03.01.2015

Missglückte Glücksgeständnisse

Liebe Freunde antiquierter Ausblicke. 
Ich mag Jahresrückblicke nicht. Die machen schlechte Laune. Das Vergangene knabbert an den Zehen und ringt einem nur ein gealtertes Lächeln ab. Und das mit den guten Vorsätzen habe ich schon vor Jahrzehnten aufgegeben, als an einem verregneten Neujahrsmorgen die ganzen guten Vorsätze voll gebrochen und vollgebrochen im rotbraunen Böllerschmier auf der Straße lagen. Kein schöner Anblick. Seitdem biege ich mich immer um den idealen Zeitpunkt, bis ich mich fast darin spiegeln kann. Jedenfalls ist jetzt neues Jahr, und eigentlich geht ja alles immer weiter. Je mehr Erneuerung es gibt, umso mehr verblasst die Erinnerung. Deswegen klebe ich das Gewesene allmonatlich ins Digitale, genauer: auf die Server von Google. Die gab es noch nicht, als ich mit der Erinnerung angefangen habe, aber jetzt helfen sie mir beim Auslagern der eigenen Fragmente. Allerdings sind diese Lernkrümel längst nicht so spektakulär wie die von Artur. Ihr kennt Artur nicht? Dann solltet ihr euch "Das Polykrates-Syndrom" von Antonio Fian kaufen. Ganz schnell.

Ein wunderbares Buch über das kurze Glück, das sich eisbergig aus der geregelten Langeweile emporstreckt und dann in die Katastrophe abgleitet. Einfach so. Geschrieben in einer Sprache, die so scharf und schnörkellos ist wie die Instrumente eines Rechtsmediziners. Man fragt sich, wieso es dieses Buch nur auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, aber nicht weiter. Informiert euch beim Droschl-Verlag oder zum Beispiel in der Standard-Rezension - und dann lest. Nichtlesen wird ohnehin überbewertet. Es gibt so viele schöne Parallelwelten und fiktionale Fremdschicksale, die einem viel besser aufs Gemüt drücken können als die eigenen Fröhlichkeits-Probleme. 

Und wo wir schon bei Fremdschicksalen sind, muss ich euch wieder mal mit den Blackouts des letzten Monats langweilen, und das war nun einmal der letzte Monat des Jahres. Das bedeutet: Konsumbeschleunigung und Besinnlichkeitsstress, Familienharmonie und Weihnachtstrauma, Jahresbewältigung und Vorbereitungen für die individuelle Weltherrschaft. Die Zeit also, in der wir versuchen, aus den Fragezeichen, die wir mit uns herumschleppen, geradlinige Ausrufezeichen zu biegen, während uns der Lebkuchen die Sinne verklebt. Ich bin froh, dass diese Zeit jetzt wieder vorbei ist.

In diesem Sinne: Machen wir das, was wir jeden Abend machen - und belassen es bei dem Versuch. Macht das Beste aus den kommenden Tagen. Es geht das Gerücht, dass es 2015 wohl nur einmal geben wird.







 

 



Kommentare:

  1. This means that consumption and acceleration, family harmony and Christmas trauma, coping and years training to the individual world domination.

    AntwortenLöschen
  2. Anyway, now the new year, and it is actually always. The more there is an update, the more lost memory.

    AntwortenLöschen