11.02.2015

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Liebe Freunde polymorpher Pathologien.
Die Zeit mäandert durch den Tag. Es ist Zeit, dass sich das maändert. Hausschuhe schlurfen über das billige Parkett. Plüschiges Kratzen auf dem Kirschholzimitat. Ein Mann kommt ins Zimmer. Er hat eine lustige Frisur, die sich durch einen empfindlichen Mangel an Grazie auszeichnet. Die rötlich-gelben Haare struwweln in alle Richtungen, das Neonlicht schimmert in den Strähnen. Gebückt geht der Mann ein paar Schritte, parkt seinen Rollator neben dem Sofatisch und springt mit allem Schwung, den das Alter noch zulässt, auf den türkisgrünen Hochflorteppich. Die Knubbelnase presst sich aus seinem Gesicht wie eine Beule. "Bloß weil ich friere, ist noch lange nicht Winter", schreit ihm ein noch älterer, vollbärtiger Greis mit Hornbrille zu, der am Fensterbrett lehnt und mit goldenen Zitronen jongliert. "Ich könnte dein Vater sein, und du kannst es besser", sagt der Geronto-Hipster, schmeißt die Zitronen gegen die Wand und pfeift aus dem letzten Loch. Während der Alte so dasteht, in der Mitte des Raumes, schleichen weitere Gesichtsverknitterte mit ihren Instrumenten herbei, sorgen für Strom und beginnen ihr Spiel.

Der Alte stampft auf. Die dünnen Beine wackeln abwechselnd hoch und runter. Aber nicht der Ärger, sondern jahrzehntelang erprobtes Rhythmusgefühl ist für diese Bewegung verantwortlich. Meine Güte, was für ein Zittern. Er zieht seinen Gehstock aus dem Rollator und schwingt ihn durch den Raum, reißt vier Kleinkunstfabrikate von der Wand. Es ist egal, es stört den Flow nicht, im Gegenteil. Ersatz gibt es überall. Der Mann wirft die Hände in die Höhe, schüttelt den Kopf. Die lustige Frisur wabert improvisiert und ohne Anmut in der Luft herum. Soviel Energie ist in der Tat ungewöhnlich. Ein zweiter Frühling wärmt den Herbst des Lebens. Physisch und assoziativ gelockert hampelt er schreiend über die bühnenhafte Architektur des immer noch türkisgrünen Hochflorteppichs.

Sehen und gesehen werden
gehört zur größten Kraft auf Erden.
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Wer macht das heute schon? 
Wer mag das überhaupt?

Heutzutage ist das Grauen bunt
und wird immer bunter und
so merken wir das Grauen nicht.
Es verkleidet sich als cooles Licht.
Yay.

Wir feiern keine Feste, sondern Abverkaufserfolge.
Das Geld sprudelt hart im geilen Warenautomat.
Wir warten auf Erlösung, und was kommt ist der Erlös.
(Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig.)
Was einzig noch mir gehört
ist der Glaube an den Widerstand,
auch bereits vereinnahmt,
hilft der Marktwirtschaft beim Überleben.
Hey.

Die tragbare Technik lässt uns alleine.
Der Finger drückt das feuchte Auge.
(Ohhhh.)
 Was bleibt vom Bildschirm ohne Bild?
Nur Tränen unterm Schirm.
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Es gibt keinen Schutz gegen innere Nässe.
An der Haut klebt der Schmutz auf der Leichenblässe.
(Everybody clap your hands.)
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Wer macht das heute schon? 
Wer mag das überhaupt?

Ha.
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Irgendwas ist immer.
Irgendwas ist immer.
Ich glänze ohne Schimmer
in meinem Altenzimmer.

Ah.
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Von unten klopfen die ruhebedürftigen Nachbarn mit dem Besen, den sie selten zum Putzen benutzen, gegen die Decke. Mit dem Gehstock antwortet der Alte auf das Klopfen. Dumpfer Bass und stumpfer Hass. Drittes Standbein im Hartreim. Aber unten ist Stille, als wäre da niemand mehr. "Bitte nicht so laut", klopft es plötzlich energisch an der Tür, "sonst wird die innere Ruhe wach". Der Alte ignoriert die Ignoranz der Nachbarn. Sie sind noch so jung. Sie wollen es einfach nicht verstehen. Sollen sie doch weiter in ihrer Blase der Scheinrelevanz leben und Bio-Produkte kaufen, sich bei Facebook abmelden, auf den Staat schimpfen. Sollen sie doch weiter mit ihrem systemstabilisierenden Negativenthusiasmus nerven. Fun Fact: je älter man wird, umso geringer die Wahrscheinlichkeit, dass man "junger Mann" genannt wird.

Mittlerweile hat die Band das Zimmer verlassen. Eine besondere Gabe, dieses untalentierte Zeitverbringen in der Mitte von Räumen, inmitten der Leere oder anderer Menschen. Wobei: Mensch sein ist in der Regel einfach, menschlich sein nicht so sehr. Der Alte atmet tief durch und bemüht sich um Vollkommenheit. Es gelingt ihm nicht. Natürlich nicht. Mit Battle-Hemd und Spendierhosen legt er sich erschöpft aufs Sofa und sämtliche Finger in die bizarren Wunden dieser Welt. Zwei Hände reichen dafür nicht aus. Zwei Massenveranstaltungen wohl auch nicht. Zählen ist zwecklos. Wie soll man sich da auf das Wesentliche konzentrieren? Mit anderen Worten: "Bloß weil ich friere, ist noch lange nicht Winter." Ein übel riechendes Seufzen fließt aus seinem Mund und sucht sich einen Platz in Vierwänden.

Aus dem Internet der Dinge ertönt eine Stimme. Bedrohlich. Der Alte stützt die Fäuste in die Kissen und drückt sich hoch, schleppt sich zum Rollator, schlurft mit seinen Hausschuhen über das Kirschholzimitat. Bettgehzeit. Wieder dieses plüschige Kratzen, man kann es nicht mehr hören. Auf dem Weg nach draußen beschießt eine Gruppe Möglichkeiten die Unentschlossenen mit Sekundenbruchteilen und zwingt sie zur Entscheidung. Der Alte geht in Deckung. Langsam, dem Alter entsprechend. Ein gesunder Geist ist noch lange kein Ersatz für fragile Knochen. Im Raum sind alle hartrealen Kanten mit einem weichgezeichneten Eckschutz versehen. PATRULL. IKEA. Die sollen das Stoßrisiko mindern.

"Nein, nein", sagt der Alte zu niemand Bestimmtem, "mein Kopf ist laut offizieller, staatlich anerkannter Diagnose nicht kaputt. Er ist nur auf besondere Weise dysfunktional." Im Wohnzimmer ist längst niemand mehr, als ein neuer Beat einsetzt und unbetanzt zwischen den Wänden oszilliert, nur ein paar Klänge dringen durch die Tür in den Flur. Aber ein bisschen Schwund ist ja immer.

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