13.08.2013

Weltzeitfressertag

Liebe Freunde erhabener Effizienz.
Heute ist Weltlinkshändertag. Aber das reicht mir nicht. Die Politik macht uns vor, dass wir einfach Sachen behaupten können - und dann sind sie auch so. Die performative Kraft der Sprache baut die schönsten Luftschlösser. Soll ich vormachen? Heute ist Weltzeitfressertag. Wenn ihr also gerade nichts Besseres zu tun habt, verschenkt kostbare Minuten und lasst uns gemeinsam der Spezies der Zeitfresser gedenken.
Zeitfresser sind, wie der Name ja schon suggeriert, böse. Sie hindern uns, Dinge zu tun, die wichtig oder dringend sind. Zeitfresser sind die kleine Schwester der Prokrastination, die Parasiten des Multioptionalen, die Zerstörer der Produktivität, die Drogen der Drögen, die Erbsen unter den Matratzen der Effizienz. Zeitfresser sind Katzen, die vorne schmeicheln und hinten kratzen, denn während wir im jeweiligen Moment Spaß an der Ablenkung finden, fällt uns retrospektiv auf, dass wir gerade eben mit dem hinterletzten Blödsinn kostbare Zeit vergeudet haben. Zeit, die nicht wiederkommt. Einfach weg.

Wir schleppen sie als pussierliche Haustierchen mit uns herum und geben ihnen Futter. Zeitfresser sind, wie der Name schon sagt, Chronotarierer. Und jetzt kommt das Paradoxe: Sie ernähren sich nicht besonders bewusst, ziemlich einseitig sogar. Dabei fressen sie aber alles, was ihnen unter die Hufe kommt. Minuten sind ihre Kalorien. An sich ist das ja nicht schlimm. Um es mit meinem alten Geschichtslehrer zu sagen: Jedem Tierchen sein Plaisierchen. Aber für uns ist das doch in den allermeisten Fällen ziemlich ärgerlich, weil wir uns am Abend fragen, wieso wir heute nichts auf die Kette bekommen und womit wir eigentlich den ganzen Tag zugebracht haben.

Nun gibt es ja Gegenstrategien, Kammerjäger, Disziplinierungsroboter. Wir könnten uns zum Beispiel durch Recherche beschlauen, um ein besseres Verständnis dieses Unbehagens zu bekommen. Für alles gibt es Ratgeber. Und dann lesen wir Texte wie "Zeitfresser killen, Freiheit gewinnen" oder "Die schlimmsten Zeitfresser" und finden schlaue Handlungsaufforderungen wie "öfter mal Nein sagen", "Prioritäten setzen" oder "Tagesziele definieren." Alles gut und richtig. Aber wir dürfen die Rechnung nicht ohne den Parasiten machen: Zeitfresser sind intelligente Lebewesen. Sie ziehen ihre Energie aus unserer Bocklosigkeit, unserer Routinelähmung, unserem Disziplinierungsmangel und unseren Intelligenzlücken und grätschen heimtückisch in jede Labilitätszone. Und das wirklich Unvorteilhafte an dieser Geschichte ist, dass sie niemals satt werden. Wenn wir Pech haben, futtern die uns den ganzen Tag weg, und danach noch einen. Und noch einen. Das macht sie ja so gefährlich. Wir können sie nicht mal eben mit einer Stunde füttern und danach haben wir Ruhe für den restlichen Tag. Sie sind symbiotisch mit uns verbunden.

Als ich das festgestellt habe, hatte ich gerade begonnen, meinen Zeitfresser mit Stolz auf meiner Schulter zu tragen und mir nichts mehr vorzunehmen. Gar nichts. Und wisst ihr, was dann geschah? Mein Zeitfresser wurde auch bocklos. Er hatte nichts mehr, was er mir klauen konnte. Ich wusste ja schließlich selbst nicht mehr, wohin mit meiner Zeit. Und dann lag er gelangweilt in der Ecke und hat nichts mehr gegessen, tagelang. Da tat er mir dann auch ein bisschen leid und ich habe wieder angefangen, irgendetwas zu tun, nur damit er wieder ein etwas aktiver wird. 

Ich finde heute, am Weltzeitfressertag, sollten wir uns alle aus Dankbarkeit den Terminkalender und die To-Do-Liste zum Bersten vollschreiben und am Abend erschöpft feststellen, dass wir nichts von dem umgesetzt haben, was wir uns vorgenommen haben. Das wäre nur fair, denn wenn uns die Zeitfresser irgendwann wegsterben, wäre das Leben ja auch irgendwie eintönig, oder? In diesem Sinne: plant viel, macht wenig. Seid eurem Zeitfresser ein guter Freund und ein Staubkorn im Getriebe des produktiven Treibens. Es wird nie langweilig.


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