24.07.2012

Krisen, geschüttelt.

(c) robinsoncaruso via flickr
Liebe Freunde routinierter Krisenbewältigung.
Die Tage werden kürzer. Bald stolpern wir wieder in den Herbst. Zeit, mal über Krisen zu sprechen. Und damit meine ich nicht die durch die dunkle Jahreszeit motivierte Schieflage der Seele, erwartet daher bitte kein Depri-Säuseln. Ich meine die Krisen, die in den so genannten Massenmedien seit Jahren die Tagesneuigkeiten dominieren. Die Art von Krisen, die von 20 Uhr bis 20.14 Uhr eine durchschnittliche Tagesschau mit Inhalten füllt. Wirtschaftskrise, Finanzkrise, Eurokrise, Staatsschuldenkrise, Klimakrise und so weiter. Das sind so ein paar überindividuelle Meta-Krisen. Dann gibt es noch viele kleinere Kriselchen, nicht minder gefährlich, aber nur temporär medienpräsent, kleine Wunderkerzen in der Krisenwelt. So wie im letzten Jahr EHEC und Fukushima. Erinnert sich noch jemand? Und es gibt die persönlichen Krisen: Beziehungskrisen, Identitätskrisen, Sinnkrisen, Jobkrisen, Motivationskrisen.
Ich finde die jeweiligen Krisen eigentlich gar nicht so spannend. Viel interessanter finde ich, sich mal damit zu beschäftigen, was Krisen eigentlich sind, wofür sie da sind, wie wir damit umgehen und vor allem: warum es in letzter Zeit so viele gibt? Ganz im Sinne des Medienwissenschaftlers Marshall McLuhan, der einmal gesagt hat: "Nicht, dass ich etwas gegen aktuelle Ereignisse hätte, aber in letzter Zeit hat es so viele davon gegeben."
Genau das ist der Punkt: Es gibt so viele Krisen, dass die Normalität verschwindet. Oder andersherum: Dauerkrisen sind die neue Normalität. Das Wort Krise kann als Begriff nur bestehen, wenn es einen Normalzustand gibt, der sich von einem Krisenzustand absetzt. Aber den gibt es nicht mehr. Laut Schwarmwörterbuch versteht man unter Krise eine "mit einem Wendepunkt verknüpfte Entscheidungssituation". Krisen sind Brüche, von Routinen, Normen was auch immer. Disruptive Ereignisse, die uns zwingen, unser bisheriges Handeln zu überdenken und neu auszurichten. In Krisenzeiten wird das Bisherige infrage gestellt und neu verhandelt. Krisen sind die Zeit der gesellschaftlichen (oder persönlichen) Strukturbrüche.
Was aber, wenn es keine Strukturen mehr gibt? Wenn alles multioptional-pluralistisch möglich ist? Und nichts unmöglich? Wenn sich die Welt so schnell dreht, dass sie morgen mit der Struktur von heute nicht mehr funktioniert? Wenn es kein "Sein" mehr gibt, sondern nur ein "Werden"? Wenn Strukturen zu Prozessen werden? Wenn nichts mehr gewiss und kaum noch etwas langfristig planbar ist? Wenn alles, von dem wir glaubten, dass es Bestand haben könnte, jederzeit den Bach runter gehen kann? Dann haben wir eine Dauerkrise. (Ganz nebenbei und unter uns: Es gibt viel zu viele Leute, für die die Dauerkrise der anderen der persönliche Normalzustand ist, ich sage nur: Finanzdienstleistungen.)
Das sogenannte Selbstmanagement, von dem bevorzugt vor allem diejenigen reden, die gerne andere managen, dieses ganze ökonomisch motivierte Gedudel von Eigenverantwortung, Flexibilisierung und Selbstoptimierung ist nichts anderes als eine Verherrlichung permanenter Krisenbewältigung. Resilienz ist das Stichwort: Widerstandsfähigkeit. Die Eigenschaft, an den Härten des Lebens zu wachsen anstatt zu zerbrechen. Das ist gut und schön. Aber es ist Ideologie! Beziehungsweise kulturelle Hegemonie. Ein Muskel kann auch nur im Zusammenspiel von Kontraktion und Entspannung gestärkt werden. Nur Entspannung macht labberig, schon klar, aber nur Kontraktion führt auch nicht zur Muskelstärkung. Im Gegenteil. Wer also Wachstum fordert, darf nicht nur Anspannung fordern, sondern muss logischerweise auch Entspannung mit denken. Macht aber keiner. Weil es fortschrittsfeindlich ist. In Dauerkrisen ist Entspannung tödlich. Das ist leider Konsens, obwohl wir alle darunter leiden.
Das ist jetzt mal ein Problem. Und wie kommen wir da raus? Ich habe keine Ahnung, nur ein Gefühl. Einmal tief einatmen, Yin und Yang auf unsere Schultern setzen und uns beim Ausatmen der fernöstlichen Doppelbedeutung des Wortes "Krise" bewusst werden. Soweit ich aus gut informierten Sekundärquellen weiß, besteht das Wort im Chinesischen aus zwei Zeichen, eines bedeutet Gefahr und das andere bedeutet Möglichkeit. Das ist doch mal ein Anfang.
Was heißt das für uns? Krise als Chance? Das sagt sich so leicht. Und klingt ein bisschen zynisch. Anderer Vorschlag. Wenn alle von Selbstoptimierung und Selbstmanagement sprechen, antworten wir einfach mit: Selbstnormalisierung. Wenn um uns herum alles bricht und das nicht Normale zum Normalzustand wird, dann müssen wir uns selbst normalisieren. Wir müssen uns mit der Übergangsgegenwart abfinden. Wir müssen die Unruhe des Alltags anhalten. Und aushalten. Fällt uns nicht leicht, wir sind begehrende Subjekte, wollen dieses und jenes und meistens das, was wir gerade nicht haben. Wir sind neugierig, streben nach mehr. Unruhe wohnt in uns. Wir sind eine einzige, fleischgewordene Dauerkrise, und das meine ich gar nicht blöd. Ich will jetzt nicht so weit gehen und behaupten, dass die akute Kacklage dieser Welt ein Resultat der menschlichen Natur ist. Wartet mal kurz. Doch, das will ich. Genau das will ich. Der fortwährende Expansionsdrang treibt die Menschen seit jeher in den Ruin, und je länger ich darüber nicht nachdenke, umso mehr kommt das Gefühl zu mir, dass wir aus der Nummer nicht wirklich rauskommen.
Ich habe gerade Watchmen gelesen. Und bin immer noch zutiefst beeindruckt. Zum Beispiel von dem großen moralischen Dilemma, das einen der Helden heimsucht, der im Angesicht eines drohenden atomaren Weltkrieges die Entscheidung trifft, "nur" halb New York zu vernichten, um durch diese Katastrophe Amis und Russen wieder zu vereinen und damit die Menschheit zu retten. Gut, es entspricht nicht gerade meinem Lifestyle im schnittigen Kostümchen die Welt zu retten. Ich bin ja eher so ein kleiner, klugscheißender Betrifftmichnicht-Wicht, der das Toben der Welt sofasozialistisch betrachtet und nur hofft, dass es im eigenen Innersten zu keinem Aufruhr kommt. Der Lyriker Friedrich Hölderlin hat das noch viel schöner formuliert: "Was kümmert mich der Schiffbruch der Welt, ich weiß von nichts als meiner seligen Insel." In diesem Sinne: Sail away! Die nächste Krise ist nur einen Windstoß entfernt. Wir sprechen uns noch.

1 Kommentar:

  1. Schöner Artikel. Zum Punkt "einfach mal Entspannen" hat der gute alte Bukowski einen guten Tipp: www.youtube.com/watch?v=dNzzHjfNUE4
    Man sollte die Krise einfach ab und an mal für ein paar Tage, zusammen mit ein paar Bierchen, ins Bett legen.
    Zu Watchmen - lese ich zufällig auch gerade. Aber der Spoiler war gerade noch erträglich ;-)

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