11.07.2012

Busy being busy being

Liebe Freunde geschäftiger Rastlosigkeit.
Habt ihr ein paar Minuten? Nein? Schade. Andererseits seid ihr damit ganz weit vorne. Keine Zeit zu haben, gehört heute ja bekanntlich zum guten Ton. Wer keine Zeit hat, macht sich wertvoll. Wer immer sofort parat steht, macht sich suspekt: Hat der Typ nichts besseres zu tun? Keine Zeit haben war lange Zeit die Rolex der Postmoderne. Aber die Zeiten ändern sich, oder nicht? Wie sagt mein guter Freund Jörg immer so schön: "Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich." Recht so. Alles eine Frage der Priorisierung. Von ihm habe ich auch den Satz: "Zeit verliert man am Anfang". Das ist genauso richtig, aber hier gerade nicht relevant. Also weiter im Text, ihr Zeitknappen. Schultert die paar Minuten und lasst euch die Zeit nehmen. Lauft ihr halt nachher etwas schneller, um die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Oder ihr bleibt ganz stehen und fragt euch: Warum laufe ich eigentlich? Und wohin? Dieser Dauertrubel, dieses Trommelfeuer an Terminen, dieser ständige Drang dieses noch zu tun, und jenes nicht zu vergessen. Wohin führt das? Mein Vorschlag: Selbstverlust (sofern man jemals ein Selbst besessen hat). Genau wie Eltern-Sein nicht nur große Glücksmomente verspricht, sondern sehr häufig auch zur Einsicht führt, Kinder seien der direkteste Weg zur Selbstaufgabe. Aber auch das ist ein anderes Thema.
Tim Kreider von der New York Times hat in einem sehr lesens- und empfehlenswerten Artikel folgenden Satz geschrieben: "Our frantic days are really just a hedge against emptiness." Wer viel zu tun hat, muss sich nicht mit sich selbst beschäftigen. Muss sich nicht rechtfertigen fürs sanktionierbare Nichtstun. Muss sich nicht mit Sinnfragen aufhalten. Keine Zeit zu haben ist der beste Schutz vor Selbstreflektion. Und das uns, den aufgeklärt-kritischen Bewohnern einer transparenten, wissensintensiven Welt.
Denkt ihr auch an manchen Tagen, 24 Stunden seien nicht genug? Unsinn. 24 Stunden sind ziemlich lang. Da kann man eine Menge machen. Trotzdem haben wir Probleme. Zeitprobleme. Und kaufen uns Bücher über Zeitmanagement, um unsere knappe Zeit mit der Lektüre von Effizienzliteratur zu verplempern. Je mehr zeitsparende Technologien es gibt, umso mehr steht der Mensch unter Zeitdruck. Absurd, aber wahr. Mit der Einführung der Computertechnologie ging ein Freudenschrei durch die elektrifizierte Menschheit, weil alle dachten, dass die Arbeit eines Tages jetzt in einer Stunde erledigt werden könnte. So ein Denken funktioniert aber nicht in einer Welt mit Wachstumsfetisch. Da heißt es eher: Super, jetzt können wir die Arbeit von acht Tagen in einem erledigen. Mit Luft nach oben. Produktivitätssteigerung deluxe. Im Job wie im Privaten.
Wir haben immer mehr Möglichkeiten der Lebensführung. Die Auswahl steigt, aber das Zeitbudget bleibt konstant. Der Time Expander ist noch nicht erfunden, das Temporary Cloning Device ist noch nicht mal als Prototyp gebaut. Eines meiner Lieblingswörter in diesem Zusammenhang ist der Begriff "Wohlfühleffizienz". Weil er zwei Dimensionen hat. Zum einen der Wunsch, sich wohlzufühlen, zu entspannen, um wieder leistungsfähig und effizient zu werden. Zum anderen der Drang, sich schnell zu entspannen und möglichst fix wieder fit zu werden. Einmal Entspannung bitte, aber ein bisschen plötzlich, ich habe noch Termine. Speed Wellness ist das Stichwort. Oder Power Napping. Denn wir wissen: Stillstand ist Rückschritt und wer stehen bleibt, wird überholt. Also Boxenstops minimieren und immer schön auf Strecke bleiben. Aber wohin geht eigentlich die Reise? Wer mit Tempo 240 über die Autobahn brettert hat verständlicherweise Probleme damit, die Verkehrsschilder zu lesen, weil er einfach nur mit dem Fahren beschäftigt ist, damit, die Kontrolle nicht zu verlieren. Kontrollverlust führt in diesem Bild mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zum Tod. Also jetzt mal ganz ruhig und die nächste Ausfahrt runter. Parkplatz. Einmal durchatmen. Seinen Fahrstil hinterfragen. Für dieses temporeiche, zehrende Leben hat der gute Goethe schon vor mehr als 200 Jahren das hübsche Wort "veloziferisch" erfunden. "Velocitas" (Eile) plus "Luzifer" (Teufel). 
Zeit ist knapp. Also steigt die Sehnsucht, Zeit zu haben. Downshifting. Reden wir alle von. Aber machen wir es? Wir lamentieren und fühlen uns gezwungen. Wir gehen mit. Immer ungeduldiger. Wir entfernen uns immer weiter von dem, was wir für richtig halten. Aber wir gehen mit. Auf direktem Weg in den Kollaps, im Kleinen wie im Großen. Wir sehen Zeit heutzutage überwiegend als Ressource, als ökonomischen Faktor. Zeit ist Geld. Bloß keine Zeit verschwenden. Es geht darum, in möglichst wenig Zeit möglichst viel zu erreichen. Das beschleunigt uns. Wir leiden. Unter Zeitdruck. Unter Zeitmangel. Und wir lösen diesen Mangel damit, dass wir selbst schneller laufen, die Maschine höher drehen. Anstatt ein angemessenes Tempo beizubehalten und unsere Anforderungen runterzuschrauben. Denn dass wir abbremsen, ist nicht vorgesehen. Wer bremst, verliert. Zeit zu verschwenden, ja gar: unproduktiv zu sein, ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine offene Attacke auf den Grundkonsens unserer Wirtschaftsordnung, eine Kampfansage an Wachstum und Produktivität. Müßiggang und Langeweile, Nichtstun und zielloses Verweilen sind nicht akzeptierte Antitugenden. Lieber schön straight forward, auch wenn der Preis dafür hoch ist. Die Statusangst wird zum Statusstress.
Warum reden seit ein paar Jahren alle über Burnout? Weil sich die Welt mittlerweile so schnell dreht, dass uns ganz schwindelig wird. Weil diese Diagnose die sozial akzeptierte Form der Depression ist. Einen Burnout kann nur jemand haben, der vorher gebrannt hat, der einen aktiven Beitrag zur Wirtschaftskraft unseres Landes geleistet hat. Die Diagnose Burnout muss man sich erst verdienen. Burnout ist der Ritterschlag der Leistungsgesellschaft. Wenn jemand "nur" depressiv wäre, ja mein Gott, dann wäre er halt nur ein lebensunfähiger, nichtkompetitiver, in Selbstmitleid badender Haufen Elend, der an sich und der Welt verzweifelt. "Nur" depressiv sind nur Verlierer und Gescheiterte, unwichtige Randexistenzen. Aber Burnout!? Respekt. Jetzt musst du dich aber echt erst mal erholen.
Es ist Zeit für einen gewagten Tritt auf die Bremse. Zeit für Unzeitgemäßes. Der Medienprofessor Norbert Bolz hat einmal gesagt: "Ich vermute, daß der klassische Brief eine große Zukunft hat - als Zeitluxusartikel. Es wird sich ein Kult des Unzeitgemäßen entwickeln: man schreibt mit der Hand und achtet auf Form und Komposition. Denn gerade hier ist das Medium die Botschaft. Die eigentliche Botschaft eines handgeschriebenen Briefs lautet heute: Ich nehm' mir so viel Zeit für Dich... Mit anderen Worten, jeder Brief ist ein Liebesbrief."
Ich glaube zwar nicht daran, dass es so etwas wie Selbstverwirklichung gibt - denn das setzt ein Selbst voraus, das es nur zu finden gilt. Anstatt an das "Sein" glaube ich an das "Werden". Aber ich glaube auch, dass man bei zu viel "Busyness" - egal ob im Business oder in der Freizeit - zunehmend verliert: sich selbst und den Kontakt zu anderen. In diesem Sinne, liebe Freunde, steht auf gegen die Diktatur der Zeitlosigkeit, bleibt bei euch und beherzigt folgenden Ratschlag, und zwar kompromisslos und ohne schlechtes Gewissen: Nehmt euch Zeit. Lasst euch Zeit. Lasst euch Zeit nehmen.

1 Kommentar:

  1. Also ich halte mich in der Frage an den Satz meines Großvaters: Spare mit der Not, dann hast du Zeit.

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