05.06.2013

Etwas fehlt

Liebe Freunde des leisen Lichts.
Der Tagesanbruch als Gute-Nacht-Routine. Helligkeit, die sich in den Kopf fräst und dort auf den Synapsen herumtrampelt. Der letzte große Fang. Vielleicht kommt euch die Geschichte bekannt vor. Es gibt sie bereits auf englisch. Mein Experiment zu Jahresbeginn. Die Idee, zu einem Bild eine Geschichte zu schreiben. Mich juckte es in den Fingern, den Kreis wieder zu schließen und die Geschichte zurück in die Muttersprache zu bringen. Das war eine sehr interessante und nicht ganz einfache Erfahrung. Jetzt heißt "Unfinished Sympathy" eben "Etwas fehlt" - und ein paar kleine Veränderungen habe ich auch vorgenommen. Damit ist dieses Experiment abgeschlossen. Back to the next. Herausforderungen gibt es genug, und der Sommer ist kurz. Wenn ihr Lust habt, könnt ihr hier unten die deutsche Version lesen. Viel Vergnügen. In diesem Sinne: Verschenkt ein kleines Stückchen eures Herzens. Passt auf euch auf. Die Tage werden länger, aber steigt damit auch die Ausdauer? Das Blut rauscht ein wenig wärmer durch die Adern, der Weg ist weit, die Füße sind klein und die Helligkeit wird euch hoffentlich nicht blenden.

Etwas fehlt

Wieder einmal verlor die Welt ihre Dunkelheit. Das Schwarz ging langsam über in ein Blau. Wasserdampf tanzte auf der Oberfläche des Sees. Wie eine vom Himmel gefallene Wolke. Wie unsere Träume, dachte Juri und schloss die Augen.

Bald würde sich der Nebel gelegt haben und einen klaren Blick auf die Landschaft freigeben. Er kannte das Bild, kannte den Ablauf. Die Farbe des Himmels sagte ihm, dass der Nebel in einer Stunde in seinem Kopf sein würde. Er holte tief Luft und lehnte sich im Schaukelstuhl zurück.

„Wenn du nicht schläfst, kannst du auch keine Alpträume haben“, sagte Nina mit einem Krächzen in der lange nicht benutzten Stimme. Sie stopfte die Enden der Wolldecke unter ihren Oberschenkeln fest.

„Weiß nicht“, antwortete Juri. Seine Augen folgten den Nebelschwaden in ihrem Tanz über den See. Es sah aus, als begänne das Wasser zu kochen.

Vögel. Sie waren zwar noch nicht zu sehen, aber sie waren nicht zu überhören. Das Zwitschern zerschnitt die Stille. Ihr Morgengesang warnte alle Seelen vor der kommenden Helligkeit.

Nina stand auf, zog sich die Decke bis zum Hals hoch, wickelte sie um ihren Körper und setzte sich wieder.

Ein Käfer kreuzte die Veranda im Zickzack. Links, rechts, links. Zwischendurch immer wieder ein Innehalten, als ob er sich der Richtung vergewissern wollte. Dann eilte er schnell davon, schnurstracks zum Geländer, verschwand hinter dem Zaun.

„Ich hole meine Sachen“, murmelte Juri. Er stand auf, seufzte, ging zur Tür. Der Schaukelstuhl schwang ohne ihn vor und zurück, immer weiter, wurde langsamer. Stoppte. Die Tür quietschte, als Juri sie öffnete. Der Schaukelstuhl stand unbeweglich, als ob nie jemand dort gesessen hätte.

Nicht mehr lange, dann würde der Himmel in die nächsten Farben wechseln. Zu dieser Jahreszeit war es immer das gleiche: ein leises Orange, das langsam lauter wird und später im hellen Gelb verschwindet. Die Wolken sehen die Sonne immer zuerst und dekorieren sich mit hübschen Lichtspielen. Die neuen Farben vertreiben den Nebel. Und locken die Schmerzen an.

Juri kannte dieses Gefühl, wenn die Helligkeit zusticht. Seine Augen waren in den letzten Jahren immer lichtempfindlicher geworden. Der Arzt nannte das Fotophobie. H 53.1. Subjektive Sehstörungen in der Klassifikation nach ICD10. Der Arzt war immer besonders gut darin, neue Wörter zu finden. Aber er versagte zusehends, wenn es darum ging den Schmerz zu lindern.

Das Licht zerstörte die Ruhe. Die Helligkeit wurde jeden Tag schlimmer, der Wunsch nach Rückzug größer. An einem wunderbaren Juli-Nachmittag, der die Sonne mit aller Wucht durch die geschlossenen Vorhänge ins Schlafzimmer und Juri in die Kissen drückte, entschied er sich die tägliche Routine umzudrehen. Von nun an ging er zu Bett, wenn das Licht den Himmel berührte und stand bei Sonnenuntergang wieder auf. Manchmal sah er Nina tagelang nicht. Nach einer Weile fiel ihm auf, dass es ihn nicht besonders störte. Sie redeten in letzter Zeit ohnehin wenig. Die Leichtigkeit des eloquenten Schweigens hatte von ihnen Besitz ergriffen. Die Dinge hatten sich geändert. Dinge ändern sich immer, eine Routine löst die nächste ab.

Juri ging in die Abstellkammer und suchte die Sachen zusammen, die er für seine Gute-Nacht-Routine benötigte. Eine Angewohnheit, die ihn beruhigte, die ihm dabei half seine Augen schwer und seinen Körper bettreif zu machen. Sie bereitete ihn darauf vor, den Tag zu verlassen. Wie ein Schlaflied zum Sonnenaufgang.

Juri holte die Rute aus dem Schrank und nahm den Angelkasten aus dem Regal. Die Köder hatte er vor ein paar Tagen erst aufgefüllt. Er stand vor der Matte, auf die er immer seine Gummistiefel stellte. Sie waren nicht da. Juri zog die Augenbrauen hoch, ging zurück ins Wohnzimmer, nahm sein Telefon vom Tisch, öffnete den ThingLocator, räusperte sich und sagte „Gummistiefel.“ Ein Grundriss des Hauses erschien auf dem Display, in der linken unteren Ecke blinkte ein roter Punkt. „Die Gummistiefel befinden sich im Badezimmer, Erdgeschoss“, sagte eine sanfte Stimme. Juri schüttelte den Kopf. Die Erinnerung war wieder da. Gestern Morgen hatte er die Stiefel im Badezimmer abgewaschen und in der Dusche vergessen. Er wunderte sich, dass Nina sich nicht beschwert hatte.

„Sie sehen angespannt aus“, sagte die Stimme aus dem Telefon. „Sie sollten sich etwas entspannen.“ Herrje, dachte Juri und beendete die Anwendung, morgen muss ich unbedingt diese blöde Stimmungserkennung deaktivieren.

Er zog sich seine sauberen Stiefel an, legte das Telefon wieder auf den Tisch, setzte seine Sonnenbrille auf und ging mit den Angelsachen aus dem Haus. Seine schweren Schritte hallten auf dem Holz der Veranda. Nina drehte ihren Kopf, sah Juri langsam vorbei gehen.

Das Wasser vibrierte, als Juri hineinstieg. Kleine Kreise auf der Oberfläche bewegten sich zur Mitte des Sees. Einige Meter vom Ufer weg durchschlug der Haken die Wasseroberfläche. Juri sah das heraufziehende Licht in einem gedimmten Braun. Die Sonnenbrille gab ihm ein paar zusätzliche Minuten.

Ein Vogel flog still vorbei, verschwand in den Bäumen. Juri lächelte. Dann durchfuhr ein Zittern seinen Körper. Ein Kopfschmerz tötete sein inneres Gleichgewicht und erinnerte ihn an die nackte Wahrheit. Er musste Vorkehrungen treffen. Viel Zeit blieb nicht mehr. Er musste den Druck von Nina nehmen, soweit er dazu überhaupt in der Lage wäre. Nächste Woche würde er sich darum kümmern.

Noch ein Vogel. Er folgte dem ersten.

Der See war still. Die Schnur lag ruhig auf dem Wasser. Juri reiste in die Vergangenheit. Der Tag, an dem er Nina traf. Ein Vierteljahrhundert zuvor. Die Unruhe der Menschen vor dem Jahrtausendwechsel. Sein nervöses Flattern, als er sich zu ihr setzte. Das Feuerwerk. Fast hätten sie damals den Übergang verpasst. Sie saßen auf einer schmierigen Couch, die Raketen erinnerten sie an das besondere Ereignis. Der Moment, an dem er zum ersten Mal seine Hand auf ihre Schultern legte. Ihre Gleichgültigkeit. Als er mutdurchflutet seine Hand langsam über ihren Nacken, ihren Hals wandern ließ, sie zurück wich und ihn warnte: Vorsicht Junge, du hast die falschen Koordinaten. Aber das neue Jahr war jung und frisch und noch nicht durchtränkt mit zerbrochener Hoffnung. Er versuchte es wieder, immer wieder. Es dauerte fünf Wochen, drei Briefe, unzählige Anrufe und vier Treffen von der ersten Abfuhr bis zum ersten Kuss. Es war jede einzelne Sekunde wert.

25 Jahre. Juri schüttelte ungläubig Kopf. Er atmete tief durch. Die Zeit macht uns schwach, dachte er, alles hat ein Ende. Die Natur kümmert es wenig, was sie den Menschen antut.

Am gegenüberliegenden Ufer begannen die Bäume zu glühen. Der Nebel war verschwunden. Die aufgehende Sonne spiegelte sich im Wasser. Ein gigantischer orangegelber Strich zerschnitt den See in zwei Teile. Der Beginn eines neuen Tages. Oder das Ende. Alles eine Frage der Perspektive. Der gelbe Balken sah aus wie eine Brücke, die den See überspannte und ein paar Meter vor seinen Füßen endete. Wir brauchen immer eine Brücke, dachte Juri. Immer. Er drehte sich um und sah Nina auf der Veranda sitzen. Juri hob den Arm und winkte. Kommunikation ist viel einfacher, wenn man sich nicht direkt gegenüber steht. Er war froh, dass sie da war. Dass sie immer noch da war.

Nina winkte zurück, warf ihm eine Kusshand zu. Mit Tränen in den Augen. Sie rieb sich den Arm. Das flaumige Haar wie kleine Dornen, die aus der Haut wachsen. In ihrem Herzen lag die schwere Wahrheit. Nie ausgesprochen, aber immer gegenwärtig.

Nur eine Routineuntersuchung, hatte der Doktor gesagt. Die Diagnose zog ihnen den Boden unter den Füßen weg. Zwei Monate, sagte der Arzt mit ernstem Gesicht, legte dabei die Stirn in Falten, Berufskrankheit. Vielleicht vier. Höchstens sechs. Juri nahm diesen Satz ungerührt auf. Er redete nie darüber. Er veränderte sich einfach. Es veränderte ihn.

Juri fixierte den Punkt, an dem die Angelschnur das Wasser berührte. Die kletternde Sonne schickte kleine Nadeln in seine Pupillen. Der Nebel kam. Zeit ins Bett zu gehen, dachte er, ließ seinen Kopf auf die Brust fallen. Er sah sein Gesicht im Wasser. Die Oberfläche wie ein zu stark getönter, flüssiger Spiegel. Ein Schatten in Bewegung, ohne Kontur. Er versuchte seine Augen zu erkennen und fand keine Antwort.

Es gibt keine Antwort, sagte sein Schatten, es gibt nur die Wahrheit in all ihren bunten Variationen. Das ist alles.

Seine Augen wanderten über das Wasser. Hier gab es keine Grenzen. Hier war alles möglich. Das Gefühl von Freiheit machte ihm Angst. Wir brauchen Grenzen, um unsere Welt sinnhaft zu machen, dachte er, um die Stückchen dessen zu strukturieren, was wir Leben nennen. Ohne Grenzen wären wir alles und nichts.

Juri spürte einen kleinen Widerstand, umgriff die Rute und holte die Schnur ein, gab wieder etwas frei und kurbelte erneut. Vielleicht ein Zehnpfünder, wann habe ich zuletzt einen Zehnpfünder gelandet, schoss es ihm durch den Kopf. Juri holte noch mehr Schnur ein, holte tief Luft. In der Hoffnung auf einen großen Fang begann sein Herz zu hüpfen. „Was für ein grandioser Tagesabschluss“, sagte er laut zu sich.

Dann verschwand das Wasser.

Innerhalb von Sekunden steckte Juri im matschigen Schlick fest, unfähig sich zu bewegen. Überrascht schaute er nach oben, die Augen weit geöffnet. Der Himmel war weiß, ein drastisches Weiß, das alles überblendet. Juri riss sich die Sonnenbrille vom Kopf und warf sie von sich. Der Aufschrei seiner Augen war weithin zu hören. Vögel flatterten von den Bäumen. Der Schmerz war überall.

Und dann war Stille.

Am Ende der Tage, wenn die Sonne untergeht, fliegen wir zum Himmel hinauf und schauen uns die Wolken von oben an. Aus einer anderen Perspektive. Wir bringen die Wolken mit unseren strahlenden Seelen in den schönsten Farben zum Leuchten. Wir lösen uns von der Alltäglichkeit der Welt und schweben einfach weg. Ich werde immer da sein, mein Schatz. Lange nachdem der Nebel mich geblendet hat, werde ich da sein. Lange nachdem mein Körper von den Würmern zerfressen wurde, werde ich da sein. Ich werde ein kleines Stückchen deines Herzens mit mir nehmen. So klein, du wirst es kaum vermissen.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen