14.10.2012

The Great Escape im Raum der Turbulenzen

Liebe Freunde kontrollierter 360°-Fluchtstrategien.
Ich habe neulich einen Artikel über die Escape-Taste gelesen. Ihr wisst schon, die Fluchttaste, die einem vorgaukelt, man hätte noch die Kontrolle über die Maschine. Der in einen halben Quadratzentimeter Plastik gegossene Irrglaube, eine kleine Taste hätte die Macht, mich aus der technologischen Scheiße herauszuholen, wenn sich das Tor zur Welt aufgehängt hat. Das Problem: Es ist leider keine Universaltaste. Die meisten nutzen sie wahrscheinlich nur, um bei irgendwelchen Videos wieder aus dem Vollbildmodus rauszukommen. Oder zum Schließen kleinerer Subanwendungen. Was für eine Degradierung. Das Wichtigste ist aber: "ESC" funktioniert nur, wenn das Programm, das verlassen werden soll, auch versteht, dass es beim Drücken dieser Taste den Ausgang aufschließen soll. Die Flucht-Option ist also weniger eine Frage der Maschine, sondern der Software. Wie im richtigen Leben, da liegt der Fehler auch eher selten in der Hardware, soll heißen: wegrennen ist physisch möglich, aber wir sind so programmiert, dass wir es kaum machen.
Vielleicht haben wir Angst es zu tun? Vielleicht ist der Leidensdruck nicht groß genug? Vielleicht lassen wir uns lieber einen Gin Tonic in die Komfortzone bringen und machen es uns gemütlich? Vielleicht lähmt die Vielfalt der Alternativen unsere Entscheidungsfindung? Anders ist eben nicht unbedingt auch besser. Und "anders" wird im Kontext unserer Kultur immer noch primär aus der Angstperspektive problematisiert. Routinebrüche sind dementsprechend immer zuerst Brüche - und was assoziieren wir damit? Verletzung, Krankenhaus, Hoffnung auf Heilung. Alles soll wieder gut werden, bitte schön. Außerdem setzt der Begriff "Routinebruch" voraus, dass es eine Routine gibt, die gestört wird. Wo aber alles wabert, kann auch nichts brechen. Alles ist möglich. Die Willkür steht am Anfang aller Erkenntnis - und aller Wochenplanung. Können wir das mal so stehen lassen?
Während wir früher noch gepflegt zwischen Gut und Böse, zwischen Fortschritt und Dekadenz, zwischen Rezession und Hochkonjunktur oszillierten, ist heute keine Richtung mehr erkennbar. Stabilität ist ein Relikt aus dem 20. Jahrhundert und fristet als Wunschdenken und ungestilltes Bedürfnis seinen Lebensabend im Seniorenstift. Wir können uns auf immer weniger verlassen. Vielleicht noch darauf, dass Behördengänge mit stets gleicher Genervtheit langsam dahingleiten. Oder dass die nächste Dinosaur Jr.-Platte genauso (gut) klingt wie die letzte. Das war es aber auch fast schon. Der Rest ist eine nicht enden wollende Dauerwelle, die uns ständig vom Brett schmeißt und gleichzeitig von uns verlangt, an unserer Körperhaltung zu arbeiten. Vorbei die Momente der Ruhe und Klarheit. Statt Wahrheit gibt es Sichtweisen, an die Stelle der Verlässlichkeit tritt die Möglichkeit.
Es wird nie mehr ein Gleichgewicht geben. Störungen sind das Organisationsprinzip unserer Welt. Gleichgewichte sind nur ein kurzer, vorübergehender Zustand, ein Übergang von einer Störung zur nächsten. Wer immer noch an so etwas wie Stabilität glaubt, der nennt diesen Zustand "Krise", hofft auf ein besseres Morgen und zittert sich durch die Tage. Es ist nicht mehr möglich, den Überblick zu behalten. Alle fahren auf Sicht und haben keine Ahnung was hinter der nächsten Nebelwand lauert. Trotzdem herrscht das Paradigma der Geschwindigkeit. Zeitgewinn ist das Mantra der Getriebenen. Wer seinen Weggefährten einen Schritt voraus ist, hat gut lachen, zumindest solange es sich nicht um den entscheidenden Meter über die Klippe und hinein in den Abgrund handelt. Dann bleiben die anderen stehen und lachen erstmal laut - bevor ihnen die Spucke wegbleibt, weil sie sich fragen: und wie geht´s für uns jetzt weiter?
Schnell dreht sich die Welt und immer öfter fühlen wir uns wie zu spät gekommen. Wir stochern in der Glut der abgebrannten Tage, laufen unserer multiplen Abwesenheit hinterher und finden keinen Weg. Dabei wird uns doch heute vorgegaukelt, es wäre so leicht wie nie unseren eigenen Weg zu finden. Heute herrscht die unbedingte Pflicht zur Selbstverwirklichung, reines Funktionieren reicht nicht mehr. Parallel dazu wird "Scheitern" eine Frage persönlicher Widerstandsfähigkeit, die so überhaupt nicht mehr im Kontext des sozio-ökonomisch Größeren gesehen wird. "Ich habe heute leider kein Foto für Dich" bedeutet eben: Du bist nicht gut genug! Es bedeutet nicht: Diese Sendung ist scheiße! Das Individuum unterwirft sich den Anforderungen des Weltmarktes, der jedes Anders-Sein erlaubt und gleichzeitig mit Füßen tritt, wenn es nicht ins vorgesehene Format passt.
Der Sozialcharakter erodiert, hängt an den Fäden halbseidener Links und Likes, und jedes Selbst hält sich nur mühevoll zusammen. Jeder große Triumph - und das ist das wirklich Schreckliche - wird immer noch begleitet von: "We are the champions". Was gleichbedeutend ist mit: "No time for losers". Prägnanter kann man das Haifischbecken nicht zeichnen. Das ist die Welt, in der wir leben und müde von einem Wettbewerb zum anderen taumeln. So sitzen wir vor unseren Schreibtischen, auf unseren Sofas oder an dritten Orten und versuchen der Welt ein klein wenig Sinn abzuringen, während am Fenster Karlsson vorbei fliegt und anarchistisch säuselt: "Ruhig, nur ruhig". Oder: "Das stört keinen großen Geist". Er könnte auch sagen: "Keep shopping, everything´s fine." Das würde ich ihm auch abnehmen, diesem weltbesten Weltverweigerer.
Wie komme ich jetzt darauf? Richtig: Der Niedergang der Escape-Taste. Was heißt eigentlich Flucht? Die allwissende Müllhalde beschreibt Flucht als das Zurückweichen vor einer Gefahr, zunächst vielleicht als zielloses "bloß weg", dann oft verbunden mit der Suche nach einem Zufluchtsort. Aber wohin kann man heute noch fliehen? Wir verinnerlichen die äußeren Ansprüche und machen sie zu unseren eigenen Überzeugungen. Das normalisiert auf Dauer auch die stärkste Abweichungspersönlichkeit. Überall wo wir hingehen, begleitet uns die Welt und ihre hässlichen Launen. Und unsere digitalen Erinnerungsspuren sowieso. Jedes Fleckchen Erde mag ein gutes sein, solange man sich selbst nicht dabei hat. Nimmt man sich mit, und das tut man meistens, kann es oft schlimm werden, die Verkehrslage bei Ferienende ist nichts dagegen. Das Wort "Neuanfang" ist ein schlechter Witz. Es gibt nur ein "Weiter", unter anderen Bedingungen vielleicht, aber mit der gleichen Historie im Kopf, der gleichen Timeline im Display. Aus den Fluchtwegen von einst sind die Haupteinkaufsstraßen von heute geworden.
Die Escape-Taste ist symbolisch für unsere ständig nach Zukunft strebende Gegenwart, in der keine Flucht mehr möglich ist, weil alle damit beschäftigt sind hinterherzuhecheln und sich selbst aus dem Status Quo in das paradiesische Morgen zu vertreiben. Die Gegenwart ist nur der Übergang zwischen gestörter Vergangenheit und verstörender Zukunft. Aber die zunehmende Bedeutungslosigkeit dieser Taste ist auch ein Abgesang auf die Alleinherrschaft des Egoismus. In der Kooperation liegt die Kraft. Wenn sich mehrere Tasten zusammen tun, beispielsweise CTRL+ALT+DEL, können sie die Maschine in den Klammergriff nehmen. Das ist doch zumindest mal ein positiver Ansatz. Allerdings ohne Erfolgsgarantie.
In diesem Sinne: Heissa Hoppsa, ihr Lillebrors, flieht dahin, wo man euch am wenigsten vermutet: in den Alltag. Und versteckt euch hinter der Routine. Wer weiß, wie lange es sie noch gibt.

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