14.02.2013

Die Guppy-Strategie

Liebe Freunde relativer Ratlosigkeit.
Bei den Guppys ist das ja so: In Gegenwart von attraktiven, weiblichen Fischen umgeben sich die männlichen gerne mit Artgenossen, die hässlicher sind als sie selbst, um ihre eigene Attraktivität zu steigern. Das haben Biologen herausgefunden. Was können wir von dieser Strategie lernen? Sollen wir uns nur noch mit Dummköpfen umgeben, um schlauer zu wirken? Sollen wir nur noch unattraktive Freunde haben, um den Eindruck zu erwecken, wir wären hübsche Hengste? Und wieso schenken die Guppy-Weibchen ihre Gunst eigentlich nur den farbenfrohen, auffällig bunten Kerlen? Welche Rolle spielen bei den Guppys die inneren Werte? Gibt es die überhaupt? Und was heißt das für den Menschen, der ja gemeinhin als intelligent gilt. Nicht nur, weil er nach heutigem Stand der Forschung das einzige Lebewesen ist, das sich einen Drink zubereiten und diesen zwecks Genussperfektion mit Eiswürfeln verfeinern kann.
Eigentlich kennen wir das Phänomen der relativen Besonderheit aus dem täglichen Leben. Wenn alle um mich herum blind sind, bin ich trotz minus sieben Dioptrien der erste Kandidat für den Posten des Scharfschützen. Oder als Redewendung formuliert: "Unter den Blinden ist der Einäugige König." Unter den Schlechten ist der Mittelmäßige der Beste, das leuchtet ein. Ich erinnere mich an einen Satz meines Vaters: "Was ist relativ?", hat er mal gefragt, um sich sogleich selbst die Antwort zu geben. "Ein Haar in der Suppe ist relativ viel, ein Haar auf dem Kopf ist relativ wenig."
Natürlich ist alles relativ. Aber diese Guppy-Strategie wirft ein komplett neues Licht auf die ganze Perfektionismus-Diskussion. Warum sollen wir uns eigentlich so anstrengen, um besser, schneller, hübscher zu sein, wenn es doch ausreicht, sich mit Leuten zu umgeben, die schlechter, langsamer und hässlicher sind als man selbst? Ich glaube, die Antwort ist einfach: Weil man keinen Bock hat, sich mit Leuten zu umgeben, die schlecht, langsam und hässlich sind. Punkt. So etwas würde vielleicht die eigene Stellung innerhalb einer Gruppe optimieren (Stichwort: "König"). Aber gleichzeitig würde es unsere Stellung außerhalb der Gruppe enorm verschlechtern und uns in die graue Mittelmäßigkeit des Sozialen ziehen (Stichwort: "Der Honk hängt nur mit Hässlos und Low-Performern ab"). 
Wir wollen strahlen und angestrahlt werden. Wir wollen König sein, uns aber nicht mit Subordinaten umgeben, die das soziale Ansehen schmälern. Wir wollen König sein unter Königen. Und, schwupps, befinden wir uns mitten im (un-)ausgesprochenen Konkurrenzdenken, in der Leistungsspirale des Optimierungswahns, und wir schwimmen schneller, um nicht ausgeschlossen zu werden. Um nicht als matt gescheckter Guppytyp in der Ecke des Aquariums zu kauern, über den verpassten Anschluss zu trauern und tatenlos mit anzusehen, wie der grelle Testosteron-Guppy mit der Angebeteten abzieht.
Da wir aber nur begrenzte Kräfte haben -  in der Guppyanalogie: Farbenkraft -, müssen wir zielorientiert und gleichzeitig ressourcenschonend vorgehen: anstrengen ohne auszubrennen. Wir müssen effektiv und effizient sein. Na klar kann man eine Kerze auch löschen, indem man eine Flasche edlen Hendricks Gin über die Flamme kippt. Das ist effektiv, weil die Kerze dann nicht mehr brennt. Ziel erreicht. Aber effizient ist das sicher nicht, denn Wasser würde ja auch reichen. Oder kräftiges Pusten.
Und was heißt das jetzt praktisch? Ich habe eine Vermutung: Um Effektivität geht es schon lange nicht mehr, das wird vorausgesetzt. Das Ziel ist eine permanente Effizienzsteigerung. Und genau in dieser Formulierung liegt auch schon das Problem. Die Effizienzsteigerung selbst ist das Ziel, sie ist kein Mittel mehr. Weil es kein Ziel mehr gibt. Weil jede Zielerreichung nach einem kurzen Moment des Glücksgefühls auf der nächsten Stufe eine neue Unzufriedenheit mit sich bringt. Das nennt Fortschritt und basiert auf innerer Leere. Der Wunsch nach (Er-)Füllung dieser Leere ist unser Antrieb. Aber das ist ein anderes Thema und hilft dem tristen Guppy natürlich auch nicht weiter. Es steigert womöglich nur noch seine schlechte Laune. Wer will schon ständig leer ausgehen?
Die Frage ist nur, wie lange die deprivierten Guppys so einen Status aushalten, und ob sie sich nicht irgendwo im Geheimen zusammenrotten, um den elitären Eseln mal ordentlich einzuheizen und der verteufelten Schönheit durch kollektive Wut eins mitgeben. Die Luft zittert bereits und das Wasser vibriert von dieser latenten Grundreizstimmung, merkt ihr das auch? Der Guppy kann sich natürlich auch unters Messer legen und sich neue Farben spritzen lassen. Damit würde er ein wenig menschlicher und männlicher werden, denn nach Berichten der Financial Times und, noch fundierter, der Bild-Zeitung, lassen sich immer mehr Männer Testosteron spritzen, um in Krisenzeiten aggressiver zu werden und ihr Durchsetzungsvermögen zu steigern. So kann auch ein farblich trister Guppy wieder zum Alpha-Tier werden und sich den Überholversuchen der jungdynamisch glitzernden Guppyyuppies noch ein Weilchen ausweichen.
Die Guppy-Forscher haben übrigens auch herausgefunden, dass Männchen, die noch nie Kontakt zu anderen Männchen hatten, diese Strategie der "relativen Schönheit" nicht an den Tag legen. Einzelgängern und Soziopathen scheint die Relativität ziemlich egal zu sein. Wenn das mal nicht ein idealer Nährboden für kommende Amokläufe ist. In diesem Sinne: Pflegt eure Farben im Kampf gegen die Guppyisierung der Gesellschaft!

1 Kommentar:

  1. Dann bin ich wohl tatsächlich Soziopath... :|

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