16.11.2012

Dramatisiertes Datendelirium

Liebe Freunde dystopischer Wahnvorstellungen. 
Den 20. März 2023 werde ich nie vergessen. Um 19.33 Uhr las ich die Meldung in meiner Brille. Sie tickerte auf allen Kanälen. Der Trust Act war mit großer Mehrheit bewilligt worden und trat mit sofortiger Wirkung in Kraft. Keine zwei Stunden später war ich im Untergrund. Mit 49 in den Untergrund zu gehen ist vielleicht nicht normal, aber ich hatte keine Wahl. Wir haben immer eine Wahl, sagen Sie? Unter normalen Umständen würde ich Ihnen da zustimmen. Aber glauben Sie mir: Ich hatte keine Wahl. Es sei denn, Sie wollen mir eine Gefängniszelle und digitale Lobotomie als angemessene Alternative verkaufen.

Als es die ersten Zap-Boxen gab, hat niemand damit gerechnet, dass es so weit kommen würde. Das war ein Großereignis damals. Die Eröffnung wurde zeitgleich in 42 Weltstädten gefeiert. Alle wollten dabei sein. Ich habe noch die Bilder vom Platz des Volkes in Shanghai vor Augen. Das war der Wahnsinn. So viele Leute kommen nur im Konsum zusammen. Die Schlangen vor den Apple-Geschäften damals, wo bei jedem neuen Produkt Leute auf der Straße übernachteten, waren nichts dagegen. Alle waren im Rausch. Das Neuro-Zapping zog alle in seinen Bann. Fast noch mehr als die Entdeckung von Fulus 20. Aber was war schon der Fund eines bewohnbaren Planeten im Vergleich zu neuen Entertainment-Angeboten?

Wobei es eigentlich nur konsequent war. Es war der finale Schritt auf dem Weg zur vollkommenen Transparenz. Wissen Sie noch damals, als diese ganze Smartphone-Welle losbrach? Keine sechs Jahre und jeder hatte so ein Ding. Das war die logische Fortschreibung dessen, was wir bereits kannten, deswegen hat es sich schnell durchgesetzt. Erst der Computer, dann das Mobiltelefon, dann beides in einem. Es war kein kultureller Lernprozess nötig, alles war sofort klar und verständlich. Mit dem Persönlichkeitstransfer war das ähnlich. Alle wussten ohnehin schon über alles Bescheid, der Mensch war gläsern, wir gaben freiwillig alles von uns Preis, weil wir die Annehmlichkeiten dieses Lebens zu schätzen gelernt hatten. Je mehr Informationen wir mitteilten, umso mehr profitierten wir von den Informationen anderer. Das war effizient. Privatsphäre? Das war ein Begriff aus einer anderen Welt. Es gab Leute, über die wir mehr wussten als über unsere engsten Freunde. Wir waren begeistert, als es die Möglichkeit gab, die Identität eines anderen Menschen zu besuchen. Für kurze Zeit jemand anderes zu sein, wie ein anderer zu fühlen und zu denken.

Mein erstes und einziges Neuro-Zapping habe ich mit Helen gemacht, meiner Frau. Wir kannten uns ein halbes Leben lang und wussten viel voneinander. Das war am zweiten Abend nach der weltweiten Eröffnung. Andere waren viel fanatischer als wir, für uns war es eher eine nette Abendunterhaltung. Einfach mal ausprobieren. Wir haben nur daran gedacht, dass der Info-Schock nicht so groß sein würde, eben weil wir uns so gut kennen. Wir glaubten, keine Geheimnisse voreinander zu haben. Aber wir haben nicht daran gedacht, dass wir Einblicke bekommen würden, die wir nie für möglich gehalten hätten. Am nächsten Tag ist Helen ausgezogen. 

Vielen anderen erging es ähnlich. Die Kulturkritiker hatten Recht behalten. Sie sprachen vom Untergang der zivilisierten Welt, als die ersten Betaversionen auf den Markt kamen. Alle haben gelacht, damals. Keiner hat sie ernst genommen. Seit Jahrzehnten wettern die Technoskeptiker gegen jede Innovation. Daran haben sich alle gewöhnt. Sie sind die geistigen Korrektive der menschlichen Evolution. Sie sind ängstliche Romantiker, die die Augen verschließen anstatt sich satt zu sehen an der Schönheit des Neuen. Bisher ist ja auch immer alles gut gegangen, irgendwie. Es endete zumindest nicht im Chaos. Also haben wir den Skeptikern damals auch keine Beachtung geschenkt. Es gibt immer ein erstes Mal. Das gilt auch für Katastrophen. Die meisten Fehler erkennen wir erst als solche, wenn sie gemacht wurden. Der Mensch braucht Geheimnisse, um zu überleben. Er muss sein Ich abschließen können. Wir sind zwar soziale Wesen, aber wir sind nicht bereit für ein vernetztes Kollektiv, noch nicht mal für die Vernetzung mit nur einem anderen Menschen. Es sprengt unseren Geist. Vielleicht konnten wir durch diese Erfahrung wenigstens zukünftigen Generationen etwas mit auf den Weg geben. Vielleicht ist das Desaster später dann doch noch nützlich. Wenn es denn ein Später gibt. Wenn die Wunden denn irgendwann verheilen. 

Fünf Tage nach Eröffnung der Zap-Boxen gab es allein in unserer Nachbarschaft drei Dutzend Gewaltdelikte, sieben Kollegen aus meiner Abteilung verloren ihren Job. Die Polizei hatte die ganze Situation kaum noch im Griff. Rund um die Boxen gab es eine Sicherheitszone. Viele Menschen kamen schon streitend aus dem Laden. Nach nicht ganz zwei Wochen wurden die Zap-Boxen verboten. Bis dahin hatten mehr als 10 Millionen Menschen Erfahrungen gemacht, die sie nie mehr würden vergessen können.

Aber die Tatsache, dass es keine Persönlichkeitstransfers auf dem freien Markt mehr gab bedeutete nicht, dass es sie gar nicht mehr gab. Was nützen Verbote, wenn die technischen Möglichkeiten vorhanden sind und kaum einer kontrolliert, was hinter den Hausfassaden vor sich geht? Wo ein Wille ist, gibt es immer einen Weg. Illegale Zap-Events waren in den Wochen nach der Schließung der letzte Schrei, manche veranstalteten Partys und spielten Identitätsroulette. Angeblich war der Info-Schock umso kleiner, je weniger man sich kannte. Aber auch da habe ich anderes gehört. Irgendwann verloren auch die Freaks entweder das Interesse oder ihre Transferpartner, die sie hätten besuchen können. Schließlich mussten immer zwei Personen miteinander kurzgeschlossen werden, beide mussten physisch anwesend sein. Das war wahre Vernetzung, die keiner Worte, keiner Selbstdarstellung mehr bedurfte. Im Nachhinein betrachtet eigentlich lächerlich, dass so eine Verbindung über Kabel aufgebaut wurde. Vollkommen anachronistisch. Aber da wussten wir noch nicht, was andere zu diesem Zeitpunkt schon wussten. Dass es längst die zweite und dritte Generation dieser Geräte gab, kabellos und klein, getarnt als kleiner Chip, wie früher auf den Geld- oder Versicherungskarten. Dieser Chip war das Schlüsselloch zur Persönlichkeit. Und nur wer den Schlüssel hatte, konnte rein. Aber das wussten wir damals noch nicht. Geheimhaltungsstufe eins.

Und dann redete keiner mehr über die Zap-Boxen. Der Hype war vorbei. Aber alle hatten eine Ahnung davon bekommen, wohin uns die Transparenz gebracht hatte. Können Sie sich vorstellen, was die ganzen Geheimdienste jetzt damit machen? Es gibt bestimmt keine Folter mehr, keine Verstöße gegen die Genfer Konvention. Das wird heute alles durch Persönlichkeitstransfer erledigt. Niemand kann sich dagegen wehren. Würde mich nicht wundern, wenn sich die CIA irgendwann umbenennt in „Agentur für neuroelektrische Empathie“. Wenn es nicht so schlimm wäre, könnte man darüber lachen.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich irgendwo in einem Keller. Keine Ahnung wo genau. Ich bin in einer anderen Stadt. Jahrelang habe ich mich nur auf mein GPS verlassen. Immer nur aufs Display geguckt und mich leiten lassen, so wie andere immer nur durch das Display ihrer Kameras geguckt und fotografiert haben anstatt mit eigenen Augen die Welt und ihre Schönheit zu erleben. Aber jetzt bin ich offline. Ich habe keine Ahnung wo ich bin, aber ich weiß, dass ich mich für längere Zeit nicht in der digitalen Welt blicken lassen sollte. Es wäre mein Ende. Offline habe ich zumindest noch die Chance. Ich genieße jeden Tag, auch wenn die Angst, erwischt zu werden, immer dabei ist. Sie sitzt auf beiden Schultern und schreit mir ins Ohr. Und mit den Zap-Boxen fing alles an.

Nur drei Wochen nachdem die Persönlichkeitstransfers offiziell verboten wurden, gründeten acht globale Internetunternehmen in Kooperation mit den wichtigsten Regierungen dieser Welt die „Trust Authority“. Nach den sozialen Turbulenzen, die die Zap-Boxen hinterlassen hatten, sollte diese Behörde wieder die gesellschaftliche Ordnung herstellen. Zum Wohle der Menschheit, wie es in der Charta hieß. Ein Witz. Was als Schutzmaßnahme verkauft wurde, war der Beginn der großen Kontrolle. So ist das mit der Sprache: jemand sagt er sei Freiheitskämpfer, und ich halte ihn für einen terroristischen Unterdrücker.

Die erste Amtshandlung der neuen Behörde war, dass jeder Bürger sich innerhalb von 14 Tagen bei seiner lokalen Vertrauensbehörde zwecks Datenabgleich melden sollte. In diesem Zusammenhang haben wir alle einen neuen Ausweis bekommen. Datenabgleich. Wenn wir damals nicht so blind gewesen wären. Wir hätten es ahnen müssen. Es war so offensichtlich. Aber ich habe es nicht gemerkt. Keiner meiner Bekannten hat das hinterfragt, alle waren froh, dass der Spuk endlich ein Ende hatte. Alle hofften auf die Rückkehr der Normalität.

Erst David hat mich darauf gebracht. Ich habe ihn kennen gelernt, als ich zu schnell aus der U-Bahn rausgelaufen bin. Wir sind zusammengestoßen, er fiel hin und ist mit dem Hinterkopf auf die Fliesen geknallt. Wir haben kurz gesprochen, und ich habe ihn spontan zu einem Kaffee eingeladen, als Entschädigung für die Beule und die Kopfschmerzen. 

Beim zweiten Treffen erzählte er mir von den Besuchen. Er gab er mir einen Code, mit dem ich feststellen konnte, ob ich gerade besucht werde. Fünfmal in sieben Tagen. Von drei verschiedenen Standorten aus. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich nicht nur nackt bin, sondern komplett perforiert. Da wurde mir klar, was es mit den neuen Ausweisen auf sich hat. Wie naiv konnte man sein? Ich fühlte mich dreckig. Meine Mutter hatte damals wochenlang ein Problem in ihrem Bett zu schlafen, als sie eines Tages nach Hause kam und feststellte, dass Diebe im Haus waren und alles durchwühlt hatten. Ich fühlte mich ähnlich. Irgendwer durchwühlte mich, ohne dass ich es merkte. Ich war nicht mehr ich. Nichts gehörte mehr mir. Wenn ich spreche, ja, dann ist klar, dass die Wörter nicht mehr mir gehören, sobald sie meinen Mund verlassen. Aber mein Denken? Mein Fühlen? Das, was in mir drin ist, sollte auch drin bleiben. Bei mir ganz allein. Ich wollte keine Trojaner in meinem Körper. Was wollten die anderen denn mit dem ganzen Schrott? War die Sehnsucht nach dem Leben der anderen so groß, dass es sich lohnte in mir herumzuschnüffeln? Was suchten die anderen in meiner Seele? Ich habe ihnen nicht erlaubt, durch die Räume meines Hirns zu laufen. Ich fühlte mich nur noch als Festplatte für die Programmierer, die irgendwo in ihren vernetzten Räumen saßen und mich aussaugten. Noch saugten sie mich nur aus. Aber wer die Macht über die Verbindung hat, der konnte jederzeit auch damit beginnen, Daten und Gefühle und neues Wissen in mich hochzuladen. David sagte, das Mind Hacking sei nur noch eine Frage der Zeit, vielleicht ein bis zwei Jahre, aber ich würde das nicht mehr mitbekommen. Sobald irgendwer mich beim nächsten mal besuchen würde, würde er feststellen, dass ich Bescheid wusste. Es gab kein Zurück mehr. 

Die Zap-Boxen für die breite Masse waren zwar tot, aber die Regierungen nutzen die Technologie zur Disziplinierung der Bevölkerung und installierten eine überdimensionale Einbahnstraßen-Zap-Box. Was das für Konsequenzen hatte, wurde uns schnell klar. Wenn Politiker etwas zum Wohl der Menschen tun, zur Aufrechterhaltung von gesellschaftlicher Freiheit und Stabilität, dann schwingt im Subtext immer die Angst vor Machtverlust mit. Das wiederum löst direkt den Impuls aus, eigene Macht auszuüben. Und heutzutage ist Wissen die beste Waffe. Für Googolplex, Lifebook, Amazing, Newpear und die anderen Unternehmen war ohnehin klar, dass diese Zwangsdigitalisierung ein wirtschaftlicher Goldesel war. Wer die Technologie beherrscht, bekommt Wissen über die Menschen. Und wer das Wissen hat, hat die Macht sie zu steuern. Das erkannten dann auch die Regierungen und verstaatlichten die Unternehmen, die ihnen gefährlich werden konnten. Auch das war abzusehen. In den jährlichen Transparency Reports der Internetkonzerne konnte man sehen, wie jedes Jahr mehr Anfragen der Regierungen kamen, Nutzerdaten auszuliefern oder Inhalte aus dem Netz zu entfernen. Seit einem Jahr werden alle Unternehmen, die irgendwie mit Nutzerdaten arbeiten, staatlich gesteuert.

Viel zu spät haben wir gemerkt, dass wir nicht die Kunden dieser ganzen Datengiganten sind. Wir sind das Produkt. Diese ganze Vernetzung, das soziale Internet, die digitalen Standleitungen – das alles hat uns auf die Rolle der Datenlieferanten reduziert. Wir sind die in kleine Informationen zerteilten Personen, die an die Unternehmen verkauft werden. Personalisierte Werbung war nur der Anfang. Das haben wir alle hingenommen. Weil wir es kannten. Weil es bequem war. Oder weil wir dachten, das beeinflusst uns sowieso nicht. Und jetzt? Sind wir programmiert worden und kommen aus der Nummer nicht mehr raus. Wer raus will, darf jetzt offiziell in Gewahrsam genommen werden. Als Systemfeind. Wie konnte es nur so weit kommen?

Es ist kalt hier im Keller. Und dunkel. Das Licht meiner Taschenlampe zittert, bald werden die Batterien ihren Geist aufgeben. Ich habe einen Instant-Kaffee neben mir stehen, schmeckt scheußlich. Meine Finger verkrampfen. Ich weiß nicht wie lange ich keinen Stift mehr in der Hand gehalten habe, wie lange ich nicht mehr das Schriftbild meiner Handschrift gesehen habe. Es ist anstrengend und es ist kalt und es ist dunkel, aber ich muss das alles aufschreiben in der Hoffnung, dass es irgendjemand findet, der die Geschichte verstehen will. Denn die offizielle Geschichte wird sicherlich eine andere sein. Vielleicht ist es eine romantische Vorstellung, idealistisch, aber ich hoffe, dass der oder die Richtige diese Notizen findet und meine Version weiter trägt. Dass irgendjemand versteht, dass der nächste Schritt nach der vollkommenen Transparenz die unsichtbare Diktatur ist.

Der 20. März. Der Trust Act änderte wieder einmal alles. Natürlich dreht sich die Welt schnell, aber in den letzten Wochen gab es fast täglich neue Hiobsbotschaften. Mit dem Trust Act war nun jeder Datenverweigerer offiziell ein Gesetzloser. Wer seinen Ausweis wiederholt nicht bei sich trug, wurde einkassiert. Offline war keine Option mehr. Wir waren dauervernetzt – zumindest in eine Richtung. Der Trust Act war Hundeleine und Maulkorb für alle, die langsam begriffen, was vor sich ging. Das wurden immer mehr und die Behörden bekamen durch ihre Besuche in Echtzeit mit, wie viele Menschen von den Identitätskontrollen erfuhren. Jetzt musste es schnell gehen.

Der 20. März. An diesem Abend habe ich die wichtigsten Sachen zusammengepackt. Es waren nicht viele. Habe die Tasche in den Flur gestellt und mich ein letztes Mal ins Datennetz begeben. Um 21 Uhr habe ich mich gelöscht. Fragen Sie mich nicht, wie ich das gemacht habe. Ich habe die Technologie immer nur benutzt, aber nie gelernt sie zu programmieren. Leider. Ich habe nur gemacht, was auf der Anleitung stand, die David mir gegeben hatte. Als ich weg war wusste ich, dass die Dataexec ab jetzt offiziell nach mir suchen würde, die schnelle Eingreiftruppe der Trust Authority, die jeden Riss im Datenstrom verfolgt und innerhalb kürzester Zeit am letzten bekannten Ortungsort ist. Ich habe sie noch nie gesehen, aber in den letzten Tagen häufiger davon gehört. Meinen Ausweis habe ich liegengelassen. Den brauchte ich nicht mehr, und die Trust Authority wusste ohnehin alles über mich.

Und dann bin ich raus auf die Straße, ging schnell und in gebückter Haltung mit einer großen Angst vor den Gesichtern, die mir entgegen kamen. Auf Umwegen bin ich zu dem Treffpunkt gelaufen, wo David schon auf mich wartete. Zusammen mit zwei anderen, dunkel gekleideten Menschen, die ich vorher noch nie gesehen hatte. Julia gab mir die Hand und stellte sich vor, und bevor ich irgendetwas sagen konnte, erzählte sie etwas von einem schwarmintelligenten Polizeistaat, Dateninfiltration und manipulativen Uploads. Ich bin in den letzten Jahren immer unpolitischer geworden. Mein Protest beschränkte sich darauf, irgendwelchen systemkritischen Posts mit einem Klick auf den Like-Button zuzustimmen. Das war es dann auch schon. Mir wurde erst in diesem Moment klar, dass ich durch meinen Rückzug aus dem Datenstrom ganz automatisch zu einem politischen Aktivist geworden war. In diese Verwirrung hinein begrüßte mich Robert im Kreise von Transperson International und freute sich, dass die Gruppe jetzt mit jedem Tag weiter wachsen würde. Ich fühlte mich überfordert und fehl am Platze. 

Das Licht der Taschenlampe wird immer mehr zu einem kleinen gelben Punkt. Die Buchstaben sind nur noch ein Schatten ihrer selbst. Von oben ruft Robert, dass wir in zehn Minuten aufbrechen müssen. Jetzt sind wir auf der Flucht. Ironie des Schicksals, dass ich die letzten Wochen, seitdem Helen mich verlassen hat, versucht habe vor mir selbst zu fliehen. Ohne Erfolg. Und jetzt habe ich kein Selbst mehr – und bin auf der Flucht.

David sagte damals, dass Rebellion in Zukunft nur noch offline stattfinden wird. Weil alle Datenströme überwacht werden. Das sagte er, während er den Milchschaum aus seinem Kaffee löffelte. Ich weiß noch wie ich das für Blödsinn hielt, denn die spontanen Mehrheiten für oder gegen ein Thema ergaben sich alle im Netz. Das Netz war das Herzstück des Widerstandes, soweit ich das beurteilen konnte. Aber ich war ja damals nur Beobachter. Jetzt weiß ich, dass er Recht hatte. Schon damals legten die Konzerne, deren Plattformen die Infrastruktur für den Protest waren, die Regeln für unser Zusammenleben fest. Geschichte bekommt immer erst retrospektiv einen Sinn. Die Programme von gestern sind die Gesetze von heute.

Ich mag Robert nicht. Er ist ein Selbstdarsteller und faselt die ganze Zeit davon, wie sehr ihn die Entdigitalisierung an die Entnazifizierung nach Ende des Zweiten Weltkrieges erinnert. Ein beschissener Vergleich. Ich glaube, David mag ihn auch nicht besonders, und unter normalen Umständen hätten wir einander sicher nicht viel zu sagen gehabt. Aber die Umstände sind nicht normal. Hier greift die Grundmechanik der sozialen Grenzziehung: nichts schweißt mehr zusammen als ein gemeinsamer Feind. Da können die Unterschiede zwischen den Nulldigitalen und den gemäßigten Digitaldemokraten noch so groß sein, im Kampf laufen sie Seite an Seite. Obwohl allen klar ist, dass im Falle eines Sieges diese Union sofort in sich zusammenfallen wird. Die einen wollen die totale Reanalogisierung, die anderen die Kontrolle über die Datennetze. Wie soll das gutgehen? 

Ich habe in den ersten Tagen meiner Flucht viel gelernt. Und so viel vergessen. Mir wurde bewusst, wie sehr wir uns auf die digitalen Backups verlassen, wie wenig wir in unserer eigenen Erinnerung haben, weil wir glauben, in der Cloud sei es jederzeit abrufbar. Wir haben vergessen uns zu erinnern. Das einzige, das wir im Kopf hatten, war der Speicherort, an dem wir das einmal Abgelegte finden. Uns hat das Zugangswissen so sehr vereinnahmt, dass wir keine inhaltliche Erinnerung mehr hatten. Der Zugriff auf die Erfahrung war mehr Wert als die Erfahrung selbst. Durch die Flucht hat sich alles geändert. Es gibt Situationen, da fühle ich mich wie ein Kind, das die Welt neu kennen lernt. Erst jetzt weiß ich den Vorschlag der Wissenskommission zu schätzen, die 2018 alle Dateien mit einem Verfallsdatum versehen wollte. Damals haben alle nur den Kopf geschüttelt. Jeder sagte, dass das Blödsinn sei, so schnell wie sich die Speicherkapazitäten entwickelten, dass es genug Platz für all die Informationen gäbe. Aber darum ging es gar nicht. Niemand glaubte, dass Speichermedien knapp werden würden, im Gegenteil. Wir Menschen waren das Problem. Wir waren es, die unter der Datenflut zusammen gebrochen sind. Wir konnten die Vielfalt nicht mehr verarbeiten. Daran haben auch die Wissensimplantate nichts geändert. Aber diese Botoxmodule fürs Hirn konnten sich ohnehin nur die Wohlhabenden leisten. Wir haben die meiste Zeit damit verbracht Filtermechanismen für das eigene Wissensmanagement zu entwickeln, so dass wir die wichtigen Dinge gar nicht mehr verarbeitet, sondern nur noch sortiert und verwaltet haben. Es ist eine schöne Erfahrung, Dinge zu vergessen, neue Sachen zu lernen und dafür zu sorgen, dass sie präsent bleiben. Das hält wach. Und wach zu bleiben ist auf der Flucht überlebenswichtig. Aber ohne Tempagil schaffe ich es trotzdem nicht. 

Ich frage mich sehr oft, wie es so weit kommen konnte? Wann es anfing? Es gibt nicht die eine Ursache. Alles fügte sich zusammen. Die Sucht nach Bestätigung und Anerkennung. Die Bequemlichkeit der neuen Möglichkeiten. Der soziale Druck, weil alle anderen auch mitgemacht haben. Keine Ahnung, was den Ausschlag gab. Der Selbstoptimierungswahn, das ständige Dauersprinten, um überhaupt mithalten zu können. Das Streben nach dem Besseren, dieses alles beherrschende Upgrade-Denken. Ich weiß noch, wie das Wort ‚Zufriedenheit‘ Anfang 2020 auf die Liste der bedrohten Wörter gesetzt wurde. Weil alle immer nur das permanente Glück im Blick hatten. Wer nur zufrieden war, war ein Verlierer. Am Ende des Tages ist es auch egal, was genau die Ursachen waren. Es ist wie es ist, und es ist furchtbar. Jetzt sind wir da, wo wir nie hin wollten. Algorithmen beherrschen die Welt, Maschinen regeln das tägliche Leben, und Menschen sind nicht mehr gefragt – außer als Käufer und Datenlieferanten. Und die paar elitären Säcke, die immer noch glauben, sie hätten die Macht über die Rechenzentren und die Kontrolle über Mensch und Maschine, werden auch noch lernen, was es heißt, nichts mehr zu sagen zu haben.

David sprach von der Entwicklung von Identity Firewalls, um das System zu untergraben. Datenblocker, die verhindern, dass andere sich in die eigene Identität einwählen. Das klingt interessant, wenn ich mir auch nicht so recht vorstellen kann, wie die Dinger funktionieren. Aber Robert hat sich der vollständigen Reanalogisierung verschrieben. Darüber kriegen sich die beiden jedes Mal in die Haare. Julia schlichtet dann immer, und immer mit dem gleichen Spruch: „Der Kuchen wird erst verteilt, wenn er gebacken ist.“ Wenn sie das sagt, könnte ich ihr mit links eine Ohrfeige geben und sie gleichzeitig mit rechts an mich drücken, um sie zu küssen. Ich vermisse Helen.

David sagte, es gäbe schon erste Versionen, entwickelt von der Osteuropa-Kammer der Transperson International. Er berichtete von einem Treffen mit Pawel, der ihm erzählte wie die erste Generation der Firewalls von der Dataexec konfisziert wurde. Weil irgendein Gruppenmitglied redigitalisiert wurde. Widerstandskämpfer landeten als willenlose Knechte in den Händen der Regierungstruppen. Ich habe gehört, die machen da Experimente mit den Gesetzlosen, arbeiten an einem Cloning Device, das für militärische Zwecke Humanrohstoffe duplizieren soll. Humanrohstoffe, angeblich benutzt die Dataexec dieses Wort, wenn von Menschen die Rede ist, die sich vom Datenstrom losgesagt haben. Es ist ein anderes Wort für Müll. Als die natürlichen Ressourcen knapp und unbezahlbar wurden und die Menschen den Müll als wichtige Energiequelle entdeckten, nannten sie den Abfall auch um in Sekundärrohstoff. Alles wird wiederverwertet, in einem neuen Kontext. Seitdem weiß ich, dass es nur einer einzigen Unaufmerksamkeit bedarf, um von einem Menschen mit freien Willen zu einem Stück Abfall zu werden. Wenn ich mich daran erinnere, vibriert mein Herz jedes Mal und die Angst wird größer. Noch schaffe ich es, die Angst in Kampfeswillen zu transformieren. Aber ich habe das Gefühl, dass es mir in den letzten Tagen immer schlechter gelingt. Wer die Klon-Experimente überlebt, und das sind noch nicht viele, bekommt Memory Eraser und wird anschließend gechipped und wieder rausgelassen. Als Schatten seiner selbst. Emo-Medikamente sind schon länger der letzte Schrei und mittlerweile auch für jeden erschwinglich. Da geht es eher um die Beeinflussung der eigenen Stimmung. Harmlos. Aber diese Gedächtnislöscher müssen der Hammer sein. Ich möchte auch nicht wissen, welche neuen Informationen die Memory Augmentation Therapists da gleich wieder hochladen, wenn sie die Festplatte der Humanrohstoffe gelöscht haben.

Robert ruft, wir müssen los. Die weißen Soldaten mit ihren bunten Buchstaben auf der Uniform, sie kommen schon die Straße entlang und werden gleich hier sein. Ich werde weglaufen, ohne die Daten wie eine Schleimspur hinter mir herzuziehen. Mir bleibt nur die Erinnerung. Ich habe Angst, aber ich fühle mich frei. Allein deswegen hat sich alles gelohnt. Ich muss optimistisch bleiben, sonst laufe ich langsamer. Montag, der 20. März 2023. Mein erster Tag im Offline-Modus. Diesen Tag werde ich nie vergessen.


Kommentare:

  1. Schöne Story... in 11 Jahren kann viel passieren, gar nicht so weit hergeholt :}

    Auf lange Sicht werden die Offliner dann aber keine "Regierungstruppen" mehr jagen, sondern irgendwelche Google-SEALs oder wie auch immer die Truppen der 2,3 verbliebenen Weltkonzerne dann heißen werden...

    AntwortenLöschen
  2. grrr, muss natürlich heißen: ...die Offliner dann aber nicht mehr von Regierungstruppen gejagt werden...

    AntwortenLöschen