09.01.2013

Der große Lauf

Liebe Freunde schneller Schritte.
Korff blickt zu Boden, atmet tief ein, wieder aus, wieder ein. Schüttelt Arme und Beine. On your marks. Er geht ein paar Schritte nach vorne, klatscht sich mit beiden Händen mehrmals auf die Oberschenkel. Springt ein, zwei, drei Mal in die Luft, kniet nieder und ruckelt sich im Startblock zurecht. Seine engen Augen suchen das Ziel, finden aber nur eine rotbraune Spur, die sich in einer Linkskurve verliert. Weiße Markierungen. Die Frage, wo in einem Kreis der Anfang und wo das Ende ist, irritiert ihn. Er bläst sie mit einem langen Atemstoß aus sich heraus und weit weg. Das Ziel ist ist nur 20 Meter entfernt, liegt hinter ihm. Aber er wird nach vorne laufen müssen, so sind die Regeln. In weniger als einer Minute wird alles vorbei sein.
Wenn alles vorbei ist, stoppt die Zeit und leuchtet übergroß an der Anzeigetafel, als unumstößliche Tatsache. Für alle sichtbar, für ihn, für die grölende Menschenmenge in der Arena, für die Zuschauer an den Empfangsgeräten in aller Welt. Danach wird es einen Zeitvergleich geben. So sind die Regeln, immer wird man an der Zeit gemessen. Korff kniet im Startblock, flutlichtbeleuchtet und im Visier der Öffentlichkeit. Mit einem lächerlichen Leibchen bekleidet wartet er auf den finalen Schuss. Die Hände, gespreizt auf dem Boden, werden an den Gelenken schon weiß. Das Blut wird woanders gebraucht. Set. Der Druck steigt, das linke Bein streckt sich, katapultiert den Hintern in die Höhe. Sein Herz pulsiert im Hals, der Mund ist trocken. Ein ganz normaler Vorgang. Hinter der Linie warten Ehre und neue Werbeverträge. Oder der Absturz. Mit ihm buhlen sieben weitere Einzelne um die Zustimmung der Vielen. Man muss das Ziel kennen, sagt er sich. Er kann es nicht sehen. Aus Erfahrung weiß er, dass es keine 30 Sekunden mehr dauern wird, bis es in Sichtweite kommt, zuerst im linken Augenwinkel, dann direkt vor ihm, immer näher kommend. In die Stille hinein wächst das Warten auf den großen Moment. Und später am Abend werden sich die Bildschirme in stillem Schwarz wieder beruhigen, werden die Menschen sich ins Bett legen und versuchen zu schlafen. Aber jetzt versprechen alle Werbetafeln im weiten Rund: Live for the moment. Und die aktuellste Technik sorgt dafür, dass dieser Satz mal nach links, mal nach rechts wegläuft, als ob er polarisieren will.Ein Knall geht durchs Stadion, hallt von den Rängen zurück. Geteiltes Leid ist halbes Leid, so sagt man, aber geteilte Realität ist doppelte Realität. Den Absprung schaffen und Geschwindigkeit aufnehmen. Zuerst scheinen die Füße am Boden zu kleben, nach ein paar Metern berühren sie ihn kaum noch. Am Luftzug spürt Korff, wie er den Wind schneidet und den Widerstand bekämpft, der vorgezeichneten Spur folgend. Zeit verliert man am Anfang. Einen Schritt vor den anderen, immer schneller, bis der Fokus verschwimmt und das Pfeifen im Ohr lauter wird. Das Klatschen der Schuhe auf der Bahn. Schnell merkt er, dass er nicht gut unterwegs ist. In der Zeitlupe wird man später sehen, wie das Fleisch an den Knochen wackelt, das Gesicht verzerrt. Alles geben. Diesen Gedanken gilt es in Bewegungsenergie umzuwandeln. Das ganze Blut in den Beinen, aber Korff spürt nur eine optimierungsbedürftige Langsamkeit. Sich Zeit nehmen. Sich Zeit lassen. Sich Zeit nehmen lassen. Er muss oder will laufen. Immer gilt es, auf den auf den Punkt fit zu sein, und die anderen müssen das auch. Korff läuft seinen großen Lauf. Ein Lauf ohne Zwischenzeit, ohne den Moment, an dem die Zeit kurz stehen bleibt, auch wenn sie im Hintergrund ohne Gnade weiterläuft. Wie er. Ohne Gnade.
Korff fällt zurück, hört das Klatschen der Massen, die ihn anfeuern, ihn zum Brennen bringen wollen. Wenigstens bildet er sich ein, dass sie ihn meinen. Vielleicht feiern sie auch nur sich selbst. Es hilft nichts. Korff sieht die Schuhsohlen der vor ihm Laufenden immer kleiner werden. Im Windschatten ist kein Verstecken mehr möglich. Das Ziel bleibt gleich, aber das Thema Ambitionen wird intern immer neu verhandelt. Ums Gewinnen geht es schon lange nicht mehr, sondern nur darum, nicht zu den Verlierern zu gehören. Er läuft am Limit, beginnt, seine relative Langsamkeit als angenehm zu empfinden. Ertappt sich dabei, wie er die nächste Zündstufe verweigert. Oder sie ihn. Während er überlegt, ob Rückwärts das neue Vorwärts ist, hört er die Schreie seines Trainers zu Beginn der Zielgeraden. Nach dem Lauf wird er seine Unzufriedenheit äußern. Er wird sich den Lauf viele Male ansehen müssen. Siege können gefeiert, Niederlagen müssen analysiert werden. Trotzdem: Brust raus und mit letzter Kraft und nach vorne geworfenem Kopf durch die Lichtschranke. Wer in die Knie geht, steht stärker wieder auf, solange, bis die Muskeln oder die Gelenke ihren Dienst verweigern. Live for the moment. Korff bremst nicht, er hört nur auf, Schwung zu geben. Was im Ergebnis das gleiche ist. Läuft an seiner Startposition vorbei, als hätte es ein "war schon mal hier" nie gegeben. Sein lauter Atem geht im Tosen der Menge unter. Nach vorne gebeugt, die Hände auf die Knie gestützt. Luft. Die Kameras sind nicht auf ihn gerichtet. Er ist mittendrin und doch nur dabei, fragt sich, ob diese Disziplin die richtige für ihn ist. Vielleicht sollte er die Sportart wechseln? Aber wer wird ihm dann zuschauen, bei seinem großen Lauf, wie er im Startblock kniet, mit engen Augen und angespanntem Körper nach vorne blickt, als würde er wissen, worum es geht. Langsam beruhigt sich der Puls. In ein paar Minuten wird er sich normalisiert haben, wieder im Stand-By-Modus sein. Nach der Regeneration kommt die Anstrengung. Jeden Morgen liegt das Glück unter der Nacht begraben. Und die Zukunft schweigt.

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