09.09.2014

Das Rad der Tausend

(c) Post Growth Institute
Liebe Freunde abwendbarer Apokalypsen.
Kennt ihr das "Rad der Tausend"? Noch nicht? Es wird bald euren Alltag verändern. Mit dem Eco-Health-Beschluss haben Gesundheits- und Umweltministerium 2019 versucht, zwei Probleme mit einem Schlag zu lösen: die ausufernde Fettleibigkeit der Menschen und die steigenden Energiekosten. Das Wirtschaftsministerium hatte sich auch sehr über diesen Vorstoß gefreut, aber der Minister war damals leider zu träge, selbst die Initiative zu ergreifen. Er zeigte sich als "entschiedener Unterstützer" dieses Projektes und heftete sich die indirekten Lorbeeren ans Revers seines maßgeschneiderten Übergrößenanzugs. Das Rad der Tausend war nicht die Lösung aller Probleme, es war vielmehr die Folge einer verkorksten Energiepolitik. Und wie bei allen Folgen verkorkster Politik mussten alle Menschen mit den Konsequenzen leben, nicht nur das lächerliche Drittel, das diejenigen Volksvertreter wählte, die verkorkste Politik machten. Alle.
So schossen in jeder Stadt, in jedem Viertel, riesige Hamsterräder aus dem Boden, in denen die Bewohner der Viertel ihre knappe Freizeit damit verbrachten, zu laufen und Strom zu erzeugen. Es gab nur wenige Freiwillige, die aufs Rad gingen. Wer es sich leisten konnte, ging lieber unproduktiv im Wald spazieren. Die meisten waren dazu gezwungen, sich zu bewegen, ihr Fett zu verbrennen und als Strom ins kollektive Netz einzuspeisen. Es waren die, die ihr Energiebudget konsequent überschritten. Sie mussten Dienst an der Gemeinschaft leisten. Dass die Alten- und Krankenbetreuung darunter litt, war offensichtlich. Aber man konnte es eben nicht allen Recht machen. Die sozialen Kollateralschäden hielten sich in Grenzen, vor allem auch deswegen, weil verboten wurde, öffentlich über die Missstände zu sprechen.

Mit dem Eco-Health-Beschluss hatte jeder Bürger ein Grundbudget an Energie bekommen. Alles, was man darüber hinaus brauchte, musste man sich selbst erarbeiten. Und wer es im Winter gerne gemütlich warm hatte und seine Ernährungsgewohnheiten darauf abgestellt hatte, mindestens einmal am Tag eine warme Mahlzeit zu sich zu nehmen, der hatte ziemlich schnell sein Budget aufgebraucht und musste raus ins Rad, loggte sich ein und konnte auf dem kleinen Monitor seines Energiearmbands sehen, wie das Guthaben auf dem Kilowattkonto langsam wuchs. Manche kamen täglich und erliefen sich nur schnell die Kosten für die Tagesenergie, andere machten ausgedehnte Sonntagsspaziergänge und speisten damit die Energie für die ganze Woche ein. 
Die Politik verkaufte den "Bürgerstrom" als grandiosen Erfolg. Aber die Politik verkaufte alles als grandiosen Erfolg. Ob es tatsächlich so war, interessierte keinen, vor allem nicht die verwahrlosten, ausgegrenzten Übergewichtigen auf Stromdiät, die, in Decken gehüllt und frierend, sich nur von Brot und Wasser ernährten, zu Hause lagen und sich nicht mehr raus trauten. Sofern sie überhaupt ein Zuhause hatten. Auch diese Leute wurden in die offizielle Gewichtsreduktionsstatistik aufgenommen, und die Politik verbuchte auch das als Erfolg, verbuchte jedes verlorene Kilo als Beleg dafür, dass es die richtige Entscheidung war. Und besondere Umstände erforderten mitunter besondere Härte.

Es war einer dieser ungemütlichen Herbstsonntage, an denen die Menschen unter normalen Umständen zu Hause im Warmen geblieben wären. Aber die Umstände waren nicht normal. Und zu Hause war es auch nicht warm. Gerade bei diesem Wetter war auf den Rädern immer die Hölle los. Nicht so sehr die Energiebilanz, sondern die Kälte trieb die Leute dazu, schneller zu gehen als üblich. Ole begann gerade seine fünfte Runde, als ihn ein ohrenbetäubender Schrei aus dem Gleichgewicht brachte.

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