wir sind alle beschränkt. Normal. Wenn´s gut läuft, hält uns die Neugier am Leben und treibt uns voran. Wissen ist ja bekanntlich die einzige Ressource auf dieser noch schönen Erde, die sich bei Gebrauch vermehrt. Im konkreten Fall geht es um meine Beschränkung in puncto Basilikum, das ich sehr häufig für die Zubereitung eines Tomate-Mozzarella-Gerichtes verwende, ab und an auch zum Kochen. Noch nie aber habe ich das Zeug getrunken! Gestern kam ich in den Genuss eines wahrlichen Horizonterweiterers. Dem Gin Basil Smash. Ein sehr feiner Cocktail, bei dem der Sommer auf der Zunge explodiert. Meine Ex-Kollegin Birgit führte mich in die Leobar im Grindelhof (Hamburg Rotherbaum), aber falls ihr auch mal dahin wollt: das Haus, das die Bar beherbergt, wird in drei Tagen abgerissen. Schade, denn es ist ziemlich gemütlich dort. Und die gebotenen Getränke sind formidabel. Vor allem der Basil Smash. Zuckersirup. Zitronensaft. Gin. Und Basilikumblätter. So ungefähr 20 Stück pro Drink. Der Hammer. Geschmacksexplosion deluxe.

10.04.2012

Rosarote Brillen

Quelle: http://grinding.be
Liebe Freunde der unmittelbaren Zukunft.
Neulich konnte man lesen, dass Google mit dem Test einer Augmented-Reality-Brille begonnen hat. Wearable Computing ist das Stichwort. Da ist es also. Vor ein paar Monaten habe ich Daemon von Daniel Suarez gelesen. Ein tolles Buch, das den Aufbau eines parallelen, volltransparenten Internet beschreibt, in dem die ausgewählten Personen mit HUD-Brillen (Head-Up-Display) rumlaufen und in Echtzeit Informationen über andere Mitglieder abrufen können, deren Netzwerkstatus, Freundschaftsbeziehungen, Bankkonten und so weiter. Da lese ich also sowas und denke, ja gut, Zukunft, und dann lese ich kein halbes Jahr später über die HUD-Brille von Google. Sowas ist zwar immer mal wieder im Gespräch gewesen, aber wenn Google das anpackt, wirkt es irgendwie sehr real. Die Zukunft kommt immer näher, könnte man meinen. Beeindruckend. Eigentlich ist sie ja schon immer da gewesen, die Zukunft, und hält in der Gegenwart die Tür ins Morgen einen Spalt breit offen. Bei technologischen Innovationen ist es aber nun einmal so, dass die Menschen diese auch kulturell akzeptieren müssen.

28.03.2012

Blackout

Liebe Freunde des gestrichenen Wortes.
Schreiben macht Spaß. Zu lange Texte wieder zu kürzen, ohne dabei an Stringenz zu verlieren, macht nicht so viel Spaß. Aber aus vorhandenen Artikeln - egal welcher Länge - neue Texte mit einer ganz anderen Bedeutung zu machen, macht großen Spaß. Das sollte jede/r mal ausprobieren und feststellen wie es ist, aus einem Zeitungsartikel über die Hamburger Straßenverhältnisse ein Minigedicht über die morgendliche Geistesverfassung zu machen. Da ich im Grunde eine parasitäre Existenz bin, die liebend gern aus Altem Neues macht, habe ich diese Methode von Austin Kleon geklaut, einem, ja, was ist er eigentlich? Künstler? Klingt so last century. Überzeugt Euch selbst und klickt rüber zu seiner Netzpräsenz. Die Gedichte sind sehr schön. Wer nicht groß suchen will, schaut sich einfach nur mal das hier an. Oder das hier. Herrje, schaut Euch einfach alle an.

14.03.2012

Daumen hoch!

Liebe Freunde des digitalen Schulterklopfens.
Dass unser gepflegtes Achtmillionen-Netzwerk keine Unmutsbekundungen über hirnrissige, kritikwürdige oder sinnentleerte Status-Updates kennt ist ja hinlänglich bekannt. Muss man sich halt anders behelfen. Die Facebook-Gruppen "Dislike-Button" und "We want a Dislike Option" haben inzwischen zusammen über 5,5 Millionen "Likes." Aber Facebook zeigte sich bereits zur Blütezeit dieser Protestwelle Mitte 2009 uneinsichtig. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. In einem Artikel der Welt wird ein Facebook-Sprecher zitiert, der den Widerstand des Unternehmens mit Blick auf die Einführung eines Dislike-Buttons wie folgt begründete: „Positive Meldungen passen besser zu uns als negative. (...) Eine destruktive Information erzeugt keine viralen Effekte." Keine Macht den Miesepetern. Keine Macht der schlechten Laune. Keine Macht der Kritik. Darf man mal vorsichtig fragen, was dieser konfliktscheue Zwangsoptimismus soll? Das ist, gelinde gesagt, realitätsfern. "Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen." Das steht auf der Homepage, so beschreibt sich das Netzwerk selbst. Aber eigentlich müsste da statt "Menschen" besser "Gleichgesinnte" stehen. Denn wo die Kritik nicht erwünscht ist, da schmort die konsensgezwungene Gemeinschaftlichkeit im eigenen Sud und betoniert ihr scheuklappengesichtiges Weltbild.

12.03.2012

Das Primel-Prinzip

(c) Julia Schonlau, jujus-delivery.com
Liebe Freunde knackiger Prinzipienreiterei.
Manchmal hört man Sätze wie: "Das verstößt gegen meine Prinzipien" oder "Das mache ich prinzipiell nicht/ immer so." Prinzipien sind gut. Sie sind ein roter Faden, an dem man sich in seiner Weltbewältigung entlang hangeln kann. Sie erleichtern das Leben, geben Routine und bieten Verlässlichkeit. Sie sind eine zur Gesetzmäßigkeit gewordene Regel, ein Postulat, das die Welt erklärbar macht. Oder zumindest Teile davon. Und wenn kluge Köpfe irgendwelche Prinzipien postulieren, dann werden sie oft mit dem Namen des Entdeckers benannt. Prinzipien eignen sich auch hervorragend, um mit kleinen Wissensstücken zu glänzen und eventuell vorhandene Wissenslücken zu verdecken. In diesem Kontext wären sie dann dem "Information Snacking" zuzuordnen, also im Prinzip der schlagzeilenintelligenten Aufnahme von Informationen mit dem Ziel der Weitergabe, die auch ohne notwendige Verarbeitung im Denkzentrum stattfinden kann. Snack food for thought. Wie auch immer. Ich war schon immer ein Fan des Peter-Prinzips. Und heute habe ich auch noch das Shirky-Prinzip kennen gelernt. Beide sind toll. Und beide möchte ich kurz vorstellen. Das könnte prinzipiell der Auftakt sein zu einer kleinen Serie über die Prinzipien dieser Welt.

09.03.2012

Satzzeichen retten Leben

(c) http://hanshirt.spreadshirt.de
Liebe Freunde der korrekten Schriftsprache.
Wer nicht glaubt, dass ein Komma oder ein Bindestrich fundamental wichtige Satzzeichen sind, der braucht eigentlich gar nicht weiterlesen. Das Semikolon wird auch sehr unterschätzt, aber darum geht es hier jetzt nicht. Neulich hörte ich meine Nachbarin rufen "Wir essen jetzt, Kinder." Ob es an ihrer Betonung lag oder ich mir das nur eingebildet habe, weiß ich nicht mehr. Ich habe jedenfalls das Komma in ihrer Aussprache nicht gehört und war kurzfristig verblüfft ob der bislang nicht bekannten kannibalischen Tendenzen meiner Nebenwohner. Letztlich gab es nur Nudeln, aber egal. Da fiel mir wieder ein, dass so ein Komma wirklich wichtig ist; glaubt man ja fast gar nicht mehr in einer Zeit, in der der Inhalt wichtiger wird als die Form. Hauptsache, kommunizieren. Wie, ist zweitrangig. Seit vielen Jahren bin ich auch glühender Verfechter des Divis - nicht nur ein schönes Wort, sondern auch ein wichtiges Zeichen, so ein Bindestrich. Er verbindet Wörter und trennt sie zugleich. Wenn das nicht eine tolle Leistung ist. Lässt man ihn weg, hat das Wort eine ganz andere Bedeutung. Das nennt der Volksmund dann "Deppenleerzeichen."

08.03.2012

Tschüs Mahlzeit!

(c) katzundgoldt.de
Liebe Freunde der mittäglichen Kulinarik.
Jüngst las ich in der Wirtschaftswoche von einer Umfrage, wonach jeder dritte deutsche Arbeitnehmer keine Mittagspause mehr macht und während der Arbeit isst. 18 Prozent pausieren lediglich für eine Viertelstunde. Knapp ein Drittel legt für 30 bis 45 Minuten die Arbeit nieder und nur 20 Prozent machen eine volle Stunde Pause. Das sind interessante Zahlen, aber überraschen sie? Ich denke nicht. "Desk Food", also das Essen am Arbeitsplatz, und "Road Food", das Essen unterwegs, sind schon länger Bestandteil der so genannten "To-Go-Kultur", auch wertend "Mitnehm-Manie" genannt. Das kann man gut finden oder nicht, Fakt ist: Diese Entwicklung ist ein Ausdruck des zunehmenden Effizienzdenkens. Der Versuch, durch Multitasking produktiver zu sein, denn schließlich kann man so eine simple Tätigkeit wie Essen recht gut nebenher praktizieren und muss sich nicht so darauf konzentrieren wie auf die Analyse eines drängenden Projektproblems. Dass es sich dann um bloße, physiologisch motivierte Nahrungsaufnahme handelt und weniger um Essen als sinnliches Erlebnis: geschenkt. Die Zeit ist ein knappes Gut und will gut genutzt werden. Denn auch wenn die To-Do-Listen immer länger werden und ein Tag für das Tagespensum mittlerweile nicht mehr ausreicht: Noch hat der Tag nur 24 Stunden.

Psychologisch ungünstig

Liebe Freunde progressiver Widerstandsfähigkeit.
"Das Tor fiel zu einem psychologisch ungünstigen Zeitpunkt", hört man manchmal Sportreporter oder Trainer resümieren, wenn es darum geht, eine Niederlage zu analysieren oder vielleicht auch schönzureden. Gemeint sind dann Gegentore, die kurz vor der Halbzeitpause fallen, oder direkt in eine Drangphase der eigenen Mannschaft. Klassiker halt. Jetzt drängt sich aber irgendwie die Frage auf, ob es auch Gegentore gibt, die zu einem psychologisch günstigen Zeitpunkt fallen. Der durch seine naseweisen Sprüche bekannte Trainer Christoph Daum hat diese Frage einmal gestellt und damit voll ins Schwarze getroffen. Denn ein Gegentor ist eigentlich immer etwas schlechtes. Na gut, manchmal kommt es vor, dass ein Gegentor auch als sogenannter Weckruf dienen kann und sich die eigene Mannschaft nochmal richtig ins Zeug legt und das Spiel vielleicht noch dreht. Aber der Ausspruch, das Tor sei zu einem "psychologisch ungünstigen Zeitpunkt" gefallen lässt meist darauf schließen, dass ein Spiel verloren wurde und genau dieses Gegentor der Knackpunkt des Spiels gewesen ist.

06.03.2012

Klappe halten!

Liebe Freunde des profunden Halbwissens.
Wer weiß denn schon alles? Es gibt wenig, was wir wissen und nur unwesentlich mehr, von dem wir wissen, dass wir es nicht wissen. Aber das größte Stück vom Kuchen machen ja wohl die Dinge aus, von denen wir noch nicht mal wissen, dass wir sie nicht wissen. Ist das schlimm? Nein, das ist nicht schlimm. Obwohl Goethe das anders gesehen hat: „Toren und gescheite Leute sind gleich unschädlich. Nur die Halbnarren und Halbweisen, das sind die Gefährlichsten.“ Jetzt liegt es mir zwar fern, gegen Goethe zu schießen, aber schließlich hat der auch zu einer anderen Zeit gelebt. Und ich glaube, er war auch sehr gebildet, da lässt sich sowas leicht sprechen. Also, Halbwissen an sich ist erstmal nicht so schlimm, behaupte ich jetzt mal. Weil es heutzutage unvermeidlich ist.

27.02.2012

Wahre Größe ist eine Frage der Fantasie

Liebe Freunde des gepflegten Perspektivwechsels.
Wenn die Welt zu groß für uns wird, konzentrieren wir uns besser auf die kleinen Ausschnitte des Lebens. Die sind nicht unbedingt leichter zu bewältigen, wirken aber irgendwie überschaubarer, geben hin und  wiederdas Gefühl von Kontrolle. Muss aber nicht sein.
Vor knapp drei Jahren hat die Telekom mal eine Kampagne in Tiltshift-Optik umgesetzt. Seitdem kursieren unglaublich viele Bilder und Videos, die sich dieser Ästhetik bedienen. Durch den minimalen Schärfebereich sehen die abgebildeten Menschen da immer aus wie Figuren aus einer Miniaturwelt. Ein auf den ersten Blick ganz lustiger Effekt, der sich aber sehr schnell abnutzt. Dass wir Menschen kleine Viecher sind, ist schließlich auch nichts Neues. Viel interessanter finde ich den Gegenentwurf hierzu.

24.02.2012

Einfach mal machen

Matt Jones
Liebe Freunde des steten Wandels.
"Es ist wie es ist, und es ist fürchterlich", soll der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard einmal gesagt haben. Vielleicht stammt der Satz aber auch von Hans Henny Jahnn. Wer auch immer das gesagt hat: besten Dank dafür. Es ist ein schöner Satz. Er leuchtet immer dann in heller Wahrheit, wenn die Welt es wagt, von unserer Vorstellung abzuweichen. Und wenn wir feststellen, dass es nicht zu ändern ist. Ein sehr passender Satz, um es sich in der eigenen Ausweglosig- und Antriebslosigkeit bequem zu machen. Eine sprachliche Killer-App für jeglichen Aktivismus. Und ein wunderbarer Dünger für die nötige Portion Alltagszynismus. Den Satz im Standard-Repertoire für schmale oder tiefe Gesprächsführung zu haben, kann sicher nicht schaden. Wenn er dann tatsächlich gesagt wird, könnte der versierte Gesprächspartner vielleicht mit dem französischen Philosophen Gilles Deleuze beiläufig antworten: "Weder zur Furcht noch zur Hoffnung besteht Grund, sondern nur dazu, neue Waffen zu suchen." Bleibt die Hoffnung, dass man auch die passende Waffe findet. Und, weil alles schließlich zwei Seiten hat, bleibt auch die Furcht davor, dass man die passende Waffe findet, denn: was machen wir, wenn wir sie gefunden haben? Sie benutzen?