09.09.2013

Mir doch egal

Liebe Freunde lässiger Gleichgültigkeit.
Mitten hinein in die Wiedereingliederungshärte eines durchschnittlichen Montags werfe ich meine 10 Cent zum Thema Gleichgültigkeit in eure vom Wochenende gegerbten und berufsmäßig vielleicht noch desinteressierten Gesichter. Über den "Nullpunkt des Sozialen" wurden schon einige Gedanken verloren. Ich muss nicht nochmal aufwärmen, dass Gleichgültigkeit weder Gelassenheit noch Toleranz meint, sondern Desinteresse, Abstumpfung und Ablehnung. Ignoranz ist ein vortrefflicher Relevanzfilter. Man kann sich ja nicht für alles begeistern. Gelegenheitsgleichgültigkeit ist lebensnotwendig. Aber muss man deswegen gleich zu allem, was außerhalb der eigenen Lebensrealität herumschwebt, "mir doch egal" sagen? Muss man jedem potenziellen Aufrüttler ein "You cannot imagine the immensity of the fuck I do not give." entgegenschreien? Muss man sich die Mühe machen, seine schwere Genervtheit mit einem Link zu unterstreichen? (Exit-Option: Bereits jetzt schwer Genervte klicken bitte nicht auf "weiterlesen.")

Alle beklagen eine zunehmende Gleichgültigkeit, es scheint eine soziale Zivilisationskrankheit zu sein, quasi die Fettleibigkeit des Geistes. Bevorzugt klagen diejenigen darüber, die sich tagtäglich mit Leidenschaft für ihre Ziele einsetzen und auf mehr Sensibilität und einen Bewusstseinswandel der Gleichgültigen hoffen. Aber wie wirksam sind solche Weckrufe, wenn wir eine große Müdigkeit verspüren? Wenn wir im Zuviel des Gleichen untergehen? Stumpfe Arbeitsroutine, regelmäßig wiederkehrendes Jahrhunderthochwasser, ein Bürgerkrieg hier, ein Flüchtlingsdrama dort, ein Datenskandal da hinten. Jedes Jahr ein Herbst. Das Dauerfeuer der Informationen verleiht uns ein dickes Fell, und die Beschleunigung der globalen Ereignisproduktion erleichtert uns das Vergessen. Entweder sind wir davon mittlerweile zutiefst gelangweilt, oder wir haben mit unserer Selbstrettung schon genug zu tun, als dass wir uns auch noch um eine Weltrettung kümmern könnten.

Der Papst beklagt die "globalisierte Gleichgültigkeit". Man kann vom Katholizismus und seinen Chefideologen halten, was man will, aber diese Phrase ist sprachlich schön und inhaltlich zutreffend. Die Kultur des Wohlergehens mache taub für die Schreie der anderen, sagt er. Das stimmt, und ich möchte jetzt keinesfalls zynisch klingen, wenn ich in schmuddeliger Wohlstandsverwahrlosung diese globalisierte Gleichgültigkeit aus dem Armutsdiskurs löse und in einen Kontext stelle, der in seiner egoistischen Selbstbezüglichkeit kaum größer sein könnte: alles.


In diesem Sinne: Rettet euch, kommt klar, seid zynisch und ignorant. Aber teilt euch eure Gleichgültigkeitsvorräte gut ein. Es kommt die Zeit, sie ist schon längst da, da können wir uns zu viel Gleichgültigkeit nicht mehr erlauben.

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