08.07.2013

Tyrannei des Transparenzterrors

Liebe Freunde radikaler Durchsicht.
Ich mag Nebel. Er hat etwas Geheimnisvolles, Unwirkliches, Gedämpftes. Damit meine ich den Naturnebel, der die Welt milchig und weichgezeichnet erscheinen lässt, nicht die echten oder metaphorischen Nebelkerzen, die jemand zündet, um mich über irgend etwas im Unklaren zu lassen. Womit wir auch schon beim Thema wären: der vollumfänglichen Nebelreduktions-maschine namens Transparenz. Der Philosoph Byung-Chul Han sagt, dass Transparenz das Vertrauen abschaffe und das soziale System auf Kontrolle umstelle. Steile These, aber nachvollziehbar. Man denke nur an die emotionale Grundreizstimmung und den ganzen sozialen Jähzorn, der in den Shitstorms seine Enttäuschungsventile findet. Transparenz ist häufig Auslöser für kollektive Wut, äußerst selten für kollektive Freude. Oder wann habt ihr zuletzt von einem Candystorm gehört?

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin ein großer Fan von Gegenöffentlichkeit. Ich bekenne mich zu meinem vitalen Sofaaktivismus, den ich bei Avaaz auslebe. Ich finde die positiven Aspekte der Transparenz gut und wichtig. Dadurch werden Probleme aufgedeckt und Akteure, die ihr fragwürdiges Handeln verschleiern, an den Pranger gestellt. Ich finde Hetzjagden auf Whistleblower äußerst befremdlich und freue mich, dass es Transparenzmedien gibt, die über Beschiss und Wahnsinn aufklären. Nichtwissen ist auch keine Lösung. Schon gar nicht für Veränderung.

Ich habe aber das binär codierte Gefühl, dass Transparenz für die Gesellschaft als Ganzes ein enormer Gewinn ist, für jeden einzelnen jedoch mehr und mehr zur Belastung wird. Als aufgeklärte Antihelden wissen wir, dass jede Wahrheit nur eine Frage der Perspektive ist. Wenn ein Sexfilm im schmuddeligen Bahnhofskino läuft, dann ist das Pornographie. Wenn er im Programmkino gezeigt wird, dann ist es Kunst. Aber darum geht es jetzt nicht, diesmal ist mir der Kontext herzlich egal. Viel spannender finde ich den Unterschied zwischen Pornographie und Erotik, zwischen Transparenz und Geheimnis. Pornographie ist offensichtlich, alles wird zur Schau gestellt, es gibt keine Geheimnisse. Pornographie ist die Eleminierung der Phantasie. Erotik ist das Gegenteil: es wird nicht alles gezeigt, nicht alles ausgesprochen, meine Vorstellungskraft wird gekitzelt und kann sich selbst etwas ausmalen.

Heute ist die Welt pornographisch. Alles ist öffentlich. Geheimnisse sind zu Negativmonstern degradiert worden. Früher waren Demokratie und Kapitalismus erotische Literatur oder bestenfalls weichgezeichnete Softsexfilmchen. Heute sind sie lustfeindliche Hardcore-Pornos, nur auf schnellen Sex aus. In der Konsequenz ist das ziemlich toll, weil es grundehrlich ist: man wird nicht mehr so systematisch durchverarscht. Zumindest bilde ich mir das in naiven Momenten ein. In anderen Momenten stelle ich fest, dass Porno nichts mit Wahrheit und schon gar nichts mit Authentizität zu tun hat, sondern auch nur eine Illusion ist.

Was mich betrifft: Ich will gar nicht alles wissen. Das heißt nicht, dass mir alles egal wäre. Ich hätte gerne die Möglichkeit, alles zu wissen. Wenn mir etwas vorenthalten wird, werde ich skeptisch. Aber ich gestehe, in vielen Dingen bin ich ein kleiner Betrifft-mich-nicht-Wicht, rege mich gerne auf und pflege mein (theor)ethisches Bewusstsein - aber handele nicht entsprechend. Ich habe mit meiner Selbstrettung schon so viel um die Ohren, dass für Weltrettung nicht mehr so viele Mentalreserven frei sind. Das ist hochgradig egoistisch. Ich nenne es Selbstschutz, manchmal Pragmatismus.

Ich will die Diskussion gar nicht zu politisch machen, wenn das überhaupt geht. Das haben andere schon getan, vor allem mit Hinweis darauf, dass wir die Big-Brother-Mentalität im Öffentlichen kritisieren, während wir uns in der privaten Umkleidekabine des Netzes ständig freiwillig nackig machen. Ja, ich weiß, das Private ist auch politisch. Als wohlstandsverwöhnter Aktivitätsgelähmter habe ich eine Vermutung, was mit meinen Daten gemacht wird, ich muss nicht auch noch im nächsten Shitstorm erfahren, was wirklich geschieht. Ich brauche keinen Datenporno, mir reicht die Phantasie, was so alles möglich wäre; vielleicht weil ich Angst vor den Konsequenzen habe, davor meine Gewohnheiten zu ändern, Google nicht mehr zu nutzen, auf Facebook zu verzichten, nicht mehr bequem im Netz einzukaufen. Wir sind doch alle von den technologischen und ökonomischen Annehmlichkeiten so sehr verwöhnt, dass es ein paar schlechte Meldungen schwer haben werden, uns zu neuen Routinen zu bringen. Je mehr ich weiß, umso mehr muss ich verdrängen, um ruhigen Gewissens weiter zu machen wie bisher. Alle sind wir Viecher, die um jeden Preis ihre Bequemlichkeit suchen und herumhuren im Sumpf einer vernetzten Welt.

Die Transparenzlämpchen wachsen zu energiegeladenen Scheinwerfern, die immer mehr Licht ins Dunkel bringen. Aber von einer Vollporno-Transparenz sind wir noch weit entfernt. Die totale Durchsicht wird uns noch lange verwehrt bleiben. Intransparenz und Verheimlichung sind an der Tagesordnung, und genau das ist ja auch einer der vielen Gründe, warum Politik, Unternehmen und andere Institutionen unter massivem Vertrauensverlust leiden.Vertrauen ist deswegen so wichtig, weil nicht alles kontrolliert werden muss, weil es die Komplexität unseres Zusammenlebens reduziert, weil wir uns auf andere Sachen und Aushandlungsprozesse konzentrieren können. Vertrauen basiert auf dem Geheimnisvollen, dem nicht Ausgesprochenen. Wenn das durch zu viel Transparenz verloren geht, wächst die Kontrolle - und mit ihr die Angst davor. Ich bin ein grundsätzlich vertrauensbereiter Mensch, das ist bequem und erleichert einiges. Meine Vertrauensbereitschaft ist eine Chance für die sogenannten Eliten dieser Welt. Aber wenn diese Vollhonks mein Vertrauen systematisch missbrauchen anstatt sich selbst vertrauenswürdig zu machen, darf man sich nicht wundern, wenn das Hassmonster zuschlägt und immer noch mehr Transparenz gefordert und gelebt wird und damit der soziale Kitt endgültig zu einer kleblosen, krümeligen Masse zerbröselt.

Das mit der Transparenz ist genau so eine schwierige Angelegenheit wie die Sache mit der Wahrheit. Ich habe nichts gegen die Wahrheit, aber in letzter Zeit gibt es so viele davon. Was ich sagen will: In jeder Transparenzoffensive steckt immer auch eine Intention, eine eigene Wahrheit, die möglicherweise andere, parallel existierende Wahrheiten verschleiert. Das macht es nicht einfacher.

Herrje, ich rede mich um Kopf und Kragen, aber wenn man sich einmal in so ein Stadium der assoziativen Lockerung gibt, dann stolpert man über Hölzchen und Stöckchen mitten hinein in den Urwald der Ansichten. Und da gibt es eine große Artenvielfalt, die bei übermäßigem Verzehr Denk- und Bauchschmerzen verursachen kann.

In seinem Büchlein "Transparenzgesellschaft" schreibt Byung-Chul Han, dass "eine transparente Beziehung eine tote Relation (ist), der jede Anziehung, jede Lebendigkeit fehlt." So wie ich das verstehe: Transparenz kann nur funktionieren, wenn es Geheimnisse gibt. Genauso wie Toleranz nur funktionieren kann, wenn man bestimmten Dingen gegenüber intolerant ist. Das Fehlen von Intoleranz würde die Idee der Toleranz abschaffen. Totale Transparenz ist nicht nur unmöglich, sondern persönlich ungesund (und auch gesellschaftlich desintegrativ). Wer das im Selbstversuch mal ausprobieren möchte, der laufe bitte einen Tag lang durchs Leben und mache alles öffentlich, was in seinem Innersten vor sich geht. Von Irritation bis In-die-Fresse-kriegen sind da viele Reaktionen denkbar.

Ich habe keine Meinung, ich habe sogar zwei. Ich vermische Perspektiven, weil ich keine Grenzen mehr erkenne. In diesem Sinne, zündet eure Nebelkerzen und sorgt für klare Sicht. Sucht euch neue Geheimnisse und bleibt gesund.

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