06.06.2014

Das wahre Leben des kleinen Mannes

Liebe Freunde kleinblumiger Realitätsromantik.
"Das Streichfett ist ranzig, Hansjörg." Ein Satz, so schön wie ein Hundehaufen in der prallen Sonne, mit einem kleinen Cocktail-Schirmchen mittendrauf. "Und der Kaffee ist auch zu dünn." Warum müssen die schönsten Sätze immer durch ihre Nachfolger kaputt gemacht werden? Warum können die nicht einfach stehenbleiben, wie auf so einer kleinen Insel, wo man nicht weg kann? Hansjörg saß am Küchentisch und beobachtete seine Frau, die sich an der Arbeitsplatte ein Brot schmierte, zwischendurch Kaffee schlürfte. Erst beschweren, aber dann trotzdem den Kaffee trinken. Dann konnte der Leidensdruck ja nicht so hoch sein. Draußen schien die Sonne. Sein Blick mäanderte durch den Garten, vorbei am Blumenbeet, bis nach hinten zum Zaun und darüber hinaus in die eigene Vergangenheit. Vorboten des Sommers. Seine Seele flog fernab jeder Routine im Kreis herum und wirbelte in den Himmel hinauf. Von oben betrachtet sah alles so anders aus, so klein irgendwie. Hansjörg seufzte.
Helga, dachte er seinem Gartenblick nach, ich möchte mit Dir im Mohn tanzen, unter Gänseblümchen den Tango feiern, mich auf Lupinen mit dir drehen. Wie früher. Helga hätte das Blitzen in seinen Augen sehen können, aber sie folgte seinem Blick durch das Fenster, mit einer anderen Perspektive. "Mein Gott, wie trübe." Sie spülte den letzten Bissen Brot mit einem Schluck Kaffee nach und wischte sich die Hände am Küchentuch ab. 
"So. Du putzt das Bad, ich die Fenster." Ihre Worte erreichten seinen Kopf in einem ähnlich diffusen Zustand wie die meisten Weltnachrichten. Neblig. Belanglos. Gleichgültig. Das war fast schon ein Erfolg.

In letzter Zeit krabbelten ihre Worte häufig wie Ameisen auf ihn hinauf, hatten für innere Rötungen gesorgt, Methansäure für die Seele. Noch ein routinierter Seufzer, dann stand Hansjörg auf und schleppte sich zum Schrank mit den Putzsachen, zog Schwamm, Eimer und Reinigungszeug heraus und verschwand im Bad. In der Küche klimperte Helga mit dem Geschirr, summte ein Liedchen.

Er blickte auf den staubigen Fußboden im Badezimmer, das von Zahnpastaresten verkrustete Waschbecken und sah die Blumen vor seinem inneren Auge, groß wie kräftige Tannen.

So ein Gehirn hat manchmal Sachen drauf, da wird einem ganz unbehaglich im Kopf, dachte Hansjörg und wischte sich durch sein Leben. Er versuchte vergeblich, die Kalkflecken in der Badewanne zu beseitigen. Alles hinterließ seine Spuren, und nicht alle ließen sich wegwischen. Als er fertig war, betrachtete er sein Werk. In den glänzenden Fliesen sah er die Furchen auf seiner Stirn. Eine Biene verirrte sich durch das geöffnete Fenster, flog einmal im Raum herum und knallte von innen gegen das Glas, vibrierte irrend an der durchsichtigen Grenze entlang und scheiterte sich von Versuch zu Versuch, wieder raus zu kommen.

Hansjörg nahm eine Zeitschrift vom Regal und führte die Biene damit zur großen Öffnung, aus der sie schnell verschwand. Es ist nie zu spät für ein neues Leben, dachte er, sammelte das Putzzeug ein und stellte es zurück in den Schrank. "Wenn du fertig bist, mach doch noch deinen Werkzeugkeller, da sieht´s auch aus wie Dresden ´45", hörte er Helga durch die Räume rufen, als hätte sie einen besonderen Sinn für die Dauer von Tätigkeiten und für unangebrachte Ruhemomente.

Der Garten, die Biene, Helga, die nicht mit ihm durch die Blumen tanzen wollte. Alles eine Frage der Prioritäten, dachte Hansjörg und spürte, dass ihn die Entscheidung wie ein Schlag ins Genick traf. Dabei war es nur die Schranktür, die zufiel, bevor er seine Hand herausziehen konnte. Er schüttelte seine Finger. Schmerz ist die beste Metapher. Blütenstaubsammler, dachte er, warum nicht? Was habe ich zu verlieren? Die Kinder waren aus dem Haus, seit er in Rente war, und er schaffte es nicht, die Zeit totzuschlagen, bevor sie ihn totschlug. Helga hatte die Kontrolle übernommen und puderte in immer kürzeren Abständen die Wohnumgebung blinkend sauber. Ich werde Blütenstaubsammler. Jetzt, sofort. Auf eine bessere Gelegenheit zu warten ist wie ..., ist wie ..., jedenfalls ist es nicht richtig.

Es war an der Zeit, wieder einmal "Ich" zu sagen. Hansjörg öffnete den Putzschrank und schnappte sich den Eimer, den er gerade noch zurück gestellt hatte. Er ging in den Werkzeugkeller, zog sich seine weiße Malerhose an und setzte die neue Streichmütze auf. Beides hatte er erst vor Kurzem besorgt, als Helga meinte, es wäre mal wieder an der Zeit das Haus zu streichen. Vor allem der Flur sei mittlerweile eine Unmöglichkeit. "Kaum zu glauben, dass dieses Grau mal ein Weiß war", hatte sie gesagt, und mit ihrem durchdringenden Blick hatte sie den Arbeitsauftrag auch schon vergeben.

"Ich bin mal weg, Helga", rief Hansjörg durch das Haus, nicht wissend in welchem Zimmer seine Frau diese Nachricht aufnehmen würde. Er wartete ihre Antwort nicht ab, ging durch die Terrassentür in den Garten. Für einen kurzen Moment stoppte das Piepsen der Vögel. Für einen kurzen Moment war Stille. Dann hörte er das Motorengeräusch des Müllwagens. Es war ihm egal, dass er vergessen hatte, die Tonne an die Straße zu stellen. Es war ihm egal, was Helga dazu sagen würde. Hansjörg ging in die Knie und sprang ins Blumenbeet, mit einem Lächeln auf den Lippen, mit einem Elan, der ihm von früher her bekannt war. Das Ausmaß seiner Entscheidung war ihm bewusst. Mit jedem Zentimeter, den er durch die Luft flog, erlangte er eine neue Größe, und als er in seinem neuen Leben landete und mit beiden Beinen fest auf der Blüte stand, den Eimer in der linken Hand, war er endlich angekommen. Von nun an sollte die Vogelperspektive für immer eine Froschperspektive sein.


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