20.10.2016

Stunde null

Liebe Freunde abscheulicher Anfänge. 
Vor fünf Monaten ist der Roman erschienen. Seitdem gab es einige Stimmen dazu, solche und solche, aber auch andere. Vielleicht habt Ihr Euch in der Zwischenzeit selbst ein Bild gemacht und die knappe und wertvolle Zeit in das Lesen dieses Anti-Euphorie-Textes gesteckt. Falls nicht, könnt Ihr jetzt und hier zur Feier des Tages das erste Kapitel lesen. Denn bald ist der 26. Oktober: Tag eins im Buch - und Rahmen für die ersten zwölf Kapitel. Möglicherweise kauft Ihr das vollständige Digitalding ja sogar (zum Beispiel hier) und lest die anderen Kapitel auch noch. Es würde mich freuen. Bald werde ich auch nochmal etwas zum Ende schreiben, denn das ließ für einige Lesende etwas zu viele Fragen offen. Das war eine Einsicht, die mir die Leserunde bei lovelybooks gebracht hat. Jedenfalls jetzt erstmal hier: der Anfang. So weit es zutrifft und man das überhaupt wünschen kann: Viel Vergnügen beim Lesen. Und immer dran denken, was Lily Tomlin einst gesagt hat: "The trouble with the rat race is that even if you win, you’re still a rat."


(1) Stunde null

Ein kurzer Augenblick der Unachtsamkeit, und auf einmal erscheint dieses Bild, diese Idee, die dich begreift, aber du sie nicht. Dieses Irgendwas, das deinen nächsten Schritt überwacht. Und bevor man die Escape-Taste drücken kann, installiert sich das Programm und schreibt sich in die persönliche Konfigurationsdatei. Ändert alles.

Robert Wagner starrte durch die verglaste Platte im Mauerwerk. Der hässliche Ausschnitt Betonbauästhetik auf der anderen Straßenseite war eine Beleidigung für die Augen. Wo hörte der Schmerz auf? Hier? Zwischen diesen Wänden? Der Wasserstrahl schoss aus dem Hahn und knallte ins Waschbecken, um sofort wieder im Abfluss zu verschwinden. Der Schmerz hörte immer da auf, wo er begann. Immer kehrte er zu seinem Ursprung zurück. Wenn er überhaupt je wanderte. Wagner drückte sich mit hohler Hand kaltes Wasser ins Gesicht. Weniger ein Waschen, mehr ein Klarwerden. Ein Blick in den Spiegel, nasse Strähnen klebten auf der Stirn, Tropfen liefen die Wangen hinunter. Um ihn herum war alles still und weiß. Im Spiegel starrte er in seine leeren Augen. Waren sie jemals voll gewesen? Keine Antwort. Stattdessen stellte das Spiegelbild die gleiche Frage. Er schloss die Lider und erhoffte sich eine universelle Ruhe, unbehelligt von Erinnerungsspuren und Erwartungsplänen. Sie kam nicht. Durchs Fenster verkündeten die Kirchturmglocken die nächste volle Stunde. Jeder Schlag eine Mahnung. Die Zahnbürste tötete die Bakterien der Nacht und stellte die innere Sicherheit wieder her. Zumindest im Mundraum.

Wagner atmete tief durch, strich die blonden Haare zurück auf den Kopf und ging in die Küche. Er zog die Teezange aus dem Becher und klopfte die aufgeweichten Blätterkrümel in den Müll. Das grüngelbe Wasser schwitzte. Die Uhr am Herd digitalisierte die aktuelle Zeit als symmetrisches Symbol: eins, null, Doppelpunkt, null, eins.

Der alte Holzstuhl wackelte. Wagner streckte die Füße aus, verschränkte die Arme hinter dem Kopf, drückte seinen Rücken durch. Gleichmäßig ging die Luft in den Körper hinein, dann wieder hinaus. Die Nervosität hatte sich gelegt. Der Tee wärmte die große Ruhe, die durch ihn hindurchströmte. Er pustete sanft in seinen Becher und schloss die Augen. Der Duft von frischem Heu wickelte sich um die Gedanken an die anstehende Erneuerung, an das erwartbare Wunder, das er in die Welt zu tragen beabsichtigte.

Im stumm geschalteten Fernseher schlug der Bundeskanzler immer wieder mit der Faust auf das Rednerpult und wirkte sehr engagiert. Auf seiner Stirn und am Hals traten die Adern deutlich hervor. Ein surreales Bild, so ganz ohne Ton. Hinter ihm leuchtete ein grünes Banner, auf dem in weißer Schrift eine öffentlichkeitswirksame Parole prangte: „Gesellschaftliches Wohlergehen steigern, statt nur wirtschaftliches Wachstum fördern.“

Um halb elf stülpte Wagner die Kapuze seines Pullovers über den Kopf, schloss die Wohnung ab und ging drei Stockwerke nach unten. Der Hausflur roch nach Putzzeug und sozialer Vernachlässigung. Alles war wie immer. Ein dezenter Hauch von Alltag schob sich an den Wänden vorbei. Nur die Umhängetasche fühlte sich anders an als sonst.

Mit jeder Stufe verblassten die Nachrichten, die eben noch durch seinen Kopf schlichen. Jede Stufe rüttelte seine Pläne in die richtige Position, bis alles ganz fest saß. Die gute alte Zeit, es hatte sie nie gegeben. Er öffnete die klapprige Haustür, folgte dem Wind nach rechts und begann seine Wanderung zum Nullpunkt, die Tasche nach hinten geschultert. Durch den Stoff spürte er das Metall in der Nierengegend. Es gab kein Zurück mehr, keinen Zweifel und kein Morgen. Nur ein Ziel. Alle Trugbilder der Gegenwart verschmolzen zu dieser einen Vorstellung: Die Welt duldet kein Scheitern, mein Scheitern duldet keine Welt.

Wagner bog auf die Große Bergstraße und umkurvte ein Werbeschild. „Body and Soul“ flüsterte das Display in harmonischer Schrift. Eine lächelnde Frau versprach Rundumregeneration beim Besuch des neuen Wellness-Centers, ihr linkes Auge nur ein Bild, ihr rechtes eine kleine Kamera. Das Auge verfolgte ihn. Wagners Ignoranz wurde in Datenbanken gespeichert, Profile abgeglichen, während die Algorithmen neue Botschaften suchten, um ihn an der nächsten Straßenecke mit besseren Argumenten zu treffen. Was einzig mir gehört, ist der Glaube an den Widerstand, dachte Wagner und fokussierte seine Schritte. Aber auch dieser Glaube war bereits vereinnahmt, half der Marktwirtschaft beim Überleben.

Zwecklos war die Suche nach einer passenden Stimmung. Jede Spur endete mit einer Fehlermeldung. Vom großen Fluss wehte der Duft der Freiheit herüber, der Hafen spülte zeitlose Basisgeräusche in sein Ohr. Ein Auto übersah die Grünphase der Fußgänger, bremste abrupt und kam wenige Zentimeter vor seinen Beinen zum Stillstand. Wagner blickte in das Gesicht des Fahrers, der hinter der Scheibe entschuldigend die Hände hob. Der Tod lauerte überall, man musste ihm nur begegnen.

Die letzten hundert Meter. Wagner reckte den rechten Arm in die Höhe, der Schweiß unter den Achseln roch nach Zorn und Taktik. Der rote Schriftzug bohrte sich in seine Augen. Ein Einkaufszentrum war vielleicht nicht besonders originell, aber als Hochburg des Überflusses hatte der Ort eine gewisse Symbolkraft. Und es gab genügend Öffentlichkeit. Wenn die Menschen Glück hatten, blieben sie nur Zuschauer. Wenn sie Pech hatten, würden sie bald namenloser Teil einer Titelgeschichte sein, die sich auf allen Kanälen rasant verbreitete.

Wolken schoben sich vor die kraftlose Sonne. Sofort kühlte die Luft ab. Das Neue trabte durch die Zeit und veränderte die stets unruhige Gegenwart. Wagner fühlte sich stark und bereit für alles, was kommen mochte. Selbst die Wolken konnten ihm nichts anhaben. Denn dahinter wartete die Sonne. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie den Menschen wieder bunte Lichtflecken ins Gesicht wischen würde. Mit einem Lächeln auf den Lippen ging er auf die Eingangstür zu, die ihre glasigen Wände beiseiteschob. Sein Herz zuckte gleichmäßig. Innen war alles sauber und klar. Nirgendwo gab es Anzeichen für das bevorstehende Chaos. Aber jede Ruhe war nur eine Ruhe vor dem Sturm. Und er war derjenige, der frischen Wind brachte. Eine Minute noch, dann würde dieser Ort für immer von ihm besetzt sein, eine Gedenkstätte, auf ewig graviert mit seinem Namen.

Wenn man die Zeit umkehren will, muss man hinten anfangen, dachte Wagner und bewegte sich an den Geschäften und Marktständen vorbei, alle paar Meter eine andere Duftwelt. Zuerst die Penetranz süßlicher Parfümerie-Abgase, etwas weiter das Verwöhnaroma von frischem Kaffee, abgelöst durch den Kunstledermief billiger Schuhe, der unmerklich überging in den dichten Nebel italo-asiatischer Mittagstischangebote.

Er fühlte sich wie der Gründer einer neuen Zeitrechnung. Dieser Gedanke machte Mut. Vor dem Eingang zum Frischemarkt hörte er das Piepsen der Scannerkassen, das Rascheln der Papiertüten. Menschen nahmen sich Plastikkörbe vom Stapel oder ließen einen Einkaufswagen von der Kette. Andere hatten ihren Spaziergang beendet und parkten den Wagen wieder am Eingang, wo er auf die nächste Ladung wartete. Glücklich waren die, die jetzt mit ausgebeulten Tragetaschen fortschlichen. Sie wussten es nur noch nicht.

Von der neonbeleuchteten Decke tropften bedruckte Schilder an dünnen Seilen herab und versprachen einen Hauch von Überblick. Sonderaktionsinformationen und musikalische Belanglosigkeiten säuselten durch die Lautsprecher und wühlten sich in Kundenhirne. Die hintergründige Kraft des Beiläufigen. Die verborgene Macht aus der zweiten Reihe. Eine große Kunst, so eine Gratwanderung auf der Schwelle des Wahrnehmbaren.

Am Gemüseregal vorbei. Der Duft frischer Zitrusfrüchte drang in seine Nase. An der grauen Decke erkannte er neben den Schildern und Lampen auch Feuermelder, Lautsprecher, Belüftungsschlitze. Den Kopf weit in den Nacken gelegt, sog er die Duftbotschaften in sich auf. Wagner beugte sich über die Orangen, Zitronen, Mandarinen. Sie rochen nach nichts. Ein Grinsen baggerte sich in das harte Gesicht. Interessant, wie sehr man es nicht schaffte, keine Erwartungen zu haben. Und immer, wenn die Welt von unseren Vorstellungen abwich, fühlten wir uns um die Wahrheit betrogen. Das Grinsen verschwand. Wagner kniff die Augen zu und musste mit ansehen, wie die Realität seine Erwartungen neu formatierte. Er holte tief Luft und atmete seinen Hass heftig zwischen die vollen Regale.

Überall lockten Glück und Wonne. Wer nicht danach griff, trug selbst die Schuld. Als Kind der vielen Möglichkeiten hatte der Mensch noch nie einen freien Willen. Er stoppte vor der Kühltheke am hinteren Ende des Marktes. Sein Blick fiel hinab auf die Milchpackungen. Die unteren Tetrapacks standen in einer weißen Pfütze. Eine zerstörte Hülle, irgendwo inmitten der kartonierten Armee, war schuld an dem Ausfluss. Die Milchtüten standen in ihrem eigenen Blut. Auslieferung, dachte er. Entleerung. Seine Gedanken reduzierten sich auf Stichworte.

Hier musste die neue Zeitrechnung beginnen. Er drehte sich um und schaute in die prall gefüllte Leere der Regalwände. Genau hier lag der Nullpunkt. Mit einer schnellen Bewegung glitt seine Hand in die Umhängetasche und ertastete den Griff. „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren“, flüsterte Wagner und zog die Glock 17 aus der Tasche. „Es ist die Zeit der Monster.“

Die Waffe lag fest in seiner Hand. Links neben ihm zwirbelte ein älterer Herr einen Becher Schlagsahne aus der Papppalette. Aus den Lautsprechern sang eine unnatürliche Stimme „What is love?“, unterlegt mit längst überflüssigen Eurodance-Beats.

Der erste Schuss.

Knallte durch die filtrierte Luft und zerrüttete die Befindlichkeit aller Umstehenden.

„Baby don’t hurt me. Don’t hurt me. No more.”

Ein dunkler Punkt breitete sich in Windeseile auf dem grünen Hemd aus, das braune Sakko blieb zunächst unbefleckt. Der Becher Schlagsahne knallte mit Plastikscheppern auf den Boden und zerplatzte. Der Mann sackte hinterher, fiel auf die Knie, hielt sich mit der Hand am Rand der Kühltheke fest und plumpste zu Boden.

Durch die Schreie hindurch begann Wagner seinen Marsch. Menschen versteckten sich hinter Tiefkühltruhen, rannten zwischen die Regale. Eine junge Mutter schob ihr Kind vor sich her und verschwand im Gang mit den Süßigkeiten.

„Oh I don’t know. Why you’re not fair.

I give you my love. But you don’t care.“

Wagner hob die Hand, ein Blick zur Waffe, mit Feuer in den Augen. Vor ihm stand ein Mann mit Hornbrille und starrte ihn an. Sein Mund war offen, aber er brachte keinen Ton heraus. Der letzte Atem wollte Stimme werden und konnte nicht.

Der dritte Schuss traf eine Frau, vielleicht Mitte vierzig, in die Schulter. Der Druck warf sie ins Gewürzregal. Dosen prasselten auf sie nieder. Wagner stieg über einen grauhaarigen Mann hinweg, dessen Jacke das Blut aufsaugte, das ihm aus dem Rücken lief. Die Kassen waren längst unbesetzt. Durch die engen Gänge drückten sich Menschen am Fließband vorbei nach draußen. Eine junge Frau in blauer Trainingsjacke hielt sich mit blutverschmierten Händen am Regal mit den Hygieneartikeln fest.

Raus aus dem Supermarkt. Auf der Galerie im Obergeschoss verfolgten Menschen aus sicherer Entfernung seine Schritte. Ein Schuss in ihre Richtung, eher ziellos. Schreiend liefen die Körper auseinander. Aus den überlasteten Stimmen ergoss sich eine unverdaulich große Dosis Abenteuer.

Wagner betrat das Modegeschäft und schoss einer Schaufensterpuppe in den Kopf. Das Plastik spritzte hoch. Die Kugel hinterließ ein unförmiges Loch in der gekräuselten Stirn. Aus den Umkleidekabinen kamen immer noch modebewusste Menschen, die schnell merkten, dass sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Zwei bezahlten mit dem Leben. Durch die Herrenabteilung hindurch sah er den Ausgang, der alle Besucher wieder auf die Straße spuckte, hin zu neuen Möglichkeiten. Auf dem Glas bewegten sich Millionen kleiner Risse vom Einschussloch weg. Wagner stieß die Tür auf und ging ins Freie.

Die Wolken spuckten Regen, leicht wie Stecknadeln. Nach der Euphorie kam die Erschöpfung. Er blieb stehen, die Waffe noch fest in der Hand. Der Himmel wurde dunkler. Von einer Sekunde auf die andere schickten die Wolken alle Tränen der Engel auf einmal zur Erde, bis die Schaufenster zerliefen. Der Regen prasselte gegen das Glas, auf dem Weg nach unten verloren die Tropfen jede Hoffnung.

Ein Kribbeln auf der Kopfhaut, Feuchtigkeit im Gesicht. Der Regen lief die Stirn herunter, den Hals, kroch unter die Kleidung, kalt und mit einem Geruch wie das modrige Wasser, in dem schon viel zu lange tote Blumen verfaulten. Unter ihm öffnete sich der Boden. Das Wasser spülte die Erde weg und riss ihn mit sich, hinein in Sackgassen der Trauer. Umkehrung abgeschlossen. Jetzt konnte die neue Zeit beginnen. Wagner kniff die Augen zusammen, öffnete den Mund und führte den Lauf der Pistole ein. Stumm zählte er rückwärts. Drei, zwei, eins. Drückte ab.

Blutspritzer färbten den Regen. Rote Tropfen standen für einen kurzen Moment schwerelos in der Luft. Dann fielen sie herunter und klatschten auf die Steine, vermischten sich mit dem Wasser, das immer weiter aus allen Wolken fiel. In die Stille hinein drang das Heulen der Sirenen, das Quietschen der Reifen. Blaulicht spiegelte sich auf der Straße, in den Pfützen, in den Tränen. Alle Lichtreflexe verschmolzen zu einem bunten, grobkörnigen Schleier.

Stunde null.

Kommentare:

  1. I liked this novel! no matter what the talk that went before its publication

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  2. We can see a story that is very close to us. It strikes the reader with its realism. I think that such an event is an obstacle to the main characters.

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