09.08.2012

Basislage (I)

Liebe Freunde schwarmintelligenter Fortsetzungsgeschichten.
Ich habe da mal eine Frage. Vielleicht könnt ihr mir helfen? Wenn ich diese Geschichte hier unten lese, also besser gesagt diesen Anfang, diese Mitte oder dieses Ende einer Geschichte, dann weiß ich einfach nicht, was da passiert ist. Ich kann mir keinen Reim drauf machen. Habt ihr eine Idee, was da geschehen sein könnte? Ich bin für jeden Hinweis dankbar.
...

Ein Rauschen. Das ist das erste, was ich höre. Noch bevor ich die Augen aufmache. Das Rascheln im Wind gegeneinander schlagender Blätter. Dann kommt der Schmerz. Er drückt mich zu Boden. Neben dem Blätterrauschen ein zweiter Ton, kaum vom ersten zu unterscheiden. Etwas gedämpfter. Fast wie am Meer, denke ich und spüre den warmen Sand unter mir, das Wasser, das meine Füße umspült. Für einen Moment fühle ich mich wohl. Ich spüre die Vibration der Äderchen in meinen Schläfen. Blut pocht, rauscht an meiner Ohrmuschel vorbei. Wenigstens lebe ich noch. Der warme Sand verschwindet, die Feuchtigkeit bleibt. Es riecht nach Erde, nach Moos und Morast. Und nach Urin. Über mir ziehen ein paar Haufenwolken mit schimmernden Kuppeln durch den Himmel, treiben als bizarre Gebilde durch die Luft.
Dazwischen das Grün der Blätter. Ein Tropfen rollt über meine Stirn und verkantet sich in den Lidern, dringt nach innen. Ich suche meine Hand, damit die Finger das Salz aus den Augen reiben können. Finde sie nicht. Spüre sie nicht. Suche erfolglos nach den anderen Gliedmaßen. Keine Regung. Da ist nur der Kopf. Aber der lässt sich nicht bewegen. Mit langsamen Drehungen der Pupillen suche ich die Umgebung ab. Das Salz brennt, trübt den Blick. Alles grau, mal dunkler, mal heller, mal dicker, mal dünner. Grau. Zwischen den Steinen schwarze Schatten, hin und wieder etwas Grün, das Braun der Baumstämme. Einiges Kleingetier macht das Stillleben lebendig. Langsam, ganz langsam spült das Blut den Ernst der Lage durch den Körper, begleitet von einer Welle der Unsicherheit, ob wirklich jedes Körperteil noch an seinem Platz ist. Meine Hose klebt nass an den Oberschenkeln. Durch einen Spalt zwischen drei Felsbrocken sehe ich einen kleinen weißen Fleck, der sich bewegt, auf mich zukommt, größer wird. Mein Nacken tut weh. Ich richte die Pupillen wieder geradeaus, nach oben, auf die windig-weißen Geister; ein Drache ohne Flügel, ein Adler mit aufgerissenem Schnabel, ein Schildkrötenelefant. Ungreifbar fliegen sie vorbei, verändern ihre Form, angestrahlt von der nicht sichtbaren Sonne. Vögel zwitschern. Blätter rascheln. Mein Blut pocht. Der Himmel blau wie die Hoffnung. Ich höre Schritte, dumpf und knirschend. Ein Schatten legt sich über mein Gesicht.
„Endlich, Mann.“ Pauls Haare hängen herunter, sein Gesicht nur ein dunkles Loch. In seiner Stimme liegen Hektik und Entsetzen. Sein T-Shirt ist gar nicht so weiß, wie es von weitem aussah, eher grau, verschwitzt und dreckig. Aber in dieser Umgebung blendet es trotzdem. Er kniet sich nieder, wischt sich die schwarzen Haare aus der Stirn, klemmt sie hinters Ohr. Wenn ich nur halb so schlimm aussehe wie es sein Gesichtsausdruck vermuten lässt, ist die Lage ziemlich beschissen. Seine Arme sind zerkratzt, ein paar blutige Striemen. „Gut, dass du wach bist, Alter“, sagt Paul. Mehr sagt er nicht. Er streicht mir mit der Hand über den Kopf, zittrig. Was ist passiert, will ich ihn fragen. Meine Lippen sind trocken, kleben aneinander. Ich versuche zu sprechen, aber es kommt nur heiße Luft. Der Atem will Stimme werden und kann nicht. Paul schaut sich um, reibt sich mit beiden Händen durchs Gesicht, sieht mich an. Seine Augen sind rot, verheult. Ich spüre einen großen Druck auf meiner Brust. Den kannte ich bisher nur von innen. Der ist immer da, wenn Anja in meiner Nähe ist und ich kein Wort rausbekomme. Oder wenn ich vor versammelter Klasse wegen irgendeiner Belanglosigkeit runtergeputzt werde. Meistens von Frau Lange, Physik und Mathe. Naturwissenschaften sind nicht so meins. Aber dieser Druck ist neu, der kommt von außen, von etwas Schwerem. Ich versuche an mir herunter zu schauen, mein Blick bleibt an einem Felsbrocken hängen, der sich mit einem anderen verkeilt hat. Und beide liegen zur Hälfte auf meiner Brust. Meine Beine sehe ich nicht mehr. Pauls Anblick macht mir Angst. Ich werde kurzatmiger. Hol Hilfe, will ich ihm sagen, nimm die Dinger weg, mach irgendwas. Ich kann nicht. In meinem Kopf schreie ich ihn an, aber ich liege nur da und kann mich nicht bewegen, nicht sprechen. Paul steht neben mir, rauft sich die Haare, reibt seine Hände immer wieder im Gesicht herum, blickt um sich wie jemand, dem gerade sein kleines Kind weggelaufen ist. So hat die Frau neulich auch geguckt, auf dem Spielplatz, als wir in den Büschen saßen und rauchten und sie wild umherlief und ständig „Leonard“ brüllte. Dieses glückliche Gesicht, aus dem die Angst weicht und in Erleichterung übergeht, als sie ihn friedlich spielend in einem kleinen Holzhäuschen fand, würde ich mir jetzt auch von Paul wünschen. Es kam nicht. Sein Gesicht blieb ein unruhiger Krater. Ich liege ruhig da. Langsam wird mir kalt. Mach was, denke ich, hör auf zu jammern und mach was.
Ein strahlend weißer Pudel mit ausgefranstem Schwanz fliegt vorüber, verschwindet rechts aus dem Blickfeld. Dann ist für einen Moment keine einzige Wolke am Himmel, die Baumwipfel wedeln vor makellosem Blau. Eine große Ruhe gießt sich über mich. Ich schließe die Augen. „Bleib wach, Flint“, schreit Paul, „bleib jetzt bloß wach, die müssen jeden Moment hier sein.“ Ich spüre seine Hand an meiner Schulter rütteln. Eigentlich sollten wir schon längst am Meer sein. Eigentlich sollte ich mit Anja am Strand sitzen, den Wellen zuhören, sehen, wie der Wind durch ihr Haar fegt. Wer weiß, ob ich sie jemals wiedersehe, wenn sie im Herbst für ein Jahr nach Los Angeles geht. Und danach? Vielleicht war das meine letzte Chance, in diesen letzten Ferien. Eigentlich sollte ich mir darüber Gedanken machen, wie ich näher an sie heran rücken kann. Ich sollte ein Kribbeln im Bauch haben, während die Sonne unsere Haut streichelt. Stattdessen liege ich mit vollgepinkelter Hose unter einem Steinhaufen mitten im Wald und kriege kaum noch Luft. Von Ferne höre ich ein leises „Hallo“, wahrscheinlich sehr laut gerufen. Paul lässt meine Schulter los und springt auf. „Hier, hier sind wir“, schreit er. Einmal noch bekomme ich die Augen für einen Moment auf, sehe Menschen in orangenen Jacken den Hang herunter laufen. Hölzer knacken unter ihren schweren Schuhen. Das Klackern einiger Steine ist das letzte, das ich wahrnehme, bevor ich wieder das Bewusstsein verliere.

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