02.05.2013

Universaldilettantismus jetzt!

Liebe Freunde des grotesk Großen.
"It´s not the size of your pencil, it´s how you write your name." Gut, John Holmes war Pornodarsteller, und diese Aussage bezog sich offensichtlich auf sein Arbeitsgerät. Aber das heißt nicht, dass dieser Satz keine Gültigkeit hätte. Heute ist alles messbar, Big Data ist das Stichwort. Und Daten fallen genug an. Laut OECD produzieren 20 Haushalte mit durchschnittlicher Breitband-Nutzung heute genau so viel Datenverkehr wie das gesamte Internet im Jahr 1995. Alles, was messbar ist, muss sich vergleichen lassen. Früher hieß das "mein Haus, mein Auto, mein Boot." Heute dann eher: "Meine Unique Visitor, meine Follower, mein Klout-Score." Same shit, different bucket. Mal ehrlich, Freunde, ist das cool? Ist DAS cool? Seid ihr cool? Wer auf dicke Hose macht, muss mit Lachern rechnen, wenn der Inhalt nicht den Erwartungen entspricht. John C. Holmes hatte zumindest dieses Problem sicher nicht.

Was bringt uns das Getöse um große Größen? Wir sind doch alle progressive Wachstumskritiker und wissen, dass ständiges Vergleichen die Grundbedingung für ein Mehrbesserweiterschnellerhöher ist. Warum müssen wir uns im blinden Fleck suhlen und nach den gleichen Regeln spielen, die wir sonstwo kritisieren? Das ist nicht cool. Das ist langweilig.

Können wir nicht einfach nur nett sein? Können wir nicht etwas Understatement praktizieren und den Größenwahn ein klein wenig miniaturisieren? Können wir nicht auf Nebelkerzen und Blendwerk verzichten und etwas weniger bold sein, wie es in der Geschäftssprache so gerne heißt? Die desillusionierende Antwort, ihr kennt sie alle: nein. Können wir nicht. Ganz einfach, weil Understatement mit Macht zu tun hat. Je größer die Machtdistanz innerhalb der fragilen, dynamischen Gesellschaft, umso wichtiger wird der Ausdruck der sozialen Position durch Statussymbole. Wer nicht bold ist, wer nicht sein Innerstes nach außen trägt, wer sein Ich nicht attraktiv mit Zuckerguss garniert, der wird nach unten durchgereicht, flattert durch das Aufmerksamkeitsraster, gerät in Vergessenheit und kriegt im Leben von allem nur die B-Ware. Deswegen stehen ja auch nicht zwingend diejenigen mit der größten Kompetenz "oben", sondern gerne auch mal die, deren Gehirn nicht annäherend so kräftig ist wie ihr Ego. Dick aufzutragen gehört heute zu den Spielregeln. Die Machtpolitiken werden ja nicht weniger, nur weil sich Statussymbole ändern. Und wenn wir nicht bold sind, wollen vielleicht noch unsere Freunde mit uns spielen, aber wahrscheinlich nicht mehr die Leute, die dafür sorgen, dass wir unser Geld verdienen und zur gesamtwirtschaftlich guten Großwetterlage kleinbeitragen. Die wollen entweder Kompetenzkreaturen - oder Komplettversager, wenn sie der Guppy-Strategie folgen und sich selbst in besserem Licht darstellen möchten.


Ich finde diese businesssozialisierte Boldness nicht cool und trage meine dicke Hose wie der Clown seine Schuhe in Größe 66. Profundes Halbwissen als Kampfanzug. Und dabei immer schön authentisch bleiben, noch so ein Nichtwort aus dem Business-Diskurs. Genau das ist das Problem: Wie bringt man Boldness mit Authentizität zusammen? Geht das überhaupt? Warum muss man jedem zeigen, wie toll der Bleistift ist, wenn es doch eigentlich darum geht, ein hübsches Schriftbild zu hinterlassen?

Lange habe ich nach einem treffenden Wort für diese Befindlichkeit gesucht, diese Gratwanderung zwischen Stiftgröße und Schreibstil, zwischen Kompetenz und Kompetenzvortäuschung, zwischen Schlagzeilenintelligenz und der Fähigkeit, intelligente Schlagzeilen zu produzieren. Dank Wolfgang Wopperer habe ich jetzt einen Begriff dafür gefunden: Universaldilettant. Dieses schöne Wort stammt von Gisbert Haefs, einem Krimiautor, der seinen Romanhelden Balthasar Matzbach mit dem Etikett des Universaldilettanten durch die Seiten laufen lässt. Dieser Matzbach ist jemand, der "von vielen Dingen zu viel weiß, um sie ernst zu nehmen, zu wenig, um von ihnen ernst genommen zu werden, und genug, um Experten zu bluffen und Laien zu amüsieren" (Jakob Grunewald). Kritiker mögen jetzt einwerfen, dass der Universaldilettant an der Klippe zum Zynismus steht. Mag sein, aber er muss ja nicht notwendigerweise springen.
Können wir nicht alle ein bisschen weniger dilettantisches Spezialistentum an den Tag legen und etwas mehr universellen Dilettantismus? Die hyperdifferenzierte Gesellschaft hat das Prinzip der funktionalen Differenzierung auf die Spitze getrieben - und weit darüber hinaus. Spezialisten kontrollieren Unsicherheitszonen. Sie haben Wissen, Zugänge, Verbindungen oder eine Position, um andere in Abhängigkeit zu bringen. Damit üben sie Macht aus. Also wedeln sie nicht selten mit ihren großen Bleistiften und behaupten, die perfekten Striche zu malen - auch wenn es für viele Betrachter nur wildes Krikelkrakel ist. Das ist das Spiel, und nach diesen Regeln sollte spielen, wer erfolgreich sein will. Aber zynischerweise finden das die wenigsten gut, wie kommen wir also raus aus diesem Dilemma?

Meine bescheidene Antwort: einfach mal machen und sehen, was passiert. Kinder machen das auch: die handeln die Spielregeln beim Spielen aus. Da mag sich dann anfangs der Lauteste (oder Angsteinflößendste) durchsetzen, aber wenn keiner mehr mit ihm spielen will, weil er die Regeln nur nach seinem Gusto auslegt, dann verliert auch er den Spaß daran und zeigt sich kompromissbereit. Und genau das ist die Macht, die wir haben. Nein sagen. Uns nicht alles gefallen lassen. Dinge anders machen. Das geht aber nur, wenn wir nicht austauschbar sind, wenn wir bei anderen eine Unsicherheitszone aufbauen und kontrollieren können, wenn andere nicht ohne uns auskommen. Macht ist Teil jeder sozialen Beziehung, und Macht ist immer wechselseitig. Doof ist nur, dass der Begriff so negativ und einseitig hierarchisch besetzt ist, genau wie der Begriff "Opportunismus". Aber ich schweife schon wieder ab und muss gerade an Werner Enke denken: "Das Wichtigste an der Pseudophilosophie ist, dass am Ende nichts dabei herauskommt."

Also, liebe Freunde, merkt euch: Es geht nicht um die Größe des Bleistifts, sondern um den Schreibstil. Den können andere schön finden oder nicht, aber der hat nun einmal eine individuelle Qualität und trotzt als Abbild der souveränen Persönlichkeit jeglicher Boldness. Der Meinung bin ich, und die Meinung pflanze ich in meinen Frühlingsgarten. Auch wenn mir jetzt die halbe Welt widerspricht, angeführt von studierten Schriftpsychologen. "Mit welchem meiner vielfältigen Ichs redest Du?", frage ich die großen Graphologen dann ganz bold und kratze mich am Litotes. Widersprecht nur, kleinkarierte Großkopferte, das ganze Leben ist ein einziger Widerspruch und entzieht sich jeglicher Vereinheitlichung. Das ist die perfekte, nicht zu kritisierende Wahrheit. In diesem Sinne: Bleibt alle cool, Du, bleib cool!


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