21.05.2012

Creative Cleptomaniac

Liebe Freunde radikalparasitärer Kreativität.
Es gibt kein Original. Jedes Original ist die Kopie eines anderen Originals, das eigentlich auch nur eine Kopie ist. Könnte man meinen. Man könnte aber auch sagen: Es gibt viel mehr Originale als wir vermuten. Und was heißt das praktisch? Sekundär. Erst einmal die Theorie. Eine Kopie ist eine Reproduktion, ein Plagiat, eine Imitation, eine 1:1-Wiederholung von etwas, das es bereits gibt. Ein Original wird es erst dann, wenn man seine eigenen kreativen Schnipsel hinzuaddiert, wenn man aus Vorhandenem, das man liebt, gut findet, bewundert, etwas Neues macht - mit seiner eigenen Handschrift. Mash-Up, Remix, Transformation - nennt es, wie ihr wollt. Das Ganze ist mehr als die Summe der einzelnen Teile. Ich freue mich ziemlich, denn lange habe ich nach einer Begründung gesucht, warum 1+1 tatsächlich 3 ergibt. Jede Person, die das nicht glaubt, sehe sich bitte das Begleitbild zu diesem Post an und stelle sich die Frage, wie viele Linien da zu sehen sind? Ich könnte mir vorstellen, dass die meisten sagen: zwei. Der geneigte Besserwisser lehnt sich dann entspannt zurück, grinst allwissend in der Gegend herum und sagt süffisant: "Und was ist mit der roten Linie zwischen den beiden weißen?"
Austin Kleon, der hier schon einmal mit Blick auf seine tollen Blackout Poems zitiert wurde, hat dafür den Begriff des "creative cleptomaniac" gefunden. Wer bei Interesse zehn Minuten spendieren möchte, sieht sich hier seinen Kurzvortrag zum Thema "Steal like an artist" an.
Ich hatte vor ein paar Jahren mal zu viel Zeit, um eine Seite zu basteln und mit Leben zu füllen. Gibt´s mittlerweile nicht mehr. Nichts ist für die Ewigkeit und alles ist vergänglich. Das Ding hieß parasitenexistenz.de. Wieso? Naja, erstens wegen des Grundmusters vom kreativen Klauen (siehe oben) und zweitens: es ist ein tolles Wort. Darauf gekommen bin ich durch einen Text von Jean Baudrillard ("Die Stadt und der Hass", in: Keller, Ursula: Perspektiven metropolitaner Kultur, Frankfurt a.M., Suhrkamp, 2000, S. 131-141). Darin heißt es:
"Im übrigen suchen alle marginalen und subkulturellen Gruppen dort genau dies: eine leere Extase, eine Parasitenexistenz. Selbst wenn diese Orte für die Kultur bestimmt sind, sind es keine Orte des Glanzes mehr, sondern Orte der Absorption und der Entleerung, der Flüssigkeitsumwandlung, Input-Output-Maschinen."
Der Kontext dieses Zitates ist jetzt mal egal. Das Wort hat mich damals sofort gefangen und ich habe mir die Frage gestellt: Warum finden die meisten Menschen Parasiten eklig und wollen nichts mit ihnen zu tun haben? Warum ist der Begriff so negativ besetzt? Parasiten gelten als Schmarotzer, Schädlinge, Gesindel, Nichtsnutze, Aussätzige, Asoziale, Abweichler und so weiter. Sie fristen eine Randexistenz jenseits der gesellschaftlichen Grenze des Guten. So zumindest die landläufige Meinung. Keiner würde sich selbst als Parasit bezeichnen. Das sind immer die anderen. Verstehe ich nicht, ehrlich. Wir sind nicht nur Opfer, d.h. Wirte, die befallen und ausgesaugt werden. Wir hauen unsere Beißwerkzeuge in andere und saugen sie aus. Die Anderen sind in dem Fall der Wirt, der uns als Lebensgrundlage dient. Und umgehkehrt dienen wir anderen als Nahrungsquelle. Ist das schlimm, oder ist das normal?
Ich plädiere daher für eine Neudefinition des Parasiten als kreativem Geist, der Altes neu kombiniert und mit seiner Handschrift versieht. Parasit ist jeder. Es gibt keine Kreativität ohne Parasitismus. Warum also nicht ganz offensiv eine solche Lebensweise vertreten? Parasieren bedeutet zwar im engeren Wortsinn "stehlen", heißt aber eigentlich: Die vorhandenen Gegebenheiten und Gegenstände produktiv für seine Zwecke nutzen - durch Rekombination von Existierendem. Wenn Elemente aus einem Kontext heraus gelöst und in einen anderen eingefügt werden, erhalten sie eine neue Bedeutung: etwas, was vorher eben noch nicht da war. Alle schaffenden Menschen nutzen vorhandene Objekte für ihre Zwecke und rekontextualisieren: Was hat das mit einem "Schädlingsdasein" zu tun? Ich würde eher sagen, dass es eine notwendige Bedingung für Fortschritt ist. Und was der gute Herr Baudrillard mit "Input-Output-Maschinen" beschrieben hat, wird in diesem Zusammenhang recht deutlich. Wir nehmen etwas auf (Input/ Import/ Absorption), verarbeiten es (Transformation), bringen es anschließend wieder in die Welt hinaus (Output/ Export) und hoffen auf ein (digitales) Schulterklopfen. In diesem Moment wird das "Neue" wieder offen für andere Parasiten, die sich an ihm laben und es in ihre Verarbeitungsmaschine importieren. Aber wichtig ist eben der mittlere Schritt: die Transformation. Sonst bleibt das Ausgespuckte nur eine verzichtbare, billige Kopiekopie eines verzichtbaren, billigen Selbstdarstellerdarstellers.
Immer schon ist der Mensch parasitär veranlagt. Wer möchte denn das vielzitierte Rad stetig neu erfinden? In unserem Schädelkino läuft oft noch der Film vom schöpferischen Genie, das aus dem Nichts etwas Neues erschafft. Sorry, das ist nicht so. in einer positiven Redewendung heißt es immer, er/ sie habe sich von xy inspirieren lassen. Ist das etwas anderes als parasieren? Eine parasitäre Existenz ist die Grundlage allen Schaffens. Wer nur kopiert, ohne das Rohmaterial durch etwas Neues anzureichern, klickt bestimmt auch bei seinen eigenen Facebook-Posts auf "Gefällt mir!" Wer aber kopiert und dabei ein neues Original herstellt, der hat mein "Like" sicher. So, das musste mal raus. Aber das ist ja auch nicht wirklich neu. Zum Beweis dessen hier noch ein kleiner Text von Jim Jarmusch. In diesem Sinne: Klaut weiter und macht was draus!

(c) Jim Jarmusch, 2004, Design: Mark Malazarte, 2009



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