19.01.2015

Tausend Tode

Liebe Freunde tödlicher Texte.
Es gibt Situationen, in denen es gar nicht schlimm ist, eine Nummer zu sein. Das hier ist so eine. Ich bin die Nummer 202, aber es ist ok. Sehr ok. Ich bin Teil von etwas Größerem. (Wie bescheuert sich das anhört, aber nicht anfühlt.) Es soll auch mal jemand die Nummer 1000 haben, wenn das Projekt beendet ist. Das Mammutprojekt von Christiane Frohmann, das in vier Schritten veröffentlicht wird und dabei immer weiter wächst. 1000 Autoren schreiben 1000 kurze Texte über den Tod. Teil eins mit 135 Texten kam im Dezember letzten Jahres, Teil zwei mit knapp 250 Texten erschien Mitte Januar. Der dritte Teil soll Ende Februar kommen, und der vierte, also die Komplettversion, ist für die Leipziger Buchmesse im März geplant. Straffes Timing. Oder in den Worten der Herausgeberin: "Nichts ist lebendiger als eine deadline."
Ihr könnt das E-Book zum Beispiel bei minimore kaufen. Oder in den altbekannten Virtuellgeschäften wie z.B. Amazon. Macht das mal, aus zwei Gründen: Erstens sind es wunderbar vielfältige Texte, und allein die Menge von Todesperspektiven macht das Ganze unglaublich lebendig. Zweitens kommt der Erlös komplett einem Kinderhospiz in Berlin zugute.
Lesen ist schön, schreiben auch. Macht da mit. Zwei Versionen kommen noch. Schreibt euch den Tod von der Seele. Schreibt eine Mail an Christiane Frohmann und/ oder folgt 1000 Tode auf Facebook, um auf dem Laufenden zu bleiben. Ladet euch das Exposé für die dritte Version herunter, wenn ihr einen Beitrag einreichen möchtet.

In diesem Sinne: Lebt mehr, sterbt weniger. Und wenn ihr noch kurz Zeit habt, setzt euch mit mir auf eine warme Frühlingswiese und lasst euch berichten vom finalen Kummer, ertragt die letzten Minuten, den Trennungsschmerz von Welt und Mensch. Und dann lebt weiter, habt Spaß und lasst euch "Lebensfreude 3000" auf die Stirnfalten tätowieren.

(202)

Die Tage werden länger und heller. Bald erreicht der Sommer seinen Höhepunkt. Ich schaue in die Sonne, klappe die Lider herunter und starre auf die dünne, rote Wand meines inneren Auges. Mein Gesicht kenne ich nur aus dem Spiegel. Und aus dem Lächeln in Laras Augen. Dann und wann wische ich mit der Hand hindurch und frage mich, ob diese Texturen wirklich meine sind.
Lara sagte, ich solle mich nicht so anstellen. Komm wieder runter, sagte sie. Ich weiß gar nicht, wie das gehen soll: verletzt werden und normal bleiben. Als Lara das sagte, war sie schon längst woanders. Die gute alte Zeit. Es hat sie nie gegeben. Über mir tanzen Vögel am Himmel, und in den Wolken liegt eine große Kraft.
Der Körper besteht überwiegend aus Wasser. Rot gefärbtem Wasser. Ich kann die Wellen spüren, wie sie von innen gegen die Haut klatschen und nicht raus können. Dieses ewige Gejammer vom Gefangensein. Dabei reicht ein kleiner Schnitt an der richtigen Stelle, damit das Jammern aufhört. Nur ein kleiner Schnitt öffnet die Grenze, und die Freiheit tröpfelt zu Boden. Es ist ein warmer Tag, ich friere nicht.
Die Zeit verschwindet. Immer wieder lässt sie uns zurück und schubst uns nach vorne. In mir jubelt Utopia mit abgeträumtem Volksfestschunkeln und will euphorisch sein. Der Jubel klingt wie ein Besetztzeichen. Die Enttäuschung kommt als kleiner Schmetterling, der lautlos herumflattert und nicht anders kann. Eigentlich ist es ein schöner Tag. Ein Rascheln und Zirpen legt sich über die weite Natur. Es ist Liebe in der Luft. Ich mache sie nicht mehr an, sagte Lara, und jetzt mache ich ihr nichts mehr aus. Nicht alle Menschen sterben erst im letzten Augenblick. Nicht jede Wirklichkeit will bleiben. Man lebt nur einmal in der Welt, die man kennt. Ein kurzes Blinzeln, dann wieder die dünne, rote Wand meines inneren Auges. Und immer noch tröpfelt die Ratlosigkeit als rote Farbe auf die Grashalme und versickert. Niemand ist wirklich gemein, alle sind nur mangelhaft und versuchen sich zu retten.
Die Sonne des Alltäglichen prasselt herab und macht keinen Unterschied. Es ist warm, so herrlich warm. Die Zeit will, dass wir glücklich sind. Lara will das auch. Ich weiß gar nicht, wie das gehen soll: verschwinden und glücklich sein. Ein Wabern, das sich Persönlichkeit nennt, versucht sich vergeblich an einer neuen Ordnung. Ich bin nicht eins mit der Welt, und die Welt ist auch nicht eins mit mir. In der Tasche pochen die letzten Daten gegen den Stoff und drücken sich in die Haut. Es wird keine Antwort mehr geben. Nur Tatsachen und Tränen für die Hinterbliebenen.
Der gelbe Punkt am Himmel war auch schon mal wärmer. Die Stille höre ich nur noch aus weiter Ferne. Ein großer, ruhiger Schleier legt sich über die dünne Wand meines inneren Auges und dimmt das Rot ins Dunkel. Ich bin müde. Das Zittern zerfrisst die letzten Reste der Persönlichkeit. Ich fühle mich frei. Oder ist es die innere Leere? In der Konsequenz ist das egal. Jeder Untergang ist nur eine Frage der Zeit. Jeder Untergang ist auch ein Übergang. Ich habe kein festes Bild von mir. Was Lara jetzt wohl macht?

Kommentare:

  1. Yes, very soon the summer will flourish and get its peak) I really like this time of year

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  2. The days are getting longer and brighter. The summer is at its peak. I look at the sun, the flap closed eyelids.

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  3. As a consequence, it does not matter. Every death is only a matter of time. It is the law of life.

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