01.08.2012

Niemals falsch.

(c) Mike Monteiro
Liebe Freunde produktiver Fehlentscheidungen.
"Durch Fehler wird man klug, darum ist einer nicht genug." Dieser Schenkelklopfer meines Vaters ist zu einem Lebensohrwurm geworden. Aber das Hintergrundsurren nehme ich in Kauf, denn es ist ein Satz, den ich immer mal wieder gebrauchen kann. Heute mehr denn je, denn ich habe das Gefühl, dass die kulturelle Akzeptanz von Fehlern gegen Null geht. Etwas falsch zu machen, wird in einer an Perfektion  ausgerichteten Welt zur Todsünde. "Menschliches Versagen" wäre ein schöner Titel für die Bibel der Menschmaschinen, die in ferner Zukunft die Weltherrschaft an sich gerissen haben werden. Perfektion ist das Mantra der Menschen, die versuchen den Maschinen nachzueifern. Und die Betonung liegt auf "versuchen", denn das ist ein Ziel, das nie erreicht werden kann.
Schön menschlich bleiben, wäre demnach das Motto der Stunde. Und einfach mal überlegen, ob Fehler wirklich so dramatisch sind, jetzt mal abgesehen von Fehlern mit durchaus tödlicher Konsequenz. Ich sage nur: Pilot. Oder Chirurg. Wir sind alle bestrebt, Fehler zu vermeiden. Das ist eine gut gemeinte Strategie, aber wie wir wissen: das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Fehler haben die Eigenschaft gegen den persönlichen Willen zu erscheinen. Meistens sind sie nicht willkommen. Fehler haben einen schweren Stand in unserem Leben. Ich mache mich mal auf, das zu ändern. Denn Fehler können sehr produktiv sein.
Manchmal neigen wir dazu, alles soweit durchzudenken, bis wir meinen, die perfekte Lösung gefunden zu haben. Aber die gibt es nicht, kann es niemals geben, weil die Welt sich jeden Tag ändert. Was gestern richtig war, ist morgen vielleicht falsch. Deswegen will sich auch keiner mehr so richtig auf langfristige Bindungen einlassen, obwohl alle das in ihrem Sehnsuchtskoffer haben. In unsicheren Zeiten ist nichts mehr gewiss. Wir müssen lernen, mit Gut-genug-Lösungen klarzukommen. Die Suche nach dem Perfekten (Partner, Wohnung, Auto, Kaffeemaschine, Hose, Versicherung) ist ein Kampf gegen Windmühlen. Also erst mal machen, auch wenn´s nicht ganz optimal ist. Dann später nachbessern. Keine Entscheidung ist immer noch die schlechteste Entscheidung. Und außerdem: was für den einen falsch ist, kann für die andere durchaus richtig sein. So gesehen ist es mit den Fehlern wie mit der Wahrheit. Die gibt es auch nicht letztgültig. Nur verschiedene, momenthafte Sichtweisen. Wo wir gerade bei Wahrheit sind, fällt mir ein Witz ein:  Treffen sich drei Sichtweisen. Sagt die erste: 'Ich bin die Wahrheit.' Darauf die zweite: 'Stimmt nicht!' Und die dritte: 'Schnauze ihr Egomanen.'
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Wir müssen den wahren Wert eines ordentlichen Fehlers, das produktive Potenzial "falschen" Handelns wieder zu schätzen lernen. In der Zeitschrift Economist wurde dies einmal als Kultur des "failing forward" beschrieben. In der Gründerszene ist dieses Leitmotiv schon längst angekommen. "Fail often, but fail early", heißt es da. Alternativ auch "fail fast." Da wird gerade die Agilität und die Fehlerklugheit vorgelebt, an der größere Unternehmen oftmals scheitern. Wer nichts falsch macht, wird immer nur alles so machen, wie es bisher gemacht wurde. Routine und Sicherheitsbestreben sind Defensivstrategien, um Fehler zu minimieren. Bloß nichts falsch machen lässt sich in diesem Kontext aber auch übersetzen mit: Nichts neues ausprobieren. Oder: auf der Stelle treten. Sicherlich sollte man zwischen produktiven und unproduktiven Fehlern unterscheiden. Das klingt zwar lapidar, ist aber nicht immer selbstverständlich. Mein Eindruck ist, dass die meisten Fehler heute aber generell als unproduktiv abgestempelt werden, obwohl sie produktiv und zukunftsweisend sind. Ein Anfang wäre gemacht, wenn man mal wieder offen über Fehler sprechen kann, ohne gleich einen Gesichtsverlust befürchten zu müssen. Einige Firmen machen schon "failure parties", bei denen nicht nur durch ständige Erfolgsmeldungen das Ego der Alphatiere gekrault und der interne Wettbewerb noch weiter angefeuert wird, sondern auch offen über Misserfolge gesprochen wird - um zu vermeiden, dass andere den gleichen Fehler wiederholen, um anderen die Möglichkeit zu geben, aus nicht selbst gemachten Fehlern zu lernen. Der Literaturnobelpreisträger und Oscar-Gewinner (!) George Bernard Shaw hat einmal gesagt: “Success does not consist in never making mistakes, but in never making the same one a second time.“ Es geht also nicht darum, keine Fehler zu machen, sondern die richtigen Fehler zu machen. Genauer gesagt: morgen bessere Fehler zu machen als heute.
Ach, wisst ihr was? Das war ein Fehler. Vergesst alles, was ihr gerade gelesen habt. Ich habe Schwachsinn erzählt. Wenn ich mal mein Leben so betrachte, muss ich feststellen: ich habe nie Dinge falsch gemacht, mache nie Dinge falsch und werde nie Dinge falsch machen. Weil ich die hervorragende Eigenschaft besitze, meine Wahrnehmung dem hochdynamischen Mäandern der Dinge anzupassen. Im Nachhinein ist IMMER alles richtig. IMMER. In diesem Sinne. Macht´s gut, werdet besser!
Und weil ihr so brav bis hierhin ausgehalten habt, gibt es zum Abschluss noch ein ganz geheimes Erfolgsrezept. Wer das beherzigt, kann sich jede Fee oder jedes Wunschpunkte-Sams sparen. In echt.
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