04.07.2012

Newism in der Expectation Economy

(c) trendwatching.com
Liebe Freunde anglizistischer K(n)ackbegriffe.
Ja. Ich gestehe. Ich arbeite selbst im Dunstkreis dieser Branche. Und um das vorweg zu schicken: Auch ich benutze selten, aber immerhin, solche absurden Neologismen wie "Kidults" (Kofferwort aus Kids + Adults = Kinder, die immer schneller erwachsen werden müssen bzw. Erwachsene, die mit 30 noch Kind sein wollen). Wie ihr an diesem Beispiel seht: Manchmal dauert es zwei Zeilen, um etwas zu sagen, wofür es ein Wort gibt. "Crowdsourcing" ist auch so ein schönes, knackiges Kofferwort. Oder "Simplexity". Der Trendforschung wird ja häufig vorgeworfen, sie werfe mit lässigen Begriffen nur so um sich, mit Worthülsen, in denen nur harmlose Platzpatronen stecken. Ich habe dann immer gesagt, dass es mir nicht um den Begriff als solchen geht. Der verdichtet nur in einem Wort eine Entwicklung und ist damit nur ein hübsches Dekor-Schleifchen.
Viel wichtiger und interessanter ist die Mechanik dahinter, den Zustand und die Entwicklungen, die mit diesem Begriff bezeichnet werden. Nämlich - alle mal kurz Luft holen - den gesellschaftlichen, kulturellen, technologischen oder ökonomischen Wandel. Aber bevor ich das ausformuliert hatte, hatte sich das Auditorium oft schon gähnend und mit leuchtenden Augen in ihre handflächengroßen Retina-Displays gestürzt und tat so, als wäre es ganz weit weg.
Wie auch immer. Die niederländischen Freunde von Trendwatching beglücken uns monatlich mit einem  Artikel, in dem sie die neuesten Konsumentenentwicklungen vorstellen. Sie nennen das Trend-Briefing. Woah. Klingt wichtig, so "do not miss"-mäßig. Monatlich! Seit einiger Zeit gibt es diesen Service auch in deutscher Sprache - und erst dann fällt einem so richtig auf, mit wie vielen (englischen) Kunstwörtern die eigentlich um sich schmeißen. Gestern morgen bekam ich den Newsletter, der mich auf die Juli-Ausgabe aufmerksam machen sollte. Mehr als die Überschrift habe ich nicht geschafft. "Newism - Warum Konsumenten, die in der Expectation Economy aufgewachsen sind, immer das Beste vom Besten erwarten". Und sie erklären dieses Phänomen mit anderen Phänomenen, die mit Begriffen wie "Status Stream" oder "Trysuming" beschrieben werden. Mir wurde schummerig ums Gemüt, liebe Freunde. Ehrlich. Worum es da geht? Geschenkt. Schaut selbst nach, wenn´s Euch interessiert.
Nur, um potenziellen Missverständnissen vorzubeugen: Ich mag die englische Sprache und würde nie auf die Idee kommen, Klappcomputer, Elektropost oder Prallkissen zu sagen, wie es der komische Verein Deutscher Sprache vorschlägt. Ich bin kein Sprachpurist und glaube daran, dass Sprache ein lebender Organismus ist, der sich weiterentwickelt. Aber irgendwann ist auch gut mit den Übertreibungen, sowohl in die eine als auch in die andere Richtung. Irgendwie war Frankenstein ja auch ein lebender Organismus.
Ein griechisches Sprichwort sagt: "Da schimpfte der Esel den Pfau einen Idioten." Man könnte auch sagen: Im Glashaus sitzen und mit Steinen werfen ist nicht sooo eine gute Idee. Ich weiß, liebe Freunde. Aber wisst Ihr, dass ich gar keinen Stuhl mehr im Glashaus habe? Ich stehe gerade draußen und gucke drauf, immer noch daran interessiert, was da so wächst und gedeiht und entsprechend daran interessiert, dass das Glas unversehrt bleibt. Aber während ich durchaus an Zukunftsthemen nicht uninteressiert bin, bin ich eigentlich  auf dem Weg nach woanders. Dort soll es schön sein. Und von "schön" will ich mehr. MORE-ISM ist das Stichwort. In diesem Sinne: Bis bald, liebe Expectation Elite.

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