24.10.2012

+1 in der Erfahrungssammlung

Liebe Freunde des nächtlichen Irrsinns.
Manchmal drückt sich das Schicksal in Gestalt eines schlecht beleuchteten Weckerdisplays als weitere Variable in die Excel-Formel der eigenen Glückseligkeit. Manchmal. Dann geht der Blick ins Nichtmehrganzdunkel und Nochnichtganzhell eines neuen Tages. Und genau in dieser Übergangsphase - und oft genug nur dann - erinnern wir uns an das, was uns in der Nacht so beschäftigt hat. Ein Beispiel.

Der Fürst der Finsternis reitet mitten am Tag durch die glühende Sonne. Du stehst hinter der nächsten Ecke und siehst einen dunklen Fleck auf dich zukommen. Dann reifen die Konturen zu einem Gesicht. Mit Augen, die sehen. Und gesehen werden. Ein eisiger Blick reitet auf dich zu und bald an dir vorbei, alles geht so schnell. Du erwartest das Schlimmste, das ist deine Strategie, um Enttäuschungen zu vermeiden. Und dann geschieht das Unfassbare: Der Reiter grüßt freundlich, sein warmes Lachen passt so gar nicht zu den eisblauen Augen mit ihrer 500-prozentigen Sehkraft. Du bist irritiert, hörst das Schnauben des Pferdes an dir vorbeiziehen. Der Fürst verschwindet im Dunst, den er selbst aufgewirbelt hat. Einfach weg. Und du mittendrin im Moment, bist Zeuge wie die Erfahrung zur Erinnerung erstarrt. Nach dem Geschehen legt sich die Zeit über die zu Boden rieselnden Staubwolken und lässt Gras über die Sache wachsen. Der Terror in dir hilfeschreit nach einer diplomatischen Lösung. Aber da ist niemand. Weit und breit. Stille. Nur ein leises Surren fällt aus allen Wolken.
Du blickst nach oben, im Himmel fliegen schwarze Punkte und du weißt genau: die Kameraaugen der Dronen zoomen dir aus jeder glatten Haut eine porentiefe Unreinheit. Im Kern dieser radikal verdichteten Szene glimmt ein utopischer Funken, springt auf dich über und brennt sich in den Wahrnehmungsapparat: Geteilte Realität ist doppelte Realität. Niemand wird dich vermissen, aber alle werden über dich reden, froh darüber, die Grenzen der alten Welt mit neuen Maßstäben zu bepflocken. Stehst du immer noch da und spürst den trockenen Mund. Du hast Durst, schluckst schwer. Ein für allemal: Es gibt kein Entkommen. Sobald man sich die Welt aneignet, erdrückt sie einen. Und das Leben bezahlen wir mit dem Tod. Über dir drehen die Dronen ihre Kreise. Du drehst dich mit. Zirkuläres Irresein als Folge linearer Weltvermittlung. Hinter dir ein Knall. Aber wo genau ist "hinter mir", wenn man sich schnell um sich selbst dreht, fragst du dich und stoppst abrupt, um die Frage abzuschütteln. Hinter dir ist genau da, wo du noch keine Augen hast. Du schließt die Lider und lässt keine Bilder mehr zu.
Auf einmal ist alles friedlich. Als hätte es ein Gestern nie gegeben. Du fühlst dich frei, alles ist möglich, nichts ist gewollt. Du fühlst dich leer, bereit für eine ordentliche Portion Manipulation. Du glaubst dich allein, aber Nähe ist keine Frage des Ortes, sondern des Gefühls. Oder der Funkverbindung. Du fühlst dich zeitlos, im Sinne von "nicht frei haben." Was auf deutsch übersetzt heißt: gelebt werden. Und dieser Gedanke beendet den Frieden. Das Gemüt hinkt dem äußeren Sein weit hinterher. Die Seele hechelt und findet keine Ruhe, läuft mit müdem Schritt durch die strapazierte Gegenwart, verleibt sich die Technik ein in der Hoffnung auf schnelleres Vorwärtskommen. Mit der leisen Sehnsucht nach der Biographie der anderen gibst du deinen Namen in Suchmaschinen ein, vergewisserst dich deiner Existenzen. Als Schlagworte zur unmittelbaren Identifikation erscheinen sie in der virtuellen Wolke über deinem Kopf, für jeden sichtbar. Während du immer noch Kleidung trägst, schwebt über dir die nackte Information und wird von anderen verarbeitet. Während du dich noch fragst, wo du eigentlich bist, orten andere deine Interessen.
Der Wind frischt auf, dein Körper zittert. Du spürst einen kontrollierten Stich in der Lendenwirbelsäule. Dann wird es warm. Drehst dich um und schaust dem Fürst der Finsternis ins maskierte Gesicht. Er sagt: Lebe wohl, mein Freund, und merke: hinterrücks heißt nicht zwingend auch rücksichtslos. Mit diesem Satz kannst du nichts anfangen und fällst zu Boden, schmeckst den zu Asphalt geronnenen Staub. Hart und fest wie der Stein der Weisen. Du hattest immer noch nichts zu trinken. Eine fremde Hand hilft dir auf, stellt dich hin. Mit zitternden Beinen und zuckendem Rumpf richtest du dich ein letztes Mal auf. Brust raus, Rücken gerade. Ein sicheres Auftreten in unsicherer Zeit, wie jeder Ratgeber es rät. Gegenüber ein bekanntes Gesicht, gehst du einen Schritt vorwärts und ziehst dich zu dir, breitest deine Tastorgane aus und schlingst sie um den, der als Maske dein Gesicht trägt. Meine Arme sind Herz genug, pocht es aus dir heraus und tropft zu Boden. Von glühender Sonne keine Spur. Die ist wohl längst weitergezogen. An die Zeit gebunden ist die Erde nur ein Augenblick. Dann ein Geräusch, aus einer fernen Welt. Kommt näher. Spannend war die Nacht, und hell wird´s erst ab acht.

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