02.04.2013

Prinzessin Wut läuft Amok

(c) Benjamin Rabe/ nonuts.de
Liebe Freunde kleinkindlicher Wutanfälle.
„Was heißt Amok, Papa?“
Tochter II saß auf dem Fußboden ihres Zimmers und holte tief Luft. Ihre Atmung hatte sich noch nicht ganz wieder normalisiert. Die Haare hingen ihr ins knallrote Gesicht, die Augen waren tränenverschmiert. Wo vorhin ein Fußboden war, lag jetzt eine Decke aus Puppenkleidern, Stiften, Legosteinen, Autos und noch einigem anderen Kram, der vorher in Regalen oder Schubladen einen aus Elternsicht ordentlichen Platz hatte.
Ich saß auf dem Bett, betrachtete das Durcheinander und bereute meine laut vorgetragene Aussage von vorhin, sie solle endlich aufhören Amok zu laufen. Das steht in jedem Ratgeberbuch: ruhig bleiben. Kinder, die wütend sind, werden bestimmt nicht weniger wütend, wenn man selbst wütend ist. Die Theorie ist so herrlich einfach. „Amok ist, wenn man wütend durch die Gegend rennt und Chaos anrichtet oder anderen Leuten wehtut.“
Eigentlich kann ich ganz froh sein. Wutanfälle sind bei uns wirklich nicht an der Tagesordnung. Unterm Strich sind die Kinder sehr lieb, sehr eigenständig, sehr verständnisvoll. Ich habe so überhaupt keinen Grund zu klagen. Die Lieblingsfarbe von Tochter I ist türkis, ihre kognitive und emotionale Intelligenz liegt durchaus im Soll. Sie mag St. Pauli und nicht den HSV. Sie hat sehr früh die Bedeutung des Wortes „absurd“ verstanden und dieses lebenswichtige Wort seither in ihren aktiven Wortschatz integriert. Eigentlich läuft alles gut. Es ist wie mit Flugzeugabstürzen: in den Nachrichten hört man nichts von den 900.000 problemlosen Flügen, sondern nur von dem, das gerade in irgendeinen Vorgarten geknallt ist.

„Aber ich habe doch keinem wehgetan.“ Sie versuchte vergeblich, eine abgebrochene Glitzerkugel wieder an einem der Zacken ihrer Krone zu befestigen.

„Doch“, sagte ich, „meinen Ohren. Außerdem hast du hier ein ganz schönes Chaos angerichtet.“

Normalerweise ist das ein Moment, in dem sie ihre Hand hebt und laut ruft: „Stopp. Mein Körper gehört mir.“ Das hat sie in der Kita gelernt. Stopp sagen, wenn jemand distanzlos wird und sie gegen ihren Willen anfasst. Sie wendet das zu Hause aber auch gerne in unangenehmen Situationen an, in denen die Eltern mal wieder den Konfliktherd einschalten, um ein aus Kindersicht unnötiges Streitsüppchen zu kochen. Zum Beispiel, wenn wir ihr sagen, sie soll sich die Hände waschen, wenn sie auf dem Klo war. Oder ihr Zimmer aufräumen. Oder nicht mit der zahnpastabelegten Zahnbürste den Badspiegel putzen.

Tochter II ist drei Jahre jünger als Tochter I, dieser ganze Prinzessinnenkram ist für sie eher ein soziales Statement, um in der Kita nicht gedisst zu werden, aber eigentlich kann sie mit Prinzessinnen nicht viel anfangen. Weil: nur schön aussehen und sich von vorne bis hinten betüdeln lassen, ist ja auch nicht tagefüllend. Und für diese ganze Prinzenfixierung ist sie ohnehin zu emanzipiert. Neulich waren wir gemeinsam in einem Spielzeuggeschäft. Sie lief sofort in die Rosa-Abteilung mit den Puppen, Feen, Elfen und dem entsprechenden Zubehör. Ich dachte, dass sie sich vor Reizüberflutung und Kaufwünschen gar nicht mehr einkriegt und überlegte mir schon eine Deeskalationsstrategie, aber da blieb sie mitten im Gang stehen, drehte sich zu mir um und sagte trocken: „Das ist ja alles Mädchenschmocker.“ Mit viereinhalb Jahren. In meinem Herzen öffnete sich eine große, warme Blume.
Entgegen meiner sonstigen Praxis erlaubte ich ihr an der Kasse, sich eine Quengelware auszusuchen. Auch so ein Wort, das beide großen Mädels schon beherrschen, auch wenn sie sich logischerweise nicht immer daran halten und beim Einkaufen hin und wieder nach Kaugummi oder Schokoriegel fragen. Aber das hält sich sehr in Grenzen und steigert deswegen meine Bereitschaft, auch mal „ja“ zu sagen. Tochter III ist mit ihren paar Monaten sowieso noch zu jung für absurde oder stressige Kommunikation auf sprachlicher Ebene. Die fängt gerade an zu brabbeln und ich bilde mir ein, ihr „alta-alta“ sei entweder ein anderes Wort für Papa oder ein Ausruf des Erstaunens. Es gibt wohl viel zu entdecken in dem Alter, unter anderem die eigenen Eltern.

Dass es bei uns zu Hause nur wenige Wutausbrüche gibt heißt aber noch lange nicht, dass kein Aggressionspotential da wäre. Dauerharmonie und wattegepacktes Eititei ist nicht nur unvorstellbar langweilig, es ist sicherlich auch nicht im Sinne einer sogenannten kindgerechten Entwicklung. Wo immer nur Sonne scheint, ist meistens Wüste. Bloß läuft die Aggression bei Mädels eher subtiler ab als bei Jungs, die ihr testosterongesteuertes Rumpelstilzchen offen mit Prügeln oder Stockkämpfen ausleben. Unsere Mädels überzeugen da eher mit unterschwelligem Rumgezicke.

Wie gesagt: Wutausbrüche sind bei uns wirklich nicht an der Tagesordnung. Aber wenn sie denn mal kommen, schlagen sie so richtig rein. Die letzten 15 Minuten fühlten sich an wie zwei Stunden und lagen auch ungefähr um das Achtfache über Normal Null, so grob geschätzt. Dabei weiß ich gar nicht mehr, was genau der Anlass war. Es gab keinen offensichtlichen Befindlichkeitszerrütter, kein Keksverbot, kein Gemotze wegen irgendwelcher Wasserspiele in der Kuschelecke, keine bunten Filzstiftstriche an der weißen Wand, kein mir bekanntes Frustrationserlebnis, das einer Bedürfnisbefriedigung im Weg gestanden hätte. Die Laus, die Tochter II über die Leber gelaufen war, hatten diesmal bestimmt nicht die Eltern freigelassen. Aber letztlich war das auch egal. Und wenn Wutteufel, Motzkuh und Aggro-Albert mal so richtig loslegen, bleibt kein Stein auf dem anderen. Manchmal muss es einfach raus. Da kracht es im Gefüge. Da bricht das seelische Gewitter los und stört die alltäglichen Abläufe. Da platzt die Selbstbeherrschungskapsel. Das ist einfach so. Da kann man noch so versuchen, sein profundes Halbwissen in Sachen kindlicher Konfliktbewältigung in die Tat umzusetzen: die Praxis ist der beste Lehrmeister. Und gerade eben ist die Wutarmee um ein Mitglied reicher geworden: die Amok-Schnecke.

„So“, sagte ich zu Tochter II, nahm sie auf den Arm und drückte sie ganz fest. Erst danach fiel mir ein, dass es besser gewesen wäre, zuerst die Nase zu putzen und sie dann auf den Arm zu nehmen. Aber ein dreckiger Pullover war ein leistbarer Verlust in diesem Moment. „Und jetzt räumen wir hier dein Zimmer auf und malen zusammen ein Bild von der Amokschnecke.“

Das gemeinsame Aufräumen beschränkte sich dann bei Tochter II darauf, aus dem Chaos die jeweiligen Stifte rauszusuchen, die sie für das Bild brauchte. Ich habe nicht weiter darauf bestanden, dass sie mithilft. Manchmal ist das besser so. Bei drei Kindern legt man mitunter einen sonderbaren Pragmatismus an den Tag, der für Außenstehende leicht mit Inkonsequenz zu verwechseln ist. Während wir bei Tochter I noch verhältnismäßig stark rotierende Helikopter-Eltern waren, die um ihr einziges Kindchen kreisten und sich ein einigermaßen schlüssiges Regelwerk überlegt, gebaut und umgesetzt haben, ist das bei drei Kindern schon eine andere Nummer. Da steht man dann morgens vor der Frage: Will ich jetzt durchsetzen, dass die Kinder so lange sitzen bleiben, bis alle ihr Müsli aufgegessen haben, und will ich dann mit dem anschließenden Gezetere klarkommen müssen, oder will ich einfach mal in Ruhe meinen Kaffee trinken? Wer zwei oder mehr Kinder hat, kennt die Antwort.

Die Amokschnecke hatte eine Krone auf dem Kopf. „Prinzessinnen sind eh dumm. Genau wie die blöde Schnecke.“ Und dann hat Tochter II das Bild in herrlich wütendem Krikelkrakel durchgestrichen und weggeworfen. Genau wie ihre Wut. Damit die blöde Schnecke nicht wieder die schöne Zeit versaut.

Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, wartete Tochter I auf dem Sofa und war sichtlich erleichtert, dass der Geräuschpegel wieder Normalniveau erreicht hatte. Ich setzte mich zu ihr, sie sah mich von der Seite an, zeigte auf meinen Kopf und sagte: „Du hast da jetzt mehr graue Haare.“ Ich habe das dann nicht weiter überprüft.

 // Danke an Benjamin Rabe für dieses großartige gefingermalte Bild. //


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