08.01.2014

Andere Jungen, andere Drachen

(c) Benjamin Rabe/ nonuts.de
Liebe Freunde steuerbarer Himmelskörper.
Der Herr Benjamin Rabe malt öfters ganz einfach die besten Sachen. Ich schreibe da nur hinterher. Zum Beispiel dieses Bild hier: The other boy´s kite. Was es damit wohl auf sich hat? Ich weiß es nicht, ich ahne nur einen seidenen Faden entlang in die dünne Luft hinein. Vielleicht ...



Der Wind blies falsche Versprechen durch die Luft. Wolken segelten unter einem Himmel, der sich nach dem gelernten Blau sehnte und seine schlechte Stimmung rücksichtslos nach unten drückte, auf die schwächsten Glieder in der Kette der Naturgewalten. Menschen.

Nicht nach unten, dachte Utop, bloß weg von dieser hässlichen Erde. Er schloss die Augen und ließ sich im Wind treiben, surfte durch die luftigen Böen. Wenn nur diese dämliche Fußfessel nicht wäre.

„Mehr Schnur“, rief Utop ungeduldig, „gib mir mehr Schnur.“ Apollon hörte nicht, was sein Drache von oben brüllte. Die stürmische Luft verschlang jedes Wort. Die Sprache ist immun gegen die Anziehungskräfte dieser Erde, selbst wenn die Worte eine schwere Botschaft verkünden. Schwerelos gleiten die Buchstaben durch die Welt, Spielball für jeden Idioten, der Lust bekommt kräftig zu pusten.

Erst, als das Seil spannte und zu reißen drohte, erkannte Apollon die Gefahr und wickelte die Schnur ab. Man muss auch loslassen können, um weiterhin alles im Griff zu haben. Er blickte nach oben und sah Utop weiter aufsteigen, immer kleiner werden. Im kurzen Moment des Aufsteigens war Utop zufrieden mit der neu gewonnenen Freiheit und vergaß die Verbindung nach unten. Glücklich wedelte er seinen Schweif im Wind. Im kurzen Moment des Aufsteigens spürte Apollon die warme Illusion der Kontrolle, die durch seine Adern schoss. Glücklich umklammerte er den Schnurgriff und bewegte seinen Arm mal nach rechts, mal nach links. Weit oben spürte Utop nichts von diesem meditativen Versuch, Einfluss auf seinen Flug zu nehmen.

Neidisch schaute Pluto auf den Drachen, der am Himmel tanzte, vor diesem makellosen Lila, den das jüngste Gericht nicht besser hätte um die Erde wickeln können. „Schau Dir das an, Dystop“, sprach Pluto und ließ den hoffnungsvoll nach oben gerichteten Kopf nach unten fallen. Vorwurfsvoll zerrte er an der Schnur seines Drachens, die sich mehr und mehr an den Steinen der Klippe aufrieb. Kopfüber baumelte Dystop lustlos im luftleeren Raum, nur gehalten von der dünnen Schnur in den Fingern seines Meisters und dem Gedanken, dass er die Erde erblickte, wenn er nach oben schaute. Unter ihm war die unfassbare Weite eines Himmels, der nicht groß genug war für zwei tanzende Drachen.

„Hast Du nicht genügend Phantasie Dir vorzustellen, wie ich in den Lüften schwebe?“, seufzte Dystop und drehte sich langsam und jämmerlich mal nach links, mal nach rechts. „Wieso Phantasie“, fragte Pluto gereizt und zerrte weiter an der Schnur, „da drüben fliegt Apollon mit seinem Drachen, da brauche ich keine Phantasie.“ Er stampfte mit seinem Fuß auf, der Berg absorbierte jede Vibration. „Aber ich will, dass Du auch fliegst.“

Die Kirche im Dorf schlug zur nächsten vollen Stunde und warnte die Menschen vor den neuen Möglichkeiten. „Warum, glaubst Du, laufe ich mit Dir hier den Berg hinauf? Bestimmt nicht, damit Du hier so jämmerlich rumbaumelst.“

„Weil Du willst, dass ich höher hinaufsteige als Utop. Weil Du willst, dass Dein Drache besser ist als Apollons“, antworte Dystop gelangweilt.

„Du bist ein elender Spaßverweigerer“, schrie Pluto und zerrte kräftig an der Schnur. „Jetzt flieg schon.“

So kann man es auch sehen, dachte Dystop und schloss die Augen. Der Wind kräuselte sich gelangweilt an ihm vorbei und flog dahin, wo er etwas bewegen konnte. In einiger Entfernung schoss Utop die nächsten Meter in die Höhe. Die Dämmerung setzte ein und schob naturgewaltig die nächste Farbe in den Himmel. Das Lachen Apollons drang durch die Luft.

Plutos Herz vibrierte. Er hatte genug. Eilig wickelte er die Schnur auf. Noch bevor er Dystop über die Klippe zog, trennte ein Stein die dünne Verbindung. Während Pluto die Fransen in den Händen hielt, sah er Dystop als Schatten in den Himmel fliegen, vorbei an Utop, den er kurz grüßte, vorbei am Kirchturm, den er elegant umsegelte, hinfort in die nächste Zukunft. Alles zu seiner Zeit.



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