28.06.2012

Amorgeddon

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Liebe Freunde romantischer Desillusionierung.
Wer glaubt, der Liebesgott sei ein kleines, pausbäckiges Bengelchen mit Flügeln, das fleißig und selbstlos seine romantischen Pfeilchen verschießt und Glück, Zuneigung und Leidenschaft über die Menschen bringt - vergesst das! Das ist ein Mythos. Na gut, Mythen sind Erzählungen, in denen Menschen ihr Welt- und Selbstverständnis zum Ausdruck bringen. Sie sind Geschichten, die uns eine Erklärung anbieten, wie die Welt funktioniert. Und ja, je aufgeklärter die Menschen sich wähnen, umso entmystifizierter wird die Welt. Und umso wichtiger werden wiederum Mythen, weil sie die Welt überschaubar machen. Was heißt das praktisch? Entweder man akzeptiert diese Welterklärungsmodelle, macht es sich in seinem Daunengehirn gemütlich und gibt sich einer mentalen Fußreflexzonenmassage hin, oder man kommt mit Dante, Kapitel 14 "Neues Leben", und kontert: "Mein Fuß hat an derjenigen Stelle des Lebens gestanden, über die hinaus keiner zu gehen vermag, ohne daß er die Absicht, zurückzukehren, aufgebe." Soll heißen: Einmal entmystifiziert, immer am Arsch des Hinterfragens. Ständig getrieben, immer uneinsichtig.
Omnia vincit Amor. Die Liebe besiegt alles. Wobei wir besiegen hier wörtlich nehmen müssen. Eine gewisse Boshaftigkeit wurde dem vermeintlich guten Amor ja schon länger unterstellt, aber, wie so oft: Die Wahrheit ist viel schrecklicher. Amor ist ein fieser, ungepflegter Sack mit bösen Absichten, umgeben von seinen Mätressen-Amoretten, mit denen er sich die Kampfpausen zu versüßen gedenkt. Ein Gefangener seiner Selbst, des gottlosen Systems, in dem er tätig ist, ein Handlanger der Aufmerksamkeitsgesellschaft. Was macht der Typ mit Pfeil und Bogen? Er schießt. Wer Waffen hat, nutzt sie nicht, um Frieden zu schaffen. In meinem Verständnis geht das gegen die Genfer Konvention. Ein klarer Völkerrechtsverstoß, jemandem einfach so einen Pfeil ins Herz zu knallen, der gar nicht an den Kampfhandlungen teilnimmt. Und jetzt kommt mir nicht mit dem Spruch: Wir sind doch alle Soldaten der Liebe. Unfug. Es heißt, Amor raube den Menschen den Verstand. Entschuldigung? Das ist nicht nur Diebstahl im Sinne des §242 StGB. Das ist auch ein Rückfall in vor-aufklärerische Zeiten. Amor ist der Atavismus einer Gesellschaft, die an nichts mehr glaubt. Ein Relikt. Warum bitte sollten die Menschen an die Liebe glauben? Genau: Weil es sie immer seltener gibt.
In dem schönen Buch von Sven Hillenkamp, "Das Ende der Liebe - Gefühle in Zeiten unendlicher Freiheiten", lässt sich das nachlesen. Und nachvollziehen. Seine These: Die Liebe hat zwei große Feinde. Den Zwang und die Freiheit. Das mit dem Zwang kennen wir spätestens seit Romeo und Julia. Klassische Tragödien. Diesen Feind haben wir heute weitestgehend überwunden. Aber der zweite Feind, die Freiheit, der ist richtig fies. Während im romantischen Ideal die Liebe immer an den Zwängen (also den Unmöglichkeiten) scheiterte, scheitert sie heute an der Freiheit (also den Möglichkeiten). Nichts ist mehr unmöglich, alles scheint machbar. Das ist ja grundsätzlich nicht schlecht. Aber der Preis der Freiheit ist, dass wir drohen, in der Zuvielfalt unterzugehen. Es ist erwiesen, dass zuviel Auswahl Zeit kostet und unsere Entscheidungsfähigkeit lähmt. Wir haben heute nicht nur die Auswahl zwischen gefühlt 100 Sorten Erdbeermarmelade. Alles ist im Überfluss vorhanden. Durch das Überangebot haben wir gelernt, ständig zu vergleichen. Und das lähmt nicht nur, sondern macht auch so ein Konstrukt wie Liebe fast unmöglich. Die Konsumwahn macht auch vor der Leidenschaft nicht Halt. Wir haben gelernt, ständig zu rationalisieren, auch in emotionalen Angelegenheiten. Wir haben gelernt, dass in der arbeitsteiligen Überflussgesellschaft alles austauschbar ist - und alles immer optimiert werden muss: Produkte, wir selbst, unser Umfeld.
Vielleicht hat dieser Amor-Asi heute auch mehr Pfeile in seinem Köcher als jemals zuvor, vielleicht verschießt er die Dinger mit bananenrepublikanisch-staatsmännischer Willkür. Vielleicht weiß diese Dumpfbacke gar nicht, was er da anrichtet. Fakt ist: Heute gibt es kaum noch ein "bis dass der Tod uns scheidet", sondern nur noch ein "erstmal für immer" - solange, bis sich jemand Besseres findet, schöner, jünger, gesünder, vitaler, intelligenter, whatever. Immer auf der Suche nach dem Optimum. Alles ist heute im ständigen Wandel, jeder Lebensabschnitt ist nur ein Vorgänger des nächsten. Mehr Auswahl, mehr Möglichkeiten, mehr Entscheidungen. Weniger Zeit, Verlässlichkeit und Stabilität. Bei Produkten ist das schon länger so. Da werden die Innovations- bzw. Produktlebenszyklen auch immer kurzfristiger. Wer von euch hat noch nicht über die sogenannte Schnelllebigkeit unserer Zeit geklagt? Das Leben ist eine permanente Betaversion, immer nur vorläufig, bis zum süßen oder bitteren Ende. Deswegen kann es auch keine Selbstverwirklichung geben, denn das würde einen zu erstrebenden Endzustand voraussetzen. Den gibt es nicht. Wird es niemals geben. Aber das ist ein anderes Thema.
Man könnte den pseudopotenten Armor wohl als Freiheitskämpfer sehen, als einen Verfechter der Möglichkeiten. Aber auch Freiheitskämpfer werden von denen, die sie bekämpfen, als Terroristen bezeichnet. Alles nur eine Frage der Subjektposition, der Perspektive. Oder, um es musikalisch zu sagen: "Meine Freiheit muss noch lange nicht Deine Freiheit sein." In diesem Sinne: Fuck you, Cupid, und euch allen hauche ich einen kühlen Kuss auf die Stirn.

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