22.04.2013

Gigantische Gegenwartsschrumpfung

Liebe Freunde wartungsfremder Echtzeit.
Ein Drittel unseres Lebens verbringen wir mit Schlafen. Wir hängen 12 Jahre vor der Glotze, sind fünf Jahre mit Essen beschäftigt und verbrauchen 3.600 Rollen Klopapier. Über jeden Scheiß gibt es eine Statistik. Aber wie viel Zeit verbringen wir eigentlich mit Warten? Darüber habe ich nichts gefunden. Vielleicht habe ich auch nur unklug recherchiert. Gefühlt warten wir doch täglich stundenlang: vor dem Rechner, an der Kasse, auf dem Bahnsteig, beim Arzt oder auf die Servicekraft im Restaurant, die im Englischen ja bekanntlich "waiter" heißt. Vom Warten auf die große Liebe oder den Sechser im Lotto spreche ich jetzt gar nicht, das wäre ein wenig unkonkret und läuft bei den meisten Menschen eher als vage Hoffnung nebenher. Wartet mal einen Moment, ich rechne eben nach. Bei 80 Jahren durchschnittlicher Lebenserwartung und, sagen wir, einer täglichen Wartezeit von 30 Minuten ergibt das 876.000 Minuten, also so ungefähr 18 Monate. Eineinhalb Jahre warten, das geht ja fast noch. Aber im Grunde ist die Zahl ziemlich schwammig, denn jede/r wartet ja auf etwas anderes. Was für den einen langweiliges Warten ist, verbucht die andere als effiziente Zen-Meditation. Deswegen gibt es wohl auch keine Statistik darüber.

Optimale Zeitver(sch)wendung
Ich möchte mich jetzt nicht darüber auslassen, was genau als Wartezeit gilt und was nicht. Vielleicht einigen wir uns einfach darauf, Warten als Zeitverschwendung zu definieren, einverstanden? Worauf ich eigentlich hinaus will: Seit einigen Jahren sind diese kleinen Taschencomputer, mit denen man zur Not auch telefonieren kann, nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken. Durch sie lässt sich vortrefflich vermeintlich sinnlose Wartezeit überbrücken – mit mehr oder weniger sinnvollen Aktivitäten wie dem Lesen und Schreiben von E-Mails oder so genannten Status-Updates des Netzwerk-Mobs. Aktive Zeitverwendung statt sinnloser Zeitverschwendung. Ein schöner Nebeneffekt ist, dass das angestrengte Starren auf Vierbiszehnzolldisplays eine unsichtbare Mauer erzeugt und vor der Außenwelt schützt - nach der Audio-Weltisolation durch Ohrverstöpselung nun also auch die optische Abkapselung. Man ist da, aber nicht hier.

Pauseneffizienz und fehlende Selbstwartung
Durch diese Taschencomputer und den dauerhaften Netzzugang haben wir die Fähigkeit gewonnen, physisch und gleichzeitig digital mobil zu sein. Always-On, Echtzeitgesellschaft und instant access sind die Stichworte. Andererseits raubt uns diese Sofort-Mentalität auch die Fähigkeit zu warten. Seit Jahren nehme ich mir zu Silvester vor, im nächsten Jahr auch mal wieder Halbwissen aushalten zu können. Stattdessen greife ich bei jedem Fragezeichen zum Gerät und tippe und wische mir die Antwort ins Gegenwartsgehirn. Wir sind permanent im Fluss der Daten und eliminieren so das als Verdruss empfundene Warten. Das ist bequem, natürlich, aber tut uns das auch gut? Ich sage nicht, dass Warten immer positiv ist, im Gegenteil. Aber ich glaube, dass gelegentliches Abwarten unsere Geduld schult und hin und wieder für Selbstreflexion und die eigene Disziplinierung hilfreich ist.

Selbstwartung
Warten ist ja immer auch ein Stückchen Wartung, Selbstwartung, Erdung, eine (Zwangs-)Entschleunigung: das Schaffen einer temporären Insel im schnellen Fluss der Daten, der immer mehr zu einem reißendem Strom wird. Ich sage auch nicht, dass wir aufgrund dieses Echtzeit-Deliriums überhaupt nicht mehr warten müssten, auch hier ist wahrscheinlich das Gegenteil der Fall, gerade weil uns das Warten immer stärker als sinnlose Zeitverschwendung und Effizienzbremse vorkommt. Man denke nur an Wartezeiten, die durch das digitale Leben erst entstanden sind: Software-Aktualisierungen, Ladezeiten, Verbindungsprobleme. Das Problem ist: Wir haben keine Geduld mehr. Unser Referenzrahmen für das Warten hat sich komplett verschoben.

Worauf warten?
Warten ist Aufschub und bezieht sich auf etwas in der Zukunft liegendes. Warten ist kein Selbstzweck, sonst wäre es Meditation. Warten ist zielgerichtet. Aber je kürzer unsere Aufmerksamkeitsspanne wird, desto weniger Geduld haben wir. Und umgekehrt. Wer heute nicht innerhalb von fünf Minuten auf eine Nachricht reagiert, bekommt nicht selten die zweite hinterher geschickt – mit der Frage, ob man überhaupt noch lebt und warum man nicht endlich mal antwortet? Manches Warten ist nervig, manches steigert die Vorfreude auf etwas oder jemand. Warten braucht Zeit – und die haben wir immer weniger. Weil Zeiteinheiten sich weiter verdichten, weil es immer mehr Möglichkeiten und Daten gibt, weil wir Angst haben etwas zu verpassen. Warten ist unnützes Trödeln in einer schnelldrehenden Welt. Warten ist anachronistisch. Wenn aber alles immer mehr in sogenannter Echtzeit geschieht, worauf sollen wir dann noch warten? Die Gegenwart ist gegen warten.

Das Ende (vom Ende) der Zukunft
Warten ist Zukunft, die war schon immer ungewiss und wird bekanntlich gefühlt immer unsicherer, je turbulenter und fragiler die Welt wird. Also boykottieren wir die Zukunft, blenden sie aus und konzentrieren uns ausschließlich auf das Hier und Jetzt. Zukunft bremst unser Handeln. Der Medienkultursoziologe Douglas Rushkoff hat ein neues Buch geschrieben: "Present Shock - When everything happens now." Der Titel spielt auf Alvin Tofflers Buch "Future Shock" an, das vor 40 Jahren den beginnenden ökonomischen Turboboost mit der Erkenntnis zusammenfasste, die Welt ändere sich so schnell, dass wir gar nicht hinterher kommen. Zu viel Wandel in zu kurzer Zeit. In diesem Zusammenhang prägte Toffler auch den Begriff "information overload."

Gestern war heute noch morgen
Rushkoff sieht den "Präsentismus", die permanente Ausdehnung der Gegenwart, als Nachfolger des Futurismus. Klingt  anachronistisch, ist aber logisch. Zukunftsorientierung sei eine Mode des letzten Jahrhunderts, sagt Rushkoff, ein Verhaltensmuster aus einer Zeit, als alle mit großen Augen Richtung Millennium geglotzt haben. Heute richte die Gesellschaft ihren Blick auf die Gegenwart, lebe im ewigen Jetzt und blende das Davor und das Danach aus, verliere sich im permanenten Reagieren auf vielfältige und omnipräsente Impulse des Jetzt. Allerdings glaube ich nicht so ganz, dass die Zukunft passé ist, wie Rushkoff sagt. Vielmehr lebt unsere Jetztzeitorientierung immer noch auf Kosten eines Zukunftsversprechens, das wir uns in die Gegenwart holen. Dieses Zukunftsversprechen könnte man auch Hoffnung nennen. Aber die Zeit ist ja bekanntlich der schlimmste Peiniger der Hoffnung. 

Die letzte Stufe der Beschleunigung
Die beschleunigten Handlungskontexte hat der Soziologe Hartmut Rosa (den Philosophen Hermann Lübbe zitierend) als "Gegenwartsschrumpfung" bezeichnet: eben weil es so viele Möglichkeiten gibt, gibt es mehr Handlungseinheiten pro Zeiteinheit. Schrumpfung deshalb, weil wir immer weniger Zeit für immer mehr Tätigkeiten haben. Obgleich begrifflich ziemlich konträr, steht dieses Konzept in gleicher Linie zu Rushkoffs Präsentismus, denn die wenige Zeit, die wir haben, rückt als digitale Dauerbeschallung in Echtzeit in den Mittelpunkt unseres Handelns. 
Dabei geht es nicht nur um die ständige Beschleunigung einer Welt, die täglich die Grenze des Machbaren verschiebt und immer mehr Daten und Möglichkeiten produziert, während sie uns hintenrum den Stinkefinger zeigt und schmierig kichert: "Ätsch, hier habt ihr alles, aber kriegt das mal in eure schäbigen 24 Stunden." Die Beschleunigung ist eine Sache, die andere ist, dass alles ausgeblendet wird, was nicht Echtzeit ist. Echtzeit ist das vollkommene Einswerden mit dem Zeitfluss, so dass wir eigentlich gar nicht mehr merken wie wir uns bewegen. Echtzeit ist die letzte Stufe der Beschleunigung. Alles, was danach noch kommen kann, ist Falschzeit, also Zeitreisen. Und damit die Fragen: Wann überholt die Geschichte die Gegenwart? Wann holen wir uns das Übermorgen ins Heute?

Punktuell statt linear
Der französische Medienphilosoph Paul Virilo hat diese Beschleunigungskultur schon Ende der 1980er Jahre als "rasenden Stillstand" bezeichnet, und er hat einen ziemlich skeptischen Ausblick gegeben. Der Beschleunigungsfortschritt führe zu einer Art Schockstarre, einer Reglosigkeit, in der wir uns nicht mehr in der Lage sehen, zu steuern und nur noch reagieren. Kommt das bekannt vor? Mit einer solchen Schockstarre verlieren wir aber noch mehr als nur unsere Handlungsspielräume. Wir verlieren zum Beispiel den roten Faden, ein lineares Narrativ mit Anfang, Mittelteil und Schluss, das uns durchs Leben trägt. Wir existieren nur noch als Punkte und verbinden immer wieder neue Punkte in Echtzeit durch kleine Linien. Aber haben wir eine Vorstellung davon, welches Bild wir malen wollen? Haben wir noch die Zeit und die Fähigkeit den Blick aufs Ganze zu werfen, wenn wir in punktueller Echtzeit durchs Leben perforieren? Wir lassen uns treiben und flottieren im Raum, immer im Jetzt, das morgen ein anderes ist. Uns fehlen Zeit und Geduld für lineare Geschichten. Wir sind es gewohnt zu springen, immer auf der Suche nach Sofortbelohnung. Wir reichern uns mit Schlagzeilenintelligenz an, um mitreden zu können. Wir speichern jeden Text, der länger als zehn Zeilen läuft, unter TLDR ab. Aufschub wird genauso wenig geduldet wie ein Übermaß an Zeitaufwand: alles, was die nächsten fünf Minuten überdauert, verschwindet aus dem Relevanzmuster. 

Neue Monologe
Dazu kommt, dass sehr viel der immer weniger werdenden Zeit, die wir haben, für Ichorganisation draufgeht, für das Management meiner Datenzugänge und Datenströme: Wer bin ich in welchem Kontext? Wie viele bin ich? Was ist wo für mich wichtig? Wer will ich sein und was muss ich dafür tun? Kein Wunder, dass heute viele nur noch senden und gar nicht mehr die Mentalreserven haben, um zu empfangen. Alle reden von Vernetzung und Dialog, aber nicht wenig, was unter diesem Label läuft, ist pluralisierter Multichannel-Monolog. „Digiphrenia“, nennt Rushkoff diese digitale Identitätspluralisierung, und er ist sich über den Anachronismus, diese und andere Erkenntnisse in ein fettes Buch zu packen, durchaus bewusst: "I’m here writing opera when the people are listening to singles."

Geduldverlust
Wenn sich also alles nur im Jetzt abspielt, fällt das Warten flach. Warten wird heute nicht mehr akzeptiert. Oder andersherum: der Nutzen des Wartens muss schon sehr hoch sein, damit der Aufwand gerechtfertigt ist. Als kulturell geschätzte Eigenschaft wird das Warten in der Tabelle der wichtigen Fähigkeiten nach hinten durchgereicht. Warten ist eine Kunst. Es ist die Kunst, zwischen überhastetem Aktionismus und gelähmtem Aussitzen zu unterscheiden. Es ist die Kunst, seine Geduld zu trainieren – abseits von wohlfühleffizienzgesteuerten Yogakursen immer mittwochs zwischen 19 und 21 Uhr. Es ist die Kunst, handlungsfähig zu bleiben, die Kunst selbst zu entscheiden und sich nicht andauernd entscheiden zu lassen.

In diesem Sinne: Gebt euer bestes zwischen den großen Augenblicken, übt euch in Geduld, findet rote Fäden, macht langsam, verpasst viel, verschiebt die Echtzeit hin und wieder mal auf morgen.


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