08.04.2014

Licht (Basislage II)

Die Tage werden länger und heller. Ich schaue in die Sonne, klappe die Lider herunter und starre auf die dünne, rote Wand meines inneren Auges. Die Haut ruft einen Namen, und ich bin mir nicht sicher, was das Vibrieren bedeuten soll. Mein Gesicht kenne ich nur aus dem Spiegel. Und aus dem Lächeln in Laras Augen. Dann und wann wische ich mit der Hand hindurch und frage mich, ob diese Texturen wirklich meine sind. Die Erde zittert. Vielleicht sind es auch nur die Medikamente. Lara sagte, ich solle mich nicht so anstellen. Komm wieder runter, sagte sie. Ich weiß gar nicht wie das gehen soll: sich erden. Meine Beine schütteln den Kopf und stehen fest in der Luft. Lara sagte das wie jemand, der längst woanders ist. Wie jemand, der vergessen will. Der Körper besteht zum Großteil aus Wasser. Ich kann die Wellen spüren, wie sie von innen gegen die Haut klatschen und nicht raus können, niemals etwas überfluten werden. Dieses ewige Gejammer vom Gefangensein. Ein kleiner Schnitt, und das Jammern hört auf. Die Grenze ist geöffnet, und die Freiheit tröpfelt zu Boden. Es ist ein warmer Tag, ich friere noch nicht.

Die Tage werden länger und heller, und die Nacht ist weit weg, kommt spät und geht schnell. Vielleicht ist ihr das alles zu langweilig. Wie Lara. Ihr Nachname ist Dunkel. Man könnte es als Ironie abtun. Die Zeit verschwindet. Immer wieder lässt sie uns zurück und schubst uns nach vorne. In mir jubelt Utopia mit abgeträumtem Volksfestschunkeln und will euphorisch sein. Der Jubel klingt wie ein Besetztzeichen. Dann kommt die Langeweile. Nicht als Schatten, nicht als Wiederholung, nicht als etwas, das fehlt. Sondern als kleiner Schmetterling, der lautlos in der warmen Luft herumhektet. Eigentlich ist es ein schöner Tag. Es ist Liebe in der Luft. Vielleicht sind es auch nur die Medikamente. Aber was macht das noch für einen Unterschied. Ich mache sie nicht mehr an, sagte Lara, und jetzt mache ich ihr nichts mehr aus. Nicht alle Menschen sterben erst im letzten Augenblick. Nicht jede Wirklichkeit will bleiben. Man lebt nur einmal in der Welt, die man kennt. Mein Gesicht kenne ich nur aus dem Spiegel, wie sollte ich es je definieren? Nur ein kurzes Blinzeln, dann wieder die dünne, rote Wand meines inneren Auges. Und immer noch tröpfelt die Ratlosigkeit auf die Grashalme und versickert. Unter den Blinden ist der Einäugige ein halluzinierender Spinner. Niemand ist wirklich gemein, alle sind nur mangelhaft und versuchen sich zu retten.

Die Tage werden länger und heller. Die Sonne des Alltäglichen prasselt herab und macht keinen Unterschied. Alles wird warm, die Kälte kommt noch früh genug. Die Zeit verschwindet hinter uns und schubst uns nach vorne. Sie will, dass wir glücklich sind. Lara will das auch. Ich weiß gar nicht wie das gehen soll: verschwinden und glücklich sein. Ich entferne die Alufolie vom Teller, greife den Löffel und - das also nennt man Henkersmahlzeit -, schaufele mir drei fette Stücke Rückzugstorte in den Rachen. Anschließend bleibt ein bitterer Nachgeschmack, länger als erwartet, verschwindet erst, als ich den Puderzucker von einem Allgemeinplätzchen lecke. Ein Wabern, das sich Persönlichkeit nennt, versucht sich vergeblich an einer neuen Ordnung. Ich bin nicht eins mit der Welt, und die Welt ist auch nicht eins mit mir. In der Tasche pochen die letzten Daten gegen den Stoff und drücken sich in die Haut. Der Fluss der Neuigkeiten dringt in die Adern, spült sich ins Blut, einmal rum, und tropft an anderer Stelle wieder heraus. Vielleicht sind es auch nur die Medikamente.

Die Tage werden länger und heller. Die Stille höre ich nur noch aus weiter Ferne. Mit großer Ruhe legt sich ein Schleier über die dünne Wand meines inneren Auges und dimmt das Rot ins Dunkel. Das müssen die Medikamente sein, sie zerfressen die letzten Reste dieses Waberns, von Persönlichkeit keine Spur mehr. Oder ist es die innere Leere? In der Konsequenz ist das egal. Jeder Untergang ist nur eine Frage der Zeit. Jeder Untergang ist auch ein Übergang. Ich habe kein festes Bild von mir. Was Lara jetzt wohl macht?

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