08.01.2013

Das Glück der schlechten Laune

Liebe Freunde fröhlicher Resignation.
Neues Jahr, neues Glück. Sagt man doch so, oder? Nach dem ganzen Besinnlichkeitsstress und mitten hinein in die Januar-Aufbruchsstimmung und die möglicherweise noch unbefleckte Weste der ganzen guten Vorsätze geht der erste Gruß des Jahres an alle unglücklichen Seelen und pessimistischen Schwarzmaler dieser Welt: macht weiter so! Ohne euch macht das Leben keinen Spaß. Lasst euch die schlechte Stimmung nicht von den Gute-Laune-Jüngern verderben, die im Optimismuswahn von der Kraft des positiven Denkens schwärmen. Schluss mit Glückstyrannei und rosaroter Lufthol-Propaganda, die uns ins linke Ohr flüstert, wie schön das Leben ist und ins rechte schreit, dass wir selbst die Schuld tragen, wenn wir das nicht verstehen. Wie bitte? Glücklich sein sei ein Lebensziel? Auf den Zwischenruf habe ich gewartet, vielen Dank. Um das mal klarzustellen: Wer glücklich ist, ist unproduktiv.

Wer meint, glücklich zu sein, bekommt von mir persönlich die Kapitalismusverweigerungskasperkrone aufgesetzt. Glück ist die Erfüllung unser Wünsche - und die Wirtschaft kann nur funktionieren, wenn wir nicht glücklich sind, wenn wir unerfüllte Sehnsüchte haben und damit die Hoffnung, dass irgendwer oder irgendwas in der Lage ist, diese Sehnsüchte zu befriedigen. Und danach kommen neue. Jeder Fortschritt basiert auf einem Mangel, auf einer Lücke, die es zu schließen gilt. Jeder Fortschritt basiert auf der Vision des Verbesserns. 

Das Streben nach Glück ist keine fröhliche Angelegenheit, sondern harte Arbeit. Und mal abgesehen davon, dass man das Glück ohnehin oft erst merkt, wenn es bereits wieder weg ist, ist der Witz bei der ganzen Sache: Es ist gar nicht gewollt, dass wir glücklich sind. Wir haben immer noch nicht das Zeitalter verlassen, in dem uns dauervermittelt wird, dass das Glück im Konsum zu finden sei. Der Mensch ist ein Mangelwesen, und das wird uns nirgendwo so deutlich vor Augen geführt wie in ökonomischen Kontexten. Das Denken in volkswirtschaftlichem Wachstum muss logischerweise auch in die Individuen rein – in Form immer neuer Wünsche und Lebensziele. Es ist das Paradox unserer Wirtschaftsordnung, dass einerseits Glück als anzustrebendes Ziel propagiert wird, andererseits dieses Glück aber nie erreicht werden kann. Und es ist das Paradox einer schnell drehenden, auf Erfolg ausgerichteten Wettbewerbswelt, dass wir die große Freiheit ausleben können - und genau daran zerbrechen. 

Heute wissen wir zumindest theoretisch, dass Geld nicht alles und im Konsum kein Glück zu finden ist. Praktisch können wir dem nicht immer folgen. Dennoch spielt das Immaterielle eine größere Rolle: Ruhe, Zeit, Gemeinschaft, Gerechtigkeit oder Achtsamkeit werden wertvoller. Und genau in diesen Erkenntniswandel hinein entwickelt sich ein neuer Markt, der das Immaterielle wieder kommerzialisiert, der die Glückssuche wieder in Euro und Cent messbar macht. Neue Produkte und Dienstleistungen versprechen eine Steigerung unserer Lebensqualität. Klingt gut, klingt vielversprechend. Aber dass es für jedes Problem eine Lösung gibt, ist ein Irrglaube. Für jedes Problem gibt es eine Perfektion. Das ist der Motor. Vierundzwanzigsieben. Das Phänomen der geplanten Obsoleszenz ist so gesehen die konsequente Antwort auf den infiniten Regress menschlicher (Konsum-)Wünsche.

Höre ich da aus der hinteren Reihe ein „Sorge Dich nicht, lebe“? Ich glaube, es hackt, aber gewaltig. Ich sorge mich, weil ich lebe, mein lieber Bedenkenverweigerer. Also bitte, Silencium, meine Damen und Herren, geißeln Sie mich nicht mit narkotisierenden Gefühlsduseleien. 

Die wirtschaftspolitische Erziehung der letzten 100 Jahre hat unsere Vorstellung von Glück ruiniert. Und genau deswegen sind Unglückliche heute ein Stachel im Fleisch des globalen Produktivitätswahns – sofern sie zu ihrem Nichtglücklichsein stehen und nicht dauerhechelnd dem Glück hinterherhinken und irgendwelche Ratgeber kaufen, Stimmungspillen einwerfen oder Happiness-Kurse besuchen. Wer sich auf das Spielchen einlässt und das Glück sucht, wird zwangsläufig frustriert. Weil er entweder das Glück nicht findet oder nach der (temporären) Erfüllung immer neue Ziele in Neonfarben verheißungsvoll am Horizont winken. Wir sind frei und können viele unserer Vorstellungen verwirklichen. Aber genau das macht uns krank, frustriert uns, stürzt uns in die Verzweiflung. Mein Gott, was alles möglich wäre!? Und ich? Schaffe ich das? Was will ich eigentlich? Was wird von mir erwartet? Die anderen schaffen das doch auch! 

Die Freiheit der Wahl ist zugleich die Tyrannei der Möglichkeiten. Überall lockt Glück und Wonne. Es liegt alles vor uns, wir müssen es nur ergreifen. Wer das nicht schafft, ist selbst Schuld. Der defizitäre Mensch ist Ursache und Ergebnis eines Wachstumsdenken, das Fortschritt immer nur im Wettbewerb definiert. Es gibt Studien, die zeigen, dass in den 1970er Jahren „nur“ jede vierte Frau mit ihrem eigenen Körper unzufrieden war. 40 Jahre später waren es bereits 68 Prozent. (Für die Männer habe ich keine Zahlen gefunden, aber ich unterstelle den metrosexuell gewaschenen Herren der Schöpfung mal eine ähnliche Eitelkeit.) Ich glaube nicht, dass diese Entwicklung ein Beleg dafür ist, dass wir alle hässlicher geworden sind. Vielmehr sorgt die Mediengesellschaft für ständige Selbstbeobachtung und befeuert ein neues Problembewusstsein auf vielen Ebenen – oder anders: weckt Wünsche und Sehnsüchte. Es geht schließlich immer noch besser, und nach dem Ideal ist zu streben. Dabei wird uns suggeriert, dass wir es schaffen können, wenn wir nur fest daran glauben.

Der Zwang zum positiven Denken ist ein Disziplinierungsmittel, um die Leute gefügig zu halten und ihnen einzureden, es sei ihr eigenes Problem, wenn sie es nicht schaffen. Wir haben die persönliche Schuld des Scheiterns vollständig verinnerlicht, dass wir gar nicht auf die Idee kommen, andere dafür verantwortlich zu machen. Nicht nur die Pharmaindustrie freut das, hat sich doch die Anzahl der meistverschriebenen Antidepressiva in den letzten 10 Jahren vervierfacht. Wer nicht glücklich ist, der kommuniziert damit: „Ich habe es nicht geschafft. Ich bin ein Versager.“ Also laufen wir herum und sagen jedem, der uns fragt, dass es uns gut geht, bestens, alles in Ordnung. Auch wenn es im Innersten brodelt. Wir sind so erzogen worden, dass wir Niederlagen und Rückschläge zuerst als persönliche Fehler ansehen. Wer die Schuld von sich schiebt, sucht nur eine Ausrede für die eigene Unzulänglichkeit. Deswegen rackern wir uns ab, streben nach Besserem und Schönerem – für uns und vor allem für die Anerkennung, die wir zu bekommen hoffen. Die Zahl der Deprimierten und Ausgebrannten wird in dem Maße weiter ansteigen, in dem wir unseren Glücksquotienten kontinuierlich zu erhöhen suchen. Vor ein paar Jahren gab es mal einen Moment, wo ich geglaubt habe, die Ideologie des Perfekten sei vorüber. Aber mittlerweile hat sich selbst die Brigitte in ihrem Heft von den authentischen Alltagsmodels verabschiedet und setzt wieder auf digital bearbeitete Hochglanzprofis. "Die Normalen reißen´s eben nicht", wie die TAZ treffend titelte. 

Irgendwie sind die Möglichkeiten, die sich uns bieten, zu Pflichten geworden. Wie konnte das passieren? Dass aus Chancen Zwänge werden? Dass aus Motivation Druck wird? Dass aus Selbstverwirklichung Selbstdarstellung wird? Dass aus der Möglichkeit glücklich zu sein eine Glückspflicht wird?

Mit „Smile or die“ von Barbara Ehrenreich, Arnold Retzers Streitschrift gegen das positive Denken oder der Ermutigung zum Unglücklichsein von Wilhelm Schmid sind in der letzten Zeit Bücher auf den Markt gekommen, die sich diesem Zeitgeist widmen und die Glückstyrannei zu entlarven suchen. Auch das ist ein Markt, logischerweise. Ich habe diese Bücher nicht gelesen und werde das auch nicht tun, mir reicht die Schlagzeilenintelligenz, die ich durch das Überfliegen diverser Rezensionen bekomme, um mich in pro-pessimistische Wallung zu bringen. Die glücksfremden Deprimierten und sorgenvollen Bedenkenträger brauchen endlich den Raum und die Anerkennung, die sie verdienen, denn sie sind das Korrektiv zum statusstabilisierenden Hell-Yeah-Begeisterungswahn und dem, wie Arnold Retzer es in einem Interview in der brand eins nennt, „Terror des Sollens" - dem zermürbenden Dauervergleich zwischen defizitärem Ich und utopischem Ideal, dem alle Glückssuchenden zum Opfer fallen.

Können wir nicht einfach wieder normal werden? Ich meine, ein bisschen verrückt sind wir ja alle und das ist auch gut so, aber müssen wir deswegen gleich jeden gesunden Menschenverstand über Bord werfen? Lasst uns doch erstmal wieder ein Gleichgewicht herstellen und die sorglos Euphorisierten etwas bremsen. Dafür brauchen wir eine Aufwertung der stigmatisierten Werte, die derzeit nur als Mitgefühl der Etablierten gegenüber den Ausgeschlossenen gelebt werden, als Almosen für die, die es nicht geschafft haben: Angst, Hoffnungslosigkeit, Pessimismus, Ungewissheit, Scheitern. So etwas wird in der derzeitigen Ideologie nur temporär geduldet, als Übergangsphase, bis man wieder Hoffnung und Mut geschöpft hat, sich wieder berappelt und engagiert, optimistisch in die Zukunft blickt, ein neues Ziel und neue Wege findet. Aber als Dauerzustand? No way! Das ist doch krank!

Eigentlich vertrete ich ja die These: In der allergrößten Not führt der Mittelweg zum Tod. Aber hier und heute mache ich mal eine Ausnahme. Winston Churchill hat mal gesagt, der Pessimist sehe in jeder Möglichkeit eine Schwierigkeit, und der Optimist sehe in jeder Schwierigkeit eine Möglichkeit. Ein schönes Wortspiel, aber was ist mit dem Realisten? Sitzt der zwischen den Stühlen? Der kommt jedenfalls nicht mit irgendwelchen Theorien von wegen „halb voll“ oder „halb leer“, sondern sagt ganz nüchtern: „So, Jungs, in diesem 200ml Glas sind 100ml Wasser drin, und kommt mir jetzt nicht mit irgendwelchen Interpretationen, Ende der Diskussion.“ So ein Satz will aber heute keiner hören, wir brauchen das Drama und schwanken zwischen „Scheiße, bald ist kein Wasser mehr da“ und „Oh Gott, die Menge reicht zum Ertrinken.“ Das sind die Aussagen, die verkaufen. Vereint durch den gemeinsamen Feind klopfen sich Optimist und Pessimist herzlich auf die Schulter, stürzen sich auf den armen Realisten, prügeln auf ihn ein und treten die störende Fresse mit Füßen. Anschließend juckt das Gewissen und die beiden fahren den Verletzten kurz im Krankenhaus vorbei und gehen um die Ecke ein Bier trinken. 

Und was heißt das jetzt praktisch? Ich weiß es nicht, liebe Freunde, aber ich werde dieses Halbwissen aushalten. Mein Weg zum Glück, ihr versteht? Wer mehr über das theoretische Glück wissen möchte, schaut vielleicht mal bei gluecksforschung.org vorbei oder sucht sich im Glücksarchiv aus einer umfangreichen Publikationsliste das passende Buch für heller werdende Frühlingsabende. Ich bastele derweil an meinem griesgrämigen Gesicht, denn ich bin nicht eins mit der Welt und die Welt ist nicht eins mit mir. Meine Stirn ist kein glatter, ruhiger See, sondern die verschwurbelte Gischt der tosenden Übellaunigkeit. Damit die Welt ein Stückchen besser wird. In diesem Sinne: Lasst das Glück in Ruhe, ihr habt etwas Besseres verdient. Es wird schon gut gehen.

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