06.05.2016

Zeitgruppe Null

Liebe Freunde dufter Dystopien.
Gäbe es das Geruchs-Internet, Ihr könntet meinen Angstschweiß atmen. Oder zumindest das dezente Transpirat amtlicher Aufregung. Für die zeitarmen Hektikhasen unter Euch hier in Kürze das Wichtigste: Am 13. Mai erscheint mein Roman "Zeitgruppe Null" als E-Book bei edel&electric
Für alle, die ein bisschen mehr Zeit investieren möchten, habe ich hier aufgeschrieben, wie es soweit kommen konnte und was auf dem Weg zur Veröffentlichung so geschehen ist. Und am Ende dieses Beitrags schenke ich Euch noch den Soundtrack zum Buch. Gnadenlose 72 Songs mit Bedeutung: Ich habe die Stücke beim Schreiben oft gehört, manche werden im Text zitiert, mal weniger, mal mehr offensichtlich. Deswegen auch Haddaway. Und Ihr summt jetzt bitte nicht den ganzen Tag "What is love?" vor Euch her, versprochen? Verzeiht mir bitte diesen trashigen Ausrutscher, aber der ist dem Supermarktgedudel im ersten Kapitel geschuldet. Mittlerweile stehe ich sogar zu diesem Kirmestechno. Ich bin wohl doch ein bisschen erwachsener geworden. Oder bilde mir das ein, das reicht ja.

Mehr als vier Jahre ist es nun her. Im Herbst 2011 habe ich damit angefangen. Die Themen Leistungsgesellschaft, Wachstumswahn und Selbstoptimierung lagen mir schon lange auf der Seele. Und diese ganze Gegendiskussion um Entschleunigung, Slow-Life-Kultur und Antiperfektionismus fand ich ziemlich spannend. Irgendwann bin ich gestolpert, und zwar zuerst über einen Artikel zum Thema Duftmarketing, und direkt danach über einen Studie zum Thema Hirndoping durch leistungssteigernde Medikamente, die mittlerweile wiederholt durchgeführt wurde. Und dann lag da diese Idee, es war mehr eine Frage, aber sie schlüpfte durch zwei geöffnete Browser-Tabs direkt ins Gehirn: Was wäre, wenn man leistungssteigernde Mittel nicht nur oral einnimmt, sondern über die Atemwege? Über eine größere Distanz? Und vielleicht sogar ohne davon zu wissen? Wie würde Selbstoptimierung nicht nur als indirekte, sondern als unmittelbare Fremdoptimierung funktionieren?

Ich habe ein halbes Jahr fast Vollzeit an dem Text geschraubt, damals, in meiner Auszeit zwischen Ende des Angestellten-Jobs und Beginn der Selbständigkeit. Und als ich das Gefühl hatte, die Geschichte einmal grob durcherzählt zu haben, hatte ich 400 Seiten politiökonomischer Dystopie, drei Handlungsstränge mit unzähligen Scheitersequenzen und dreimal kein Happy End. Also genau das, worauf der sogenannte Markt gewartet hatte. Der Text blieb dann erstmal auf der Festplatte liegen. Meine Auszeit war vorbei und ich wollte/ musste wieder ein bisschen ans Geldverdienen denken. In den zwei, drei Jahren danach habe ich immer wieder am Manuskript gearbeitet: von 400 auf 250 Seiten runter, einen Handlungsstrang komplett rausgenommen. Und ich habe mich von der ursprünglichen Hauptfigur getrennt. Das war nicht ganz leicht, aber es war befreiend. (Fun Fact: Es gibt ein paar Kleinigkeiten in diesem Nahzukunfts-Szenario, da war die Realität tatsächlich schneller als gedacht, zum Beispiel beim rapiden Fall und der anschließenden relativen Stabilsierung der FDP und der Tatsache, dass die da wirklich über einen neuen Namen nachgedacht haben.)

Das Gute an dieser ganzen Überarbeitungsorgie waren die Lehrstunden in Demut und Selbstdisziplin. Es ist ja bekanntlich immer leichter etwas Neues anzufangen, als etwas Altes zum Ende zu bringen. Das Schlimme war aber: Ich konnte nichts Neues mehr anfangen. Immer, wenn ich etwas Zeit hatte, schrie das Manuskript danach, weiter bearbeitet zu werden. Ihr kennt das sicherlich. Solange ein Text ein paar Wochen rumliegt und man sich das danach wieder durchliest, kommt dieser Gedanke: Was für einen Scheiß habe ich da denn geschrieben? Das war mitunter ein ziemlich beschissenes Gefühl, aber das gehört wohl dazu. Wie dem auch sei, ich habe den Text dauerverändert und zwischendurch immer mal an Literaturagenturen (und anfangs auch direkt an Verlage) geschickt. Das mag sich jetzt komisch anhören, aber: Die Absagen haben mir Mut gemacht. Fast alle, die sich die Mühe gemacht haben, ihre Absage inhaltlich zu kommentieren, haben mir ein ähnliches Feedback gegeben. Toller Schreibstil, relevantes und interessantes Thema, aber nicht marktfähig. Lustig irgendwie, dass etwas gut geschrieben und relevant/ interessant sein kann, aber nicht marktfähig. Ich wusste es immer: Der Markt spinnt. Nicht nur in der Literatur. Ich hätte aus dem Stöffchen geschmeidig eine Happy-Go-Lucky-Liebesgeschichte für 35- bis 44-jährige Frauen machen können und wäre vielleicht ganz pilchermäßig steil gegangen. Der Markt hätte mir zu Füßen gelegen. Vielleicht aber bestimmt auch nicht. Ich bin nicht so der Sascha Hehn-Typ.

2015 hatte ich dann genug vom ewigen Überabeiten. Ich hatte das Gefühl, dass ich manche Stellen nur noch verschlimmbesserte. Der Text musste raus, nicht nur deswegen, weil er mich blockiert und daran gehindert hat, etwas Neues anzufangen. Vor allem auch deswegen, weil ich gemerkt habe: besser wird´s nicht mehr, zumindest in dem Rahmen, in dem ich bis dahin agiert habe. Ich hatte mir vorgenommen, das Buch im Selbstverlag rauszubringen. Die kleine Sammlung mit den "Überschätzten Unterforderungen" aus dem Frühsommer 2015 war ein erstes Experiment auf diesem Weg. Ich hatte mir auch schon sowas ähnliches wie einen Plan gemacht. Aber dann kam alles anders. Und zwar in Form eines simplen Tweets.

Karla Paul, deren Buchkolumne ich schon längere Zeit verfolgte, übernahm die Verlagsleitung bei Edel E-Books. "edel&electric" hieß das Digitallabel, und ich dachte: Ok, ist einen Versuch wert. Ich habe Karla mein Exposé geschickt. Das war im Herbst letzten Jahres. Und ein halbes Jahr später ist es soweit. Hach. Ich möchte mich ganz herzlich bei Karla bedanken, dass sie an diesen Text glaubt und ihm ein Zuhause gegeben hat. Und ein großes Danke geht an das gesamte Team von edel&electric - Laura, Mara, Christian - Ihr seid toll.

Es war immer mein Ziel, dass der Text aus meinem Zuhause auszieht, dass er selbständig wird, sich woanders neu einrichtet, dass er sich von mir löst. Es war mein Ziel mit einem professionellen Lektor zu arbeiten, der einen ganz anderen Blick auf die Buchstabensuppe hat als die Freunde, die ganz oder ausschnittweise das Manuskript in diesem oder jenem Stadium quer- oder längsgelesen haben. Es war mein Ziel, so etwas wie ein Veröffentlichungsdatum oder einen Endpunkt zu haben, dass ich weiß: Nun ist das Ding draußen und ich kann nichts mehr verändern. Jetzt ist es soweit. Und es fühlt sich komisch an, aufregend, ein bisschen beängstigend vielleicht sogar. Kontrollverlustig auf jeden Fall. Aber auch befreiend. Vielleicht wird es ähnlich sein, wenn in ein paar Jahren meine Kinder von Zuhause ausziehen. Vielleicht wird es aber auch ganz anders sein. Weiß man ja nicht, wenn man das noch nicht erlebt hat.

Nun geht der Roman also in die sogenannte Öffentlichkeit. Ihr könnt "Zeitgruppe Null" bei Amazon kaufen - oder auch woanders. Es gibt sicherlich auch korrekte Alternativen, einen schönen Artikel dazu findet Ihr auf dem Verlags-Blog. Für mich ist dieses Kapitel aus 24 Kapiteln nun abgeschlossen. Raum für etwas Neues. Ideen sind da, ich suche nur noch die Zeit, sie umzusetzen. Und falls Ihr Euch dazu durchringt, das Buch zu kaufen und den Text zu lesen, wünsche ich viel Spaß und (soweit möglich) angenehme Unterhaltung. Vielleicht wollt Ihr Euch aber auch nur mal eben den fünfstündigen Soundtrack reinpfeifen? Den gibt´s hier unten in der Spotify-Playlist. Viel Vergnügen.

Ich verabschiede mich mit einem für den Roman nicht unwichtigen Zitat von Antonio Gramsci: "Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster."

In diesem Sinne: Erwartet Wunden, keine Wunder.




1 Kommentar:

  1. We can observe the intertwining of multiple subplots. This calls the interest from the very first words. We are impressed with such intrigue.

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