17.09.2012

19 Regeln für besseres Regeln

Liebe Freunde zündender Zehnpunktepläne. 
Von Karl Valentin stammt der Spruch: "Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen." Dem schließe ich mich nicht nur theoretisch an, sondern auch praktisch. Aber der Reihe nach. Die Welt ist voll mit irgendwelchen Manifesten, 10-Punkte-Plänen, Checklisten und Tipps für besseres Alles. Man kann sich mit den  "Zehn Regeln, den Mann fürs Leben zu finden" voll beschlauen und einen Partnerschaftstreffer landen, die abgefahrenen Hochzeitsfotos werden super, wenn man "Zehn goldene Lomo-Regeln" befolgt. Um nach den Flitterwochen wieder in den Alltag zu kommen, einfach die "Zehn Tipps sich selbst zu motivieren" befolgen. Und wenn die Partnerschaft nicht mehr so läuft, helfen "Zehn Tipps für stilvolles Trinken" dabei, sich artgerecht zu besaufen. Ich denke, es ist klar, worauf ich hinaus will. Das ist nur eine Auwahl der ersten Google-Treffer zu den Suchbegriffen "Zehn Regeln" und "Zehn Tipps." Wer bei Google "10 ways to" eingibt, bekommt 115 Millionen Treffer. Die Suche nach "Manifesto" bringt es immerhin auf über 67 Millionen. Also gut. Wir wussten schon länger, dass Lebensratgeber und Standpunktpapiere boomen. Ja warum auch nicht. Es ist doch schön, wenn andere ihre Erfahrung komprimiert weitergeben - und mir damit Orientierung geben oder eine Lebenshilfe bieten, die mich vor blöden Fehlern schützt, mich schneller zum Ziel bringt oder mir einfach nur hilft, mir eine Meinung zu bilden. Wenn ich es denn möchte. Worauf ich hinaus will: Ich will auch mal so ein Regelheft machen, nicht immer nur andere lesen und (nicht) befolgen. Selber machen. Meine eigenen Regeln. Und die dann in die Welt rausposaunen. Vielleicht lesen und befolgen andere sie dann (nicht). Jetzt versteht ihr auch den Spruch von Karl Valentin, oder?

Genau. Ich habe weder Mühe noch Zeit gescheut, ein Regelheft aufzustellen, das den Alltag strukturiert, das Leben leichter macht, bei Krisenbewältigung und -prävention hilft. Neugierig? Fehlt noch ein knackiger Titel: Statt "Senfsturm im Würstchentopf" empfehle ich "Das Manifest des Lebens". Na, wie klingt das? Zu groß? Egal, here we go:

#1: Lebe eine Parasitenexistenz. Bediene Dich bei anderen. Nichts ist neu. Es gibt kein Original. Die Idee des schöpferischen Genies, der aus dem Nichts den heißesten Scheiß erfindet, ist tot. Jedes Tun basiert auf dem Tun von anderen. Das nennt sich Evolution und ist ganz normal. Zitiere, mische neu, nutze Vorhandenes und addiere Dich hinzu. Sei eine Import-Export-Maschine. Absorbiere das Existierende, transformiere es in Deinem Sinne, lasse es durch Dein Innerstes laufen und verarbeite es. Schicke es dann wieder raus in die Welt. Aber kopiere nicht nur einfach, das hast Du nicht nötig.

#2: Akzeptiere Routinebrüche als Normalfall.
Verabschiede dich von festen Strukturen. Es gibt kein Sein, nur ein Werden. Der Wandel ist unvermeidbar. Empfange ihn mit offenen Armen. Erfinde Dich neu, sooft Du willst. Selbstverwirklichung kann kein Ziel sein, denn das setzt voraus, dass es ein Selbst gibt, das zu erreichen ist. Der Satz „Bleibe Du selbst“ sollte ab heute als Kränkung aufgefasst werden und ganz oben auf der Liste möglicher Beleidigungen stehen. Versuche ein roter Faden zu sein, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und komme gar nicht erst auf den Gedanken, Dauerveränderungen als Ausrede für Deine Ziel- oder Antriebslosigkeit zu nehmen. Das zählt nicht.

#3: Praktiziere eine positive Fehlerkultur. Fehler sind gar nicht so schlimm wie alle sagen. Fehler sind der Treibstoff der Selbstoptimierung. Wer nur versucht Fehler zu vermeiden, möchte keinen Anlass für Enttäuschungen geben. Das ist viel zu defensiv. Versuche lieber, Überraschung und Freude zu erzeugen. Und wenn Du dabei einen Fehler machst, hast Du wenigstens fürs nächste Mal etwas gelernt.

#4: Du bist ein Kollektivsingular. Verbünde Dich mit denjenigen, die Wert auf die gleichen Dinge legen wie Du. Kooperation ist das Ego-Denken des 21. Jahrhunderts. Wer immer nur John-Wayne-mäßig durch die Prärie reitet, hat keinen, der ihm wieder aufs Pferd hilft oder hinkende Vergleiche glattbügelt. Mache gute Arbeit und teile sie mit Leuten. Wachse an den Sachen, die andere mit Dir teilen.

#5: Strebe stets nach Premiumformulierungen. Achte auf Deine Wortwahl: Bediene Dich sorgsam aus den Zeichenreserven des Universums. Schätze die Sprache und kombiniere die Buchstaben mit Bedacht, in wichtigen Texten genauso wie in banalen E-Mails. Unterschätze niemals die Kraft eines guten Satzes, der dem Leser mit links die Eier krault, während er ihm mit rechts eine schallende Ohrfeige verpasst. Und wenn Dir nichts einfällt, dann arbeite wenigstens daran. Vergiss die romantische Vorstellung von der genialen Eingebung. Die ist sehr, sehr unwahrscheinlich.

#6: Repriorisiere vermeintliche Prioritäten. Multitasking ist ein Mythos. Lass Dir nicht erzählen es wäre wichtig oder sogar Einstellungsvoraussetzung, möglichst viele Dinge gleichzeitig zu erledigen. Eins nach dem anderen und das Wichtigste zuerst. Frage nicht andere, was wichtig ist, denn jeder erzählt Dir etwas anderes. Verteile Dein beschränktes Zeitbudget nach Deinen Vorstellungen.

#7: Neugier ist die einzig positive Gier. Lerne täglich, denn dafür bist Du auf der Welt. Habe keine Angst vor dem Ungewissen. Es kennt Dich auch noch nicht. Zeige Interesse an anderen Menschen. Zuhören ist wichtiger als selber reden. Und Nachfragen ist besser als egozentriert daher zu plaudern. Schau Dich um, was neben Dir passiert.

#8: Akzeptiere die Dummheit, während Du sie bekämpfst. Je mehr wir wissen, umso dümmer werden wir, weil uns mit jedem Stückchen Neuwissen ein ganzer Kosmos des Nochnichtwissens aufgeht. Das ist normal und soll uns nicht beunruhigen. Nichtwissen ist auch keine Lösung. Verwechsele das Bekämpfen der eigenen Dummheit nicht mit einem sozialen Bildungsauftrag. Du bist nicht verantwortlich für die Dumpfbacken da draußen. Und, ganz wichtig, akzeptiere Besserwisser nur, wenn ihr Name Google ist. 

#9: Achte auf eine stilvolle Oberflächenpflege. Dein Äußeres ist die Tapete Deines Repräsentationszimmers. Kümmere Dich darum, auch wenn Du allein in Deiner Stube sitzt. Ein bisschen Stil und Individualästhetik kann nie schaden in dieser willkürlichen Welt. Aber bitte werde nicht zum Geschmacksterroristen.

#10: Bleibe gelassen und vermeide Miniaturpaniken. Bleib ruhig. Aufregung lähmt und verschwendet kostbare Energie. Stelle Deinen Befindlichkeitszerrütter auf das größtmögliche Frustrationspotenzial. Lass Dich von Kleinigkeiten nicht aus der Ruhe bringen, aber sei wachsam für die wichtigen Kleinigkeiten, manchmal sagen sie Dir, wer Du bist.

#11: Regelmäßige Naturpeelings erneuern die Seele. Mach einen gesunden Eindruck. Solange es noch Natur gibt, nutze sie. Bewege Dich und sorge für regelmäßige Durchlüftung. Im Freien ist die Welt eine andere. Mit einem starken Lüftchen beherrscht ein lässiger Gang das Geschehen. Bei Gegenwind kannst Du Dich besser an allem abarbeiten, das sich in anderer Richtung bewegt. Dann gehen die Hautschichten verloren, die bei Rückenwind so gerne präsentiert werden. Das fühlt sich gut an.

#12: Verliere Dich nicht in Konsenswolken. Behalte einen geraden Rücken, sowohl physiologisch als auch mental. Lass Dich nicht beirren. Bleibe sichtbar. Ecken und Kanten bieten mehr Halt als Rundprofile. Es gibt viel zu wenig Abweichungspersönlichkeiten und Gelegenheitsrebellen. Aber sei wachsam und vermeide ideologisches Weltaufregertum und neurotische Individualanarchie. Das Wort „realitätsfern“ steht ab heute ganz oben auf der Liste möglicher Komplimente.

#13: Erkenne Basisbanalitäten als existenziell an. Verdreckte Schuhe oder eine unfreundliche Verkäuferin sollten uns nicht aus der Fassung bringen, wenn wir nach Gelassenheit streben und wichtige Ziele haben. Trotzdem machen sie das, manchmal. Das sollten wir zulassen, weil es uns Aufschluss darüber gibt, was uns wichtig ist. Bleibe offen dafür, grundlegende Nichtigkeiten nicht als Fliegenfurz anzusehen, sondern als schwerwiegendes Existenzproblem. Aber übe Dich darin, den Fliegenfurz auch wie einen Fliegenfurz zu behandeln, wenn es nötig ist.

#14: Praktiziere Gehirnfasten, aber hüte Dich vor dem Daunenhirn. Sei ein Muskel. Der kann auch nur seine Arbeit machen, wenn er genügend Entspannungsphasen hat. Dauerstrom ist unnatürlich. Hab keine Angst vor Stand-By oder Komplettabschaltung. Nimm Dir Zeit fürs Nichtstun, für mentale Enthaltsamkeit und Kopfaskese. Schätze die produktive Langeweile ohne schlechtes Gewissen. Aber sorge dafür, dass die Low-Interest-Phasen kein Dauerzustand werden. Vermeide Memory-Effekte und suche Dir neue Stimulanz, wenn der Akku wieder voll ist. Langfristige Interessenlosigkeit ist pathologisch. Mach es Dir nicht in Deinem Daunenhirn gemütlich.

#15: Vermeide leere Ekstase. Mache alle Dinge mit Leidenschaft, aber achte darauf, Dich nicht zu verrennen. Scheuklappen sind die beste Methode, das Reflektionsvermögen zu verlieren. Wer sich nur auf eine Sache konzentriert, kauft das Ticket in den Wahnsinn. Suche Erdung und Ablenkung. Gehe mehrere Wege und verfolge mehrere Ziele, das lockert das Herz. Risikostreuung ist das Stichwort. Das steht auch in jedem Vermögensratgeber, also muss es richtig sein. Gleiches gilt für Alkohol: nach jedem Gin Tonic immer brav ein Wasser trinken, sonst schlägt das Imperium knallhart zurück: Mit steigenden Promillewerten lagern wir in Villengärten und warten auf die nächste Feier, es geht noch krasser, geht noch higher.

#16: Pflege Dein Sehnsuchtszentrum. Deine Sehnsüchte können niemals gestillt werden. So wirst Du erzogen. Es ist keine Krankheit, sondern gewollt. Akzeptiere diesen Ort in Deinem Körper, an dem die Angst vor dem Verpassen oder Vermissen die Sehnsucht nach Neuem produziert und neue Maßstäbe setzt. Du kannst es nicht bekämpfen, nur kanalisieren. Übe Dich in der Steuerung Deines emotionalen Apparates. Oder besorge Dir eine Wunschmaschine.

#17: Umarme Deine Unglücksvorräte. Versuche, Deine Unglücksvorräte zu reduzieren, aber sei stolz auf das, was noch in der Kammer ist. Blicke mit Zuversicht auf das Arsenal, das dort auf den Erinnerungsspuren lagert. Und schmeiß endlich die Angst aus dem Fenster. Hör auf, unter Deinem Bett nach Gespenstern zu suchen und schau in den Spiegel, durch Deine Augen in Dich hinein. Siehst Du sie? Rede mit ihnen und vertragt euch endlich. Zu zweit könnt ihr mehr erreichen.

#18: Nutze Deine Hände. Lass Deine Hände nicht durch Tippen und Klicken verkümmern. Sie sind die Verbindung des Herzens zur Außenwelt.

#19: Halte Dich von Lebensratgebern fern. Sie sind Opium im Mantel des Weihwassers. Sie sind Disziplinierungsmechanismen, um Dich gefügig zu halten. Sie gaukeln Dir Hilfe vor und manipulieren Dein Sehnsuchtszentrum. Sie nehmen Dir den freien Willen. Sie zu befolgen ist Selbstverrat.

So. Regelheftchen fertig. Dann hätte ich das auch mal gemacht. Haken dran. Aber das sind jetzt 19 Punkte geworden. Neunzehn. Klingt irgendwie uncool. Aber was soll´s. Immer nur zehn ist langweilig. Viel zu selbstbeschränkend. Und die "19" ist eine selten gebrauchte Zahl in diesem Zusammenhang, der ich vielleicht dadurch zu ein bisschen mehr Popularität verhelfen kann. Wenn ihr noch weitere Punkte habt, nur her damit. Ich erkläre hiermit ausdrücklich meine Bereitschaft, das Ding auf 100 hochzuschrauben. Ob das dann noch jemand liest, ist eine andere Sache, aber 95 geht locker, das hat beim Cluetrain-Manifest ja auch geklappt. In diesem Sinne: Macht euch eure Regeln - oder befolgt vorhandene!

PS: Und jetzt das Ganze noch als Übersicht zum aufs Klo hängen.




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