16.01.2017

Mehr als drei Fragezeichen

Liebe Freunde geschlossener Geschichten. 
Nachdem mein fulminantes Debüt-Debakel "Zeitgruppe Null" nun bereits mehrere Monate den sogenannten E-Book-Markt aufmischt, also aufmischen im Sinne von Bodensatz bilden und wenig Beachtung finden, erlaubt mir an dieser Stelle ein paar warme Worte zu den Untiefen der losen Fäden und nicht geklärten Enden. Zum E-Book-Markt und zu der Qualität des Romans möchte ich indes nicht Stellung nehmen. Anfragen diesbezüglich bitte an die entsprechenden Personen. Ich hatte das Vergnügen, im letzten Jahr eine Leserunde bei Lovelybooks mitzumachen. Es gab positive Bemerkungen, und es gab kritische Stimmen. Die positiven haben mich sehr gefreut, aus den kritischen habe ich viel gelernt. Kritik kann bekanntlich sehr positiv sein, und wenn sie von Menschen kommt, die ihre knappe Zeit investieren, um mein mehr oder weniger gelungenes Werk zu lesen, dann ist das durchaus ein großes Geschenk, wenn diese Menschen sich auch noch die Zeit nehmen und ihre Meinung zum Roman kundtun. 

In den Rezensionen wurde häufig das allzu offene Ende beklagt. Ich kann verstehen, dass das viele irritiert und unbefriedigt zurückgelassen hat. Aber als ich diese Geschichte geschrieben habe, gab es für mich keine andere Lösung. Die Unwissenheit, mit der wir uns durch die Welt bewegen, die Undurchsichtigkeit der Verhältnisse, die Kompexität der Motivationen menschlichen Handels, die vielen Fragen, auf die wir (ich) im echten Leben kaum eine Antwort finden - ich musste das für diese Geschichte irgendwie umsetzen. Es hat sich damals falsch angefühlt, eine "Lösung" zu präsentieren. Denn die gibt es meiner Meinung nach nicht. 

Deswegen möchte ich hier ein paar erklärende Sätze loswerden und denen, die das Buch gelesen haben, zumindest eine kleine Kerze in die Dunkelheit halten. Heutzutage muss man ja dazu sagen, dass ich mich damit nicht gegen Kritik rechtfertigen möchte, im Gegenteil, es überwiegt die Dankbarkeit. Ich habe aber das Bedürfnis, meine Absicht hinter einigen wahrgenommenen Ungereimtheiten und Unvollständigkeiten zu schildern. Und wer den Anti-Euphorie-Text noch nicht gelesen hat, kriegt hier entweder ein paar astreine Spoiler ums Auge gewedelt oder eine Art Lesehilfe mit auf den Weg, je nachdem.

Zum Amoklauf:
Die Frage ist berechtigt, in welchem Kontext Wagners Tat zu der Geschichte steht. Auch das habe ich bewusst offen gelassen. Die Amok-Läufe der jüngsten Vergangenheit zeigen: Vieles ist Spekulation, eine Konstruktion von Wirklichkeit, die schnell als objektive Wahrheit verkauft wird. Indizien werden häufig mit Beweisen verwechselt. Insofern war es hart - und sicher auch hart im Lesen, die Motive der Tat offen zu lassen. Aber das ging nicht anders. Ich kenne die Motive von Robert Wagner selbst nicht. Ich weiß nicht, ob er rumgeballert hat, weil er auf Droge war, oder weil er vom Tod seines Vaters erfahren hat, oder weil er von seinem Vater zutiefst enttäuscht war, oder weil er plötzlich doch radikalisierte, oder ob er nur seine "15 minutes of fame" haben wollte. Ich weiß nicht, ob er absichtlich das Bekennerschreiben vergessen hat - oder ob die Tat überhaupt im Zusammenhang mit den Aktivitäten der Zeitgruppe Null stand. Ich hätte etwas konstruieren können, aber ich wollte das bewusst offen lassen und die Lesenden (genau wie die Menschen im "echten" Leben) mit vielen offenen Fragen in den Alltag entlassen. Fragen, die man sich stellt, wenn man von so einem Ereignis hört. Fragen, auf die es in den ersten ein bis zwei Tagen danach zumeist (noch) keine Antwort gibt. Ich weiß, dass das weh tut, mir ging es nicht anders.

Zum Bundeskanzler:
Eigentlich ist er ja so etwas wie der heimliche Held - obwohl er kaum eine aktive Rolle spielt. Einer, der die Gesellschaft verbessern will. Aber kann er das wirklich? Die Tatsache, dass auch er sich in seinem Bestreben nach dem "Bruttosozialglück" mit Leistungsdrogen zuwirft (Anti-Schlaf-Pille), um vorwärts zu kommen, ist der dunkle Punkt auf dieser weißen Weste. Er kann an politischen Widerständen scheitern, er kann seine psychische und physische Gesundheit runinieren. Oder beides. Er kann es aber auch schaffen - doch um welchen Preis? Dass die Zeitgruppe Null mit illegalen Mitteln hier den Kanzler unterstützt, ist die Ironie der Geschichte. Wer gewinnt? Gut oder Böse? Welche Gültigkeit hat diese Unterscheidung heute überhaupt noch?

Zu Klamberg und BraInfluence:
Das Ende habe ich zwar nicht explizit gemacht, aber dadurch, dass Klamberg auf dem Video der Zeitgruppe Null zu sehen war, ist davon auszugehen, dass seine Firma keine Zukunft hat. Oder vielleicht doch? Möglicherweise aber ohne Klamberg, denn mit diesem neuen Wissen hätte Kommissar Breidel vielleicht ein Argument, die Ermittlungen gegen Klamberg aufzunehmen. Vielleicht. Aber selbst wenn - gibt es Beweise gegen Klamberg? Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dieser ekelhafte Kerl mit einem blauen Augen davon kommt. Aber selbst, wenn nicht - es gibt andere Firmen, andere Politiker und Unternehmer, die in Hinterzimmern Gespräche führen werden. 

Zu Kommissar Breidel:
Privat ist er gescheitert. Seine Ehe ist ruiniert. Und beruflich ist er auch gescheitert. Was den Amoklauf angeht, ist er ebenso ahnungslos wie Du und ich. Er spekuliert, hat Indizien, aber keine Beweise. Er muss bei Null anfangen, privat wie beruflich. Im Grunde ist das ganze Buch ein Text über das Scheitern, und es gibt nur gelegentliche Strohhalme, an die man sich klammern kann. Und ja, das Thema "Scheitern" fasziniert mich: Scheitern an der beschleunigten Gesellschaft („Wieso hat der Tag nur 24 Stunden?“). Scheitern am Leistungsdruck („Wie kann ich mithalten?“). Scheitern an der Zuvielfalt der Möglichkeiten („Welche Option ist die beste?“). Scheitern an der Zeitarmut („Wie soll ich das alles schaffen?). Scheitern an der Sinnfrage („Warum mache ich das alles?“) Scheitern an eigenen Ansprüchen und der inneren Leere („Wofür lohnt es sich zu kämpfen?“). Indem ich Breidel am Ende komplett auf Null setze, ist er für mich ein Sinnbild des auf ganzer Strecke Gescheiterten.

Zur Zeitgruppe Null und Winkelmann:
Winkelmann ist ein Idealist - und ein Spinner, der nicht damit klarkommt, dass seine Angebetete mit ihm Schluss gemacht hat. Die Tatsache, dass er sie mit einer Drohne beobachtet, sich weiter in ihr Leben drängt, ist beunruhigend. Aber er setzt die Technik auch ein, um "Gutes" zu tun und die Pläne von Klamberg/ Grau/ Molert auffliegen zu lassen. Das eine ist gut, das andere schlecht. Es ist das Schizophrene, das mich fasziniert. Wie es weitergeht? Ich bezweifle, dass Winkelmann Technologieminister wird. Wenn er nicht weiter abdreht, wird die Zeigruppe Null eher als außerparlamentarisches Kontrollorgan fungieren. Sofern der Kanzler sie nicht verbietet und sie als terroristische Vereinigung einstuft.

Zum Slow-Circle:
Hier eine "geheime" Hintergrundinformation: Ich hatte in einem früheren Entwurf des Romanes einen Abschnitt drin, dass die Leiterin des Slow Circles, Johanna Dorlan, vom Bundeskanzler gefragt wird, ob sie ihn als Beraterin im Wahlkampf unterstützen möchte. Der Abschnitt ist irgendwann rausgeflogen, aber ich finde den Gedanken gut, dass sie mit ihrer Expertise und ihrem Netzwerk die Pläne des Kanzlers unterstützt. Aber ein paar Seiten weiter gedacht sehe ich, wie sie sich mit dem Kanzler unheilbar verkrachen wird - oder sich komplett auf die Seite der Macht schlägt, um mit dunklen Praktiken das Gute in die Welt zu bringen. Beide Entwürfe haben mir schlechte Laune gemacht. Unter anderem deswegen flog der Abschnitt auch raus.

Zum Genre:
Eingefleischte Krimi-LeserInnen werden sicher enttäuscht gewesen sein, weil es eben nur oberflächlich ein "echter" Krimi war. Das Buch liegt zwar im Hashtag-Regal mit den Kriminalromanen. Aber das ist der Tatsache geschuldet, dass es irgendeine Kategorisierung braucht. Also ist es ein Krimi, wenn auch einer von der unklassischen Sorte. Grundsätzlich finde ich es ja gut, das Buch als Geschichte zu lesen, die sich eines Genres bedient, um erzählt zu werden.
Gleiches gilt auch für die Sprache. Ich weiß, dass ich viele lamgatmige Sätze und Nebenbeschreibungen drin habe. Mir ging es um Zwangsentschleunigung beim Lesen. Um Keile zwischen den Szenen und Abschnitten. Ich wollte ausbremsen. Atemlose Action wäre hier fehl am Platze gewesen. Vielleicht kann ich das auch gar nicht.

Heute würde ich ein paar Kapitel anders schreiben. Nicht nur aufgrund der kritischen Rezensionen. Vor allem, weil ich durch House of Cards, den real-rotierenden Trumpismus und sonstige Geschehnisse dieses weltlichen Absurdiversums mittlerweile noch eine Nummer weiter gehen würde. Aber: Das Buch ist draußen, es ist geschrieben, es ist viel von meiner Lebenszeit hinein geflossen. Es ist weg und entzieht sich meiner Kontrolle. Das ist auch gut so. Es ist Zeit für andere Dinge. Klarkommversuche, zum Beispiel. Oder Honk. Oder Pohlmann. Was im Grunde das gleiche ist. Oder sogenannte Erwerbsarbeit, soll ja auch mal vorkommen.

Und nochmal: Ich danke allen, die ihre knappe Zeit investiert haben oder noch zu investieren beabsichtigen, um den Roman zu lesen. In diesem Sinne: Kritisiert und irritiert weiter, lernt und seid freundlich. Dann wird's noch was mit der guten Welt. Ach so, und die Playlist zum Buch gibt's immer noch. Knappe fünf Stunden Begleitmusik. Hört doch mal rein.


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