29.05.2012

Da ist der Sonntag von runter.

(c) Jürgen Müller
Liebe Freunde des gepflegten Äußeren.
Meine Mutter sagte früher immer: „Bei Matratzen und Schuhen sparst du am falschen Ende. Auf den einen und in den anderen verbringen wir die meiste Zeit unseres Lebens.“ Das sollte uns doch einen tieferen Griff in die Tasche wert sein. Hat ja auch mit Sichwasgönnen zu tun. Und mit fortschreitendem Alter auch mit Gesundheit. Und wenn sie verschleißen? Die teuren Schuhe zerkratzen? Der Hemdkragen aufribbelt? Die Hose abgewetzt ist und immer dünner wird? Was soll’s!? Gute Dinge sind da, um erlebt zu werden. Und wenn das Spuren hinterlässt, umso besser. Manche Sachen sehen einfach erst richtig gut aus, wenn sie eine Zeit lang benutzt wurden. Nicht alle, aber manche. Sehr viel früher, als meine Mutter noch die Klamotten für mich aussuchte, gab es Sonntags- und Alltagskleidung. Oh Gott, wie würde ich aussehen, wenn mir meine Mutter heute noch die Klamotten kaufte? Sie hat es sogar einmal gewagt. Zu Weihnachten. Eigentlich haben wir eine Abmachung, dass wir uns nichts schenken, aber ich bin halt Einzelkind und kriege die ganze Liebe ab. Das ist nicht immer gut. Da heißt es dann trotz Abmachung "Hach ja, ist ja nur eine Kleinigkeit...“ Das war jedes Jahr das gleiche, und an dem Weihnachtsfest, an das ich gerade denke, bestand die Kleinigkeit aus einem Biberbettwäsche-Set und einer Unterhose mit Hühnern drauf, die an der entscheidenden Stelle ein Spiegelei zierte. Soviel geballte Ironie habe ich nicht verstanden. Und ich halte meiner Mutter zugute, dass Ironie der Kaufanreiz war und nicht ein vermeintliches Verständnis meines Humors, oder gar Modebewusstsein. Aber gut, andere Geschichte.
Früher hatte ich also Sonntags- und Alltagskleidung. Die Sonntagskleidung war „für gut“, für die Kirche, für Besuche bei und von Bekannten, für Familienfeste, für Sonntagsdinge eben. Die Bedeutung dieser „guten“ Kleidung verlor sich aber mit der Tragehäufigkeit. Mach einem Grundschulkind mal klar, dass Abnutzung und Verschleiß auf einem Sonntag nichts zu suchen haben. Meistens habe ich die Sonntagskleidung nicht gerne getragen, sie war irgendwie fremd und ungewohnt, saß selten richtig gut und war fast immer ein optischer Super-GAU. Wie der eine lila-grün gemusterte Pullover mit eingenähtem, bordeauxroten Polohemd-Kragen. Gut, die Achtziger hatten gerade begonnen und ich hatte noch keinen derart ausgeprägten Modegeschmack. Ich glaube, bei diesem Pullover habe ich zum ersten Mal mein ästhetisches Bewusstsein entdeckt. Oder er hat mich nachhaltig geprägt. Wieso würde ich mich sonst erinnern? Es gab aber auch Sonntagsklamotten, die waren super. Und noch besser wurden Sie, wenn Sie ihrem Status enthoben wurden. Das war ein heiliges Ritual. Da stand ich dann sonntagsfertig vor meiner Mutter und sie sagte die Worte, die Hose, Pullover oder Schuhe für immer der Sonntagsaura enthoben: „Das kannst du nicht mehr anziehen. Da ist der Sonntag von runter.“ Dann wurde das entsprechende Teil aussortiert und war fortan als „Alltagskleidung“ abgespeichert und im Schrank einsortiert. Die Menschen brauchen halt Differenzen, mit denen sie die Welt ordnen.
Ein schöner Satz: „Da ist der Sonntag von runter“. Das denke ich heute noch bei abgewetzten Klamotten, nur, dass es heutzutage die Grenzlinie Sonntag/ Alltag nicht mehr gibt, sondern lediglich die Unterteilung in Kleiderschrank und Altkleidersammlung. Das denke ich aber auch zu anderen Gelegenheiten und in anderen Kontexten, in denen mir verschlissene Teile begegnen. Aber, wie gesagt, Verschleiß muss ja nicht immer negativ sein. Manchmal werden die Dinge (und die Menschen) dann erst richtig attraktiv. Nicht immer, aber manchmal. Und manchmal reicht es auch, wenn man den Dingen einfach eine neue Bedeutung gibt - und schon sind sie wieder voll funktionstüchtig. Der kaputte Schraubenschlüssel wird zum Flaschenöffner, zack: schon hat man kein Werkzeug verloren, sondern ein neues Küchenutensil gewonnen. Ich gebe zu, das klappt nicht immer, aber es ist zumindest immer möglich, sich vorm Wegwerfen die Frage zu stellen, ob das Wegzuwerfende zumindest noch montagstauglich ist. In diesem Sinne: viel Spaß bei den kommenden Neubewertungen.





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