25.06.2012

Übertrieben unterirdisch

Liebe Freunde des differenzierten Drüber und Drunter.
Manche Menschen meinen, Grau sei keine Farbe, sondern die fehlende Unterscheidbarkeit zwischen Schwarz und Weiß. Darauf habe ich jetzt keine andere Antwort als eine Äußerung des mir nicht bekannten Dichters Friedrich von Logau, dem folgender Satz zugeschrieben wird: "In Gefahr und größter Not, bringt der Mittelweg den Tod." Das mag sicherlich häufig zutreffen, aber ich möchte dagegen halten: DEN Mittelweg gibt es nicht - also jetzt bildlich gesprochen, denn als Straße gibt es ihn in einigen deutschen Städten, ohne dass dies meines Wissens mit höherer Sterblichkeitsrate verbunden wäre. Aber jetzt mal im übertragenen Sinne: Es gibt nicht nur einen Mittelweg, liebe Freunde. Es gibt ja immerhin auch verschiedene Grautöne. Steingrau, anthrazit, lichtgrau, eisgrau, schiefergrau, taubengrau. Muss ich noch mehr sagen? Grautöne sind das Farbspektrum der Extremlosen. Punkt.
Und überhaupt: Was heißt eigentlich Mittelweg? Neutralität? Langeweile? Routine? Vermeidung von Extremen? Was sind denn heute noch Extreme? Das Leben in Extremformaten ist doch zur Pflicht geworden, sonst gilt man als nicht ganz bei Trost. Oder anders: Wer nicht verrückt ist, ist nicht normal. Auch das bitte einmal hinterfragen, bevor ein leuchtendes Mausgrau ungeliebt gebasht wird.
Ich verstehe ohnehin nicht, wieso das Grau als trübsinniger und im Höchstfall gleichgültiger Langweiler oder ängstlicher Zwängler ohne Rückgrat gehandelt wird. Völlig daneben. Aber grau ist ja bekanntlich alle Theorie. Der französische Maler Paul Cézanne hat einmal gesagt: "Solange man kein Grau gemalt hat, ist man kein Maler." Ganz richtig. Allerdings befürchte ich, dass man sich so einen Status erst hart erarbeiten muss. Genauso wie nur derjenige "entschleunigen" kann, der vorher Vollspeed über die Performance Street gebrettert und mit einem Knall an der Burnout-Wand zum temporären Stillstand gekommen ist. Wer nur entschleunigt, ohne vorher kräftig aufs Gas getreten zu haben, ist einfach nur ein fauler Schlunz. Ein komplett weißes Bild als Kunst in den Kulturraum zu werfen kann sich auch nur erlauben, wer sich vorher schon durch ein paar schicke Zeichnungen den Respekt der Community erarbeitet hat. Also: Lücken muss man sich verdienen. Ebenso das Grau. Was ist schon ein Knallrot, ein Maigrün, ein Signalgelb, ein Lapislazuliblau gegen die stille Subversivität eines unscheinbaren Grau? Grau ist kein Mangelzustand, sondern die Demonstration definitiver Deutungshoheit. Grau ist nicht Ausdruck von Müdigkeit, sondern ein Zustand hochsensibler Wachheit und geistiger Vitalität ("graue Zellen"?) Grau ist die Knautschzone der Hyperaktiven. Grau ist der Extremismus der Mitte. Grau ist Chaos und Nichtunterscheidbarkeit. Unauffälligkeit ist der neue Individualismus, Zurückhaltung die neue Aggression. Wegen mir lasst Braun das neue Schwarz sein, völlig uninteressant. Grau ist das neue Grauen! Und weil Grau so schön rockt, hier eine fast zusammenhangslose Ode an die Zwischentöne:

Überlegen und unterstellen. (Wenn alle Farben ziellos bellen.)
Übergehen und unterlaufen. (Sitzt das Grau im Steinehaufen.)
Übergeben und unternehmen. (Beobachtet mit leisem Gähnen.)
Überziehen und unterdrücken. (Die bunt tanzenden Krücken.)
 
Überstehen und untergehen. (Es verspürt beim Umhersehen.)
Über-Ich und unterbewusst. (Eine solitäre Gruppenlust.)
Überfliegen und untertauchen. (Ich könnt´ jetzt mal ein Grün gebrauchen.)
Überhitzt und unterkühlt. (Und Rot, damit das Grün was fühlt.)
 
Überwerfen und unterschlagen. (Och nö, fangen die Farben an zu klagen.)
Überhören und unterschreiben. (Das woll´n wir jetzt nicht übertreiben.)
Übermalen und unterstreichen. (Bleib du doch mal bei deinesgleichen.)
Überzeichnen und untertreiben. (Wir wollen lieber quietschbunt bleiben.)
 
Überdrehen und unterrühren. (Grau fragt sich, wohin soll all das führen?)
Überfall und Unterstand. (Und bleibt allein im Niemandsland.)


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