02.11.2017

Kalt und still

Liebe Freunde einsamer Enden.
Vor knapp einem Jahr habe ich Euch das erste Kapitel von "Zeitgruppe Null" hier präsentiert. Ich überspringe die nächsten 22 und komme direkt zum Ende. Wer das Buch jetzt noch nicht gelesen hat, wird es sicher nicht mehr lesen. Sollte die Lust auch da sein, es fehlt einfach die Zeit, nicht wahr? 
Die Zeit. 
Die stets gleich große 24-Stunden-Kiste, in die wir menschlichen Multioptionsfragmente immer mehr hineinstopfen. 
Die Zeit. 
Sie läuft weiter und immer gibt es etwas, das neuer ist als das Gestern. 
Und immer gibt es mehr davon. 
Wie auch immer. 
Der Jahreszeit entsprechend sprühe ich den Nebel des letzten Kapitels in Eure müden Pixelaugen. Man muss den Rest nicht kennen, um die Anti-Euphorie zu verstehen. In diesem Sinne: verwaltet Eure Zustände und gebt Euer Bestes zwischen den Tiefpunkten. 
Das Bild ist übrigens von Benjamin Rabe, den ich in einem frühen Stadium des Romans um ein Titelbild gebeten hatte. Ich finde das Bild immer noch treffend, die Nase des großen Bruders, der die vielen Versionen der eigenen Identität inhaliert.

 
(24) Kalt und still

Das Husten schallte im Treppenhaus und warf ein Echo zurück. Jede Stufe knisterte unter seinem Gewicht. Die Wohnungstür war schwer wie ein geübtes schlechtes Gewissen. Simone stand im Wohnzimmer. Die rot geränderten Augen lagen leer im Kopf. Nur ein kurzes Funkeln in ihrem Blick, als sie ihn musterte, die tief hängenden Schultern. Ein schwacher Seufzer stolperte über ihre Lippen und verlor sich in der Stille eines unheiligen Abends. Eine Stille, die mehr als zwanzig Ehejahre in sich trug.

Breidel schlich unsicher auf sie zu und nahm sie in den Arm. Sie antwortete mit einer fernen, teilnahmslosen Nähe. Er blickte an ihrem Ohr vorbei und sah zur Ecke des Wohnzimmers, in der in nicht allzu ferner Zukunft der Weihnachtsbaum stehen würde, üppig geschmückt, alle Jahre wieder. Eine Warnung gegen das Alleinsein. Echte Kerzen. Die Blaufichte würde bereits beim Einstielen ihre Nadeln auf dem Boden verstreuen, dafür dankte sie mit dem würzigen Aroma einer echten Tanne. Das Bild verschwamm in seinen feuchten Augen. Der Geruch von Lebkuchen und Glühwein, Mandeln und Marzipan zog in seine Nase. Ein Duft in Moll, schwer und träge wie eine bittere Täuschung. Es gab kein Entkommen. Die Supermarktregale waren schon seit Wochen voll mit Jahresendgebäck. Wohin man auch ging, überall beleuchteten die Kalorien den Countdown zum Besinnlichkeitsstress. Es gab kein Entkommen vor der Zeit, die unaufhörlich gegen null tickte. Und dann ging alles von vorne los. Immer.

Breidels Hand lag auf Simones Hinterkopf, und die sogenannte Zeit zwischen den Jahren erschien als Vakuum, das die Bilanz der vergangenen Monate umschloss und erstickte, das alle Erfolge und Misserfolge zu neuen Vorsätzen verdichtete. Mit jedem Jahr verging die Zeit schneller, weil die Erfahrung immer mehr Routinen hervorbrachte, die jede Neugier verbrannten. Alles wiederholte sich. Alles blieb turbulent, nichts bewegte sich. Nur die Kiste mit Unglücksvorräten wurde immer voller, während die Restbestände eines glücklichen Lebens langsam, aber sicher aus den Regalen verschwanden.

Der Weihnachtsduft verflog, Schwarzpulver kribbelte ungefiltert durch die Nase und versank im Unterbewussten. Dann knallten die Raketen und läuteten die nächste Runde ein, während er Simone im Arm hielt, eine letzte Ewigkeit. Ihre Haut roch so intensiv wie lange nicht. Der Moment, in dem alle guten Vorsätze nur Sekunden nach ihrem Abschuss in buntem Glitzerfeuerwerk unter dem Neujahrshimmel explodierten. Jedes Jahr aufs Neue. Innerhalb von Sekunden rieselte alle Energie, die man mitnehmen wollte in die nächste Zeit, aus der Dunkelheit herunter, um nach kurzem Spektakel sofort wieder in ihr zu verschwinden. Ein Augenblick der Farbenfreude, der böse Geister vertreiben sollte. Aber wenn der Rauch und der Rausch sich verzogen hatten, blieb nur die Erkenntnis, dass alle bösen Geister, die tief in uns schlummerten, durch den Knall der Raketen erst aufgeweckt wurden und unruhig ihr Unwesen trieben. Acht Wochen noch bis dahin. Acht Wochen, dann würde das Christkind erschöpft in der Ecke liegen und beginnen, sein Trauma aufzuarbeiten. Was waren schon acht Wochen? An die Ewigkeit gebunden, war der Mensch nur ein Augenblick.

Er versuchte die Jahresendzeitstimmung zu vertreiben, aber die kalte Hand hatte keinen Schwung. Breidel schloss die Augen und dachte an den Mai. Er war viel zu weit weg, um ihn zu hören. Auf der anderen Seite seiner geschlossenen Lider braute sich eine neue Wirklichkeit zusammen. In die Stille drangen Simones Worte, mit einer Stimme, die noch nicht bereit war zum Sprechen, die lange nicht gesprochen hatte, heiser und leise. „Wir müssen reden.“

Sie löste sich aus der reglosen Umarmung, ging ein paar Schritte Richtung Fenster, stand eine Weile deplatziert im Raum, setzte sich auf den Sessel, der dort stand, wo unter normalen Umständen in ein paar Wochen der Weihnachtsbaum stehen würde. Aber wann waren die Umstände schon normal?

Breidel wusste nicht, wohin mit seinen Händen. Sie klebten unnütz an den Armen, die unnütz an seiner Schulter baumelten. Er kannte diesen Satz. Sie hatte ihm diese drei Wörter auf sein Display geschickt. Und nun sprach sie sie aus. Er spürte einen Stich in der Brust, weniger qualvoll als erwartet, aber immer noch so schmerzhaft, dass er ihn daran erinnerte, am Leben zu sein. Wir müssen reden.

Immer, wenn man nicht weiterweiß, wird geredet. Und immer, wenn man sich nichts mehr zu sagen hat, muss man reden. Breidel stand mitten im Zimmer und wartete auf einen Satzanfang. Simone saß zusammengekauert auf dem Sessel, die Füße hochgezogen, mit beiden Armen umgriffen. Ihr Gesicht war in blasse Trauer gemeißelt. Sie wartete auf einen Satzanfang.

Ein Vogel krächzte auf der anderen Seite des Fensters. Autos hupten hinter dem blickdichten Vorhang. Eine kleine Falte zog sich über Simones Nasenrücken. Breidel zündete sich eine Zigarette an. Der Satzanfang kam nicht.

Oftmals, wenn man reden will, ist da nur langes Schweigen. Und die Hoffnung darauf, dass jemand das Schweigen bricht. In den wirklich wichtigen Situationen geschieht das so gut wie nie. Und wenn, dann meist unvollständig. Mit einer zerbrochenen Sprache, völlig gleichgültig in allem, laufen wir unserer Abwesenheit hinterher und finden keinen Weg.

Von innen zog ein Regenschauer auf und verdünnte ihre Tränen. Sie sahen sich an. Ihre Blicke rutschten aneinander vorbei, verkanteten sich dann und wann für einen kurzen Moment in den Augen des anderen, rutschten wieder ab, fielen als versteinerte Liebe zu Boden oder stiegen als verkapselte Emotion hoch zur Decke. Niemand wollte hier sein, aber niemand konnte diesen Ort verlassen.

Über dem Sofa hing ein Bild von Paula. Sie hatte es gemalt, als sie fünf oder sechs war. Es zeigte Paula im Bett, Breidel saß neben ihr, mit riesigen Händen. Die sollten die schlechten Träume verjagen, hatte Paula damals gesagt.

Die Zeit dehnte sich, streckte sich aus, gähnte und legte sich schlafen. Sie verging. Was sollte sie auch sonst machen? Das Blut rauschte durch den Körper, durch die Stille. Jeder schwieg von etwas anderem. Ich habe Geduld, sagte die Zeit, schloss die Augen und wartete darauf, dass die beiden, die sich hier im Zimmer aufhielten, irgendwie mit ihr umgehen würden. Jeder schwieg seine eigene Wahrheit oder zumindest die persönlichen Version der eigenen Wahrheit, während alle anderen Sichtweisen unerzählt und sprachlos im Kopf schlummerten.

Ich bin nur die Plattform für Ereignisse, murmelte die Zeit schläfrig. Was ihr Menschen mit mir macht, kümmert mich nicht sehr, aber wenn euch langweilig ist, kann ich einen Witz erzählen. Ein Räuspern in der Luft, wie das Summen eines Insektes.

„Was denkst du?“, fragte Simone, und mit der Sprache kamen noch mehr Tränen.

„Nichts“, sagte Breidel, und er sagte es wie eine Lüge, die gar nicht erst den Versuch unternahm, im Geheimen zu bleiben. „Ich weiß auch nicht“, schob er seufzend hinterher und wusste, dass der Moment längst vorbei war. Man konnte im Leben nichts nachholen. Jeder Moment kam nur einmal. Verpasste Gelegenheiten waren verpasste Gelegenheiten, und sie würden es immer bleiben.

Sie seufzte. Ihre Stirn lag in beiden Handflächen.

Jede neue Liebe war wie ein Meteoriteneinschlag, der das Herz zertrümmerte. Beim Einschlag starb das Herz und konnte die Liebe nicht mehr erleben. Breidel stand vor den Trümmern und war sprachlos. Mit der verklemmten Technik hoffnungslos vernachlässigter Atemübungen hechelte er der neuen Zukunft hinterher. Ihn überkam der Wunsch, unter den Teppich gekehrt zu werden. Simones Blick klebte an der Wand. Jedes ausgesprochene Wort hat unzählige unausgesprochene Geschwister. Im Schatten der gedimmten Beleuchtung saßen die unausgesprochenen Sätze und trauten sich nicht ans Licht. Vereinzelt huschten Wörter stumm über den Fußboden. Sie wollten nicht gebraucht werden und entzogen sich allen Zusammenhängen. Eine Ersatzwahrheit lugte zwischen den Rillen der Holzdielen hervor und verschwand, bevor Breidel sie entdecken konnte. Im Fernsehen hat mal jemand gesagt, die Wirklichkeit einer Nacht sei niemals die volle Wahrheit.

Das ganze Gift sammelte sich im Mundstück, und mit dem letzten Zug erreichte die Hoffnung ihr Aschegrab. Breidel drückte die Zigarette aus, sorgfältig und langsam, als müsste er sich von etwas trennen, das ihm mehr bedeutete als seine Gesundheit. Die Zeit verging immer weiter.

Wieder ein Räuspern, unbeholfen. Simone sammelte Luft und presste sie zu einem Satz, der blass aus ihrem Mund fiel. Ihre Augen wie dunkle Löcher. „Ich ziehe erst mal zu meinem Bruder. Simon und Karla wissen schon Bescheid. Paula sage ich es morgen.“

Eine lange Verzögerung lag in ihren Wörtern. Dann gab es keine Wörter mehr. Dann war wieder nur Schweigen, und im Schweigen gingen sie auseinander, begleitet von dem großen Wunsch, gebraucht zu werden.

Breidel sagte nichts. Aus unsichtbaren Wolken fielen Regentropfen auf sein Gesicht, drückten sich als Tränen in die Augen. Mit jedem Tag wurden die Träume kleiner, jeden Tag schnitten wir ein kleines Stückchen ab und warfen es weg, mal in vollem Bewusstsein, mal in benebelter Abwesenheit. Tut mir leid, sagte sein Herz, langsam und leise, aber der Mund verstand es nicht. Das Schweigen krachte wie ein Donner und hämmerte sich ins Gehör. Er suchte ihren Blick, erreichte ihn nicht. Wieder war ein Moment vergangen.

Als Simone aus dem Zimmer ging, aus der Wohnung, mit ihrer Tasche und dem Rollkoffer, machte Breidel eine Handbewegung, die aussah, als vertreibe er die Luft. Aber sie würde immer wiederkommen, kam immer wieder, war schon da. Letzte Geräusche, wie sie in ihrer Handtasche wühlte, das Rascheln ihrer Jacke, das Klackern der Stiefel, die Tür, die ins Schloss fiel. Dann war er allein. Niemand, der die Stille mit ihm teilte. Simones Füße brachten sie Stufe um Stufe nach unten, auf den Boden der Tatsachen, hinaus aus dem Haus und hinein in ein neues Leben. Es gibt nichts mehr zu sagen, flüsterten die Stufen im Treppenhaus, und das Echo dieses Satzes ließ die Wände erzittern. Eine Gänsehaut schauderte über Breidels Arme, über seinen Rücken, verschwand.

Während die Nacht die Gesichter verschluckte, blitzte ein dünner Mond hervor, ließ alle Fehler blass erscheinen, bevor er sich geschlagen gab und hinter dichten Wolken verschwand. An jedem Abend verabschiedete sich der Tag und versprach wiederzukommen. Niemand wusste genau, ob es ein gut gemeintes Ehrenwort oder eine böse Drohung war.

Breidel tastete nach seinem Telefon. Er hoffte auf einen Anruf. Fink, Mock, Tessel. Egal. Hauptsache etwas, das ihn hier rausholte. Hauptsache etwas, das noch böser war als die eigenen Gedanken.

Er blickte aus dem Fenster, das die Umrisse seines Oberkörpers spiegelte. Sie verloren sich im Ungefähren der Dreifachverglasung, fransten aus und waberten auf der Scheibe. Schwarz war die Nacht, und den Wunsch zu leuchten hatte sie längst vergessen. Vereinzelt warfen Laternen helle Punkte auf die Straßen. Sie irrlichterten über den Asphalt, und um sie herum wirkten die Schatten noch gefährlicher. Gespenster heulten ihre Angst vor dem Licht in die flüssige Luft. Hinter dem Vorhang des Misslingens feierte der Beginn eines neuen Lebensabschnitts ein rauschendes Fest. Er lief durch die Welt, bis an die Grenze seiner Möglichkeiten. Und weit darüber hinaus. Man sah ihm an, dass er alles richtig machen wollte. Hinter der Dunkelheit wartete die nächste Zukunft. Dort musste das Paradies liegen, mit blühenden Wiesen und einem warmen Himmel, dessen farblose Luft von einem intensiven Blau dominiert wurde. Ein Himmel, der Heilung und Zufriedenheit versprach. Mit einer Sonne, die zärtlich die Haut berührte, und einem feinen Wind, beladen mit dem Duft von Klee und frisch gemähtem Gras. Mit einer hellen Zuversicht, die alle schönen Träume in die Tage trug.

Ein Wackeln in seiner Brust, ein kleiner Reiz, der nervös im eigenen Grundrauschen tanzte. Ein fremdes Signal, wie etwas Neues, das sich noch vehement weigerte, Teil des eigenen Lebens zu werden. Breidel atmete tief ein und hoffte auf den Geruch des Sommers, aber nichts wehte in seine Nase. Die Luft schmeckte nicht mal nach Sauerstoff. Ein Seufzen floss aus seiner Nase und suchte sich einen Platz in Vierwänden. Schwach zogen die Organe lebenswichtige Moleküle aus dem Blut und wurden nicht satt. Das Alte war verschwunden, und das Neue war noch nicht geboren. Es war die Zeit der Monster. Im diffusen Licht des Ungewissen trauten sie sich aus ihren Verstecken, krochen aus den Ecken und gruben sich in die Leere der Nacht. Alles war ruhig, und auf den Straßen gab es noch keine Anzeichen für den bevorstehenden Neuanfang.


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