25.01.2013

Ein früheres Leben

Liebe Freunde unverhoffter Retroinjektionen.
Ich bin ein Freund von Ordnung und Struktur, und es ist mir gerade deshalb wichtig, weil ich das manchmal nicht so gut praktiziere. Ich spreche vom Aufräumen, vor allem vom digitalen Aufräumen. Immer, wenn ich von einem Rechner zum nächsten gezogen bin, habe ich nur äußerst rudimentär die Festplatte strukturiert - und dann alles ab in die externe Speicherung. Neulich habe ich was gesucht, und wie es dann immer so ist, findet man nicht das Gesuchte, dafür aber hundertfach irgendwelchen anderen Kram. Dateien haben ja ein Speicherdatum, das macht die Verortung etwas leichter als bei Erinnerungen oder Papierfetzen. Da ist meist kein Datum reinimprägniert. Heute möchte ich euch weniger mit Worten, sondern mit Bildern langweilen. Und die, die ich nicht gesucht, aber gefunden habe, stammen alle so um die Jahrtausendwende. (Yeah! Das wollte ich immer schon mal sagen. Klingt irgendwie archäologisch). Damals war ich noch jung, und jetzt bin ich mehr als 10 Jahre weniger jung. So ist das. Da müssen wir durch und tragen es mit Fassung. Naja, ins Netz damit. Möge es der Kurzweil dienlich sein. Für mich ist es Vergangenheitsbewältigung. Herrliches Schwelgen. Mir fällt schon wieder ein Zitat von Karl Valentin ein. Sorry dafür, ich kann nichts dagegen tun: "Heute mache ich mir eine Freude und besuche mich selbst." Also, kommt mit, ich mache mich nackig.

Ich erinnere mich. Ich hatte noch keine Digitalkamera. Es gab so eine Zeit. Meine gute, alte Canon EOS 500. Ganz analog. Hat mir treue Dienste geleistet. Jetzt liegt sie seit Jahren unberührt im Schrank. Hat jemand Interesse? Damals hatte ich mir ein Makro-Objektiv besorgt und war ziemlich interessiert an Langzeitbelichtungen und Lichtbildern, weil mich eine Ausstellung von Adam Fuss derbe beeindruck hat (zum Beispiel das Bild hier). Hier mal zwei Aufnahmen von CDs. Die reflektieren doch so schön. Versucht das mal mit einem mp3-file.



Und dann eine Mehrfachbelichtung. Ich glaube es war der Leuchtknopf von meinem Anrufbeantworter und ein grüner Lichtpunkt vom Fernseher. Oder umgekehrt. Das Blaue? Keine Ahnung. Könnte eine Vase gewesen sein, in die ich eine Taschenlampe reingehalten habe. Könnte. Beleuchtungsmöglichkeiten gab es schon damals viele.


Ich bekenne mich schuldig. Ich hatte mal so einen Lichtschlauch. Für angenehme und gemütliche Illuminationen des sogenannten Wohnzimmers. Wenn man den mit Strom versorgt und dann während der Belichtung reinzoomt, passiert sowas hier: 


Rot ist eine schöne Farbe und mit dem verklärten Distanzblick stelle ich gerade fest, dass ich es vielleicht übertrieben habe. Egal. Ein früheres Leben. Wer sich mit bunten Glühbirnen auskennt, hat sicher schon mal solche Birnen mit einer farblichen Beschichtung gesehen. Diese Dinger, die dann nach ein paar Monaten heftigen Gebrauchs anfangen Risse zu bekommen und damit den Eindruck erwecken wollen, sie verstünden etwas vom Altern und von Falten. Das hier war so eine seniorige Birne:


Auch schön: Aus dem fahrenden Auto heraus andere Autos behelligen. Natürlich nur, während man beifährt.


Was hier so nach Rauch oder Weltall aussieht, sind so komische, kleine, silbern-irgendwie beschichtete Dekokugeln, die mancher Mensch sich vielleicht gerne in einen Adventskranz reinpflanzt oder einfach nur für staubfänger-hübsch irgendwo hinlegt. Fragt mich nicht, woher ich die hatte. Jedenfalls habe ich sie nicht mehr. Die lagen dann da so rum und ich habe mit offener Linse ein bisschen rumgewackelt. Das war schon was anderes früher, ohne die Sofortüberprüfung des Foto-Ergebnisses im Display. 36 Bilder machen, 5 Tage warten, Bilder abholen, 32 wegschmeißen, über 4 halbwegs gelungene Bilder freuen. Nicht falsch verstehen, liebe Freunde, ich bin nicht immer so. Nur hat mich die Vergangenheit beim Aufspüren dieser Schätze ein wenig eingeholt und jetzt gehe ich mit ihr Gassi, gebe ihr den Raum, sich ein bisschen auszutoben. Und dann ist auch wieder gut. 



Wo wir gerade bei komischern silbernen Dingern waren: IKEA hatte damals so verrückte Lampenüberzüge für diese runden, billigen Reispapierballons, die man sich für geschmeidige drei Mark an die Decke hängen konnte. Und die gab es eine Zeit lang mal in klein, Fußballgröße, mit so silbernen Überzügen. Hatte was von Lampenkondom und sah ein bisschen aus wie Miniaturlametta, machte aber machte weder schönes Licht noch muckelige Stimmung. Aber für eine Fotosession haben sich die Dinger dann wenigstens noch hergegeben.




Und nochmal zwei Sätze von Karl Valentin. Kann ich was dafür, dass er so schöne Sachen gesagt hat? "Früher war die Zukunft auch besser" und "Heute ist die gute, alte Zeit von morgen". Mag sein. Zumindest gab es damals noch Telefonzellen mit Leuten drin. Vielleicht haben die sogar telefoniert. Ich habe das auch mal ausprobiert und bin, als Mobiltelefone noch ziemlich neu waren, mit dem Ding in eine Telefonzelle gegangen. Hat bei mir aber nicht viel ausgelöst. Heute könnte das als Flow-Control-Technik helfen, der 24/7-Erreichbarkeit aus dem Weg zu gehen: "Sorry, ich kann gerade nicht sprechen, ist keine Telefonzelle da." Und überhaupt: Zellen gibt es doch heute nur noch demolierte. Wann hat die Telekom eigentlich angefangen, diese nicht überdachten Telefonpfeiler aufzubauen? Egal. Fakt ist: Früher gab es noch Telefonzellen mit Leuten drin, und die Schnelligkeit der Welt bremste man einfach durch Demontage der Uhrzeiger. Schöne, alte Welt.




Ach ja, und dann waren da noch die häufig unbeholfenen Versuche, Wort und Bild zu kombinieren. So ungefähr:









So, liebe Freunde, jetzt habe ich euch genug gelangweilt mit meinen nach Außen gekehrten Nostalgien. Ich habe noch immer nicht das gefunden, was ich eigentlich gesucht habe. Aber ich habe mehr gefunden, als ich erwartet habe. Das ist doch auch mal was. In diesem Sinne: viel Freude bei euren Selbstbesuchen und immer schön dran denken: Die Vergangenheit ist ein wunderbarer Zustand und immer eine Reise wert. Aber genauso schön ist es, sie wieder zu verlassen. Genießt eure Zukunft. Die kommt so schnell nicht wieder.


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