02.11.2015

Charakterstarke Unsinnsbekundungen

Liebe Freunde eiliger Euphorie.
Endlich November. Wir schleichen durch das triste Grau und bekommen so langsam die Gravitationskraft des Besinnlichkeitsterrors zu spüren. Wie schön ist das denn, bitte! Ich kann kaum noch. Also folgt dem Frohlocken und freut Euch auf das Innehalten. Um Euch die Wartezeit bis zur Jahresbilanz zu verkürzen, hier noch ein paar gesammelte Blackout-Brocken. Vorgezogene Bonus-Tracks quasi, denn das Büchlein erscheint erst Ende November, und diese fragwürdigen Textbausteine haben es nicht mehr zwischen die Seiten geschafft und bleiben exklusiv digital. Wie dem auch sei, vertreibt Euch die Zeit bis wohin auch immer mit herbstlichem Herumeiern und einer profunden Portion peppiger Plüschgedanken.
Weil Ratgeber bekanntlich boomen, und weil es die 19 Regeln für besseres Regeln schon gibt, präsentiere ich Euch heute eine äußerst gelungene, aber sehr gefährliche Mischung meiner schönsten Charaktereigenschaften. Zumindest der, die ich im letzten Monat gestrichen habe. Auf geht´s. Kommt mit in die zauberhafte Welt der dreckigen Denkbeschleuniger.

Da wäre zum Beispiel die ausgesprochen attraktive Tabuqualität, dass ich ziemlich cool "Scheiße!" denken kann. Das kann ich in sehr vielen Situationen, sogar in verschiedenen Tonlagen, aber immer - und das ist immens wichtig - unglaublich cool. Das ändert natürlich nichts an meiner Stimmung, und es löst schon gar kein Problem, aber ich verbuche es so lange auf der Habenseite, bis mir etwas Besseres einfällt.


Dann haben wir noch die an Lethargie grenzende Gefasstheit bei gewissen Entwicklungen. Und damit ist nicht nur das Wetter gemeint. Irgendwas ist immer, und es gibt ja immer irgendwelche Entwicklungen, da wird einem ein gehöriges Maß Selbstdisziplin abverlangt, um nicht zu explodieren. Ich habe dieses Maß, zumindest bisweilen. Ok, eher selten. Aber ich arbeite daran. Autosuggestion ist das Stichwort. Aber das muss man auch erstmal können.


Desweiteren ist für einen Spaßbolzen wie mich eine permamente Ausgrenzung der Skeptiker von besonderer Bedeutung, und ich rate auch Euch, immer mit dem Rücken zur Euphoriebremse zu stehen. Wie Ihr wisst, kann die Gegenwart nicht werden. Sie ist ja schon. Das muss man sich immer wieder vor Augen führen. Für Freudbremsen ist da kein Platz. YOLO. Ups. Habe ich das gerade wirklich gesagt? Damit fühle ich mich jetzt aber auch nicht wohl. Naja, vielleicht bin ich doch weniger ein theoretischer Optimismus-Checker, als vielmehr ein praktischer Euphorie-Eunuch. Vielleicht schule ich doch lieber um und bewerbe mich auf eine Stelle als Euphoriebremse. Chef-Problematisierer. Kleinkarierter Skepsis-Sepp. Ja, das entspricht vielleicht am ehesten meinem Naturell. Ich hatte mich da an anderer Stelle schon mal zu ausgelassen.


Der nächste Punkt ist die für gewöhnlich konsequenzlose Selbsterkenntnis, dass das "Ich" ein eilig errichtetes Gedankengebäude und der Körper kein junger Mann mehr ist. Existenzfragilität deluxe. Das Weltbild kann genauso kartenhausmäßig zusammenklappen wie man selbst. Hat man das mal gespeichert, lebt es sich zumindest ein wenig befreiter. Ein klein wenig. Wenn nicht die körperlichen Malessen wären. Und die gedanklichen Furchen. Ach, scheiß Thema. Nächstes Thema.


Erlaubt mir noch zwei universelle Unsinnsbekundungen, getarnt als Charakterstärke, dann ist Schluss. Es ist mir wirklich ein Anliegen, Euch das mit auf den Weg zu geben. Man liest ja immer so viel von überstandenen Gefahren, von schrecklichen Erlebnissen, die hinter einem liegen. Die überstandene Geborgenheit bleibt dabei viel zu oft auf der Strecke. Was ist denn mit den schönen Erlebnissen, die hinter einem liegen, hä? Es ist doch schließlich so: Gerade wenn der Glücksmoment weg ist, streckt einem die Wirklichkeit umso fieser die Zunge heraus. Mein Rat an dieser Stelle: Lächelt heftig zurück, das hilft beim Wachbleiben.


Und zu guter Letzt: Wenn Ihr einen Anruf von der vagen Wahrheit bekommt, geht ran, sprecht mit ihr, ganz unverbindlich. Führt ein übliches Alltagsgespräch und versucht gar nicht erst, sie abzuwimmeln oder Euch anzubiedern. Bringt nichts. Die Wahrheit bleibt vage. Könnt Ihr also auch. Stellt Euch einfach vor, die Wahrheit sitzt in einem miefigen Hotel in schlechter Lage, säuft die Minibar leer und telefoniert einsam alte Kontakte ab. Das macht die Sache erträglicher. Danach: Leben weiterleben, als ob nichts gewesen wäre. Passt schon. Ihr seid nicht verantwortlich. Die Wahrheit findet schon jemanden, an den sie sich kleben kann.


Ach, ich könnte ewig so weiter machen. Früher füllten meine Charaktereigenschaften nur ein kleines Zimmer im Hinterhof, heute hingegen eine ganze Etage. Aber ich möchte mich nicht überfordern. Das müsst Ihr verstehen. Als Bonus-Track gibt es noch einen inszenierten Vorher-Nachher-Vergleich. Damit Ihr nicht nur Euch selbst, sondern in Eurem Wohnzimmer auch die passenden Buchstaben suchen könnt. In diesem Sinne. Bleibt vage, lächelt heftig und glaubt weiter an die perfekte Inszenierung Eures Lebens.



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