26.04.2012

Wörter zuviel und Gedanken zu wenig

Quelle: http://lucido-media.de/blog
Liebe Freunde langer Texte.
Von dem Werbetexter Albrecht Hauss habe ich folgenden Satz geklaut: "Jedes Wort zuviel ist ein Gedanke zu wenig." 
Wer einmal "Marmeladenversuch" und "Paradox of Choice" googelt, gelangt sehr schnell zu dem berühmten Versuch von Sheena Iyengar und Mark Lepper. Die beiden haben herausgefunden, dass eine zu große Auswahl die Menschen in ihrer (Kauf-)Entscheidung hemmt. Jeder will Vielfalt, aber keiner will in der Zuvielfalt untergehen. Wie so häufig: Die Dosis macht das Gift. Und zuviel Auswahl und Freiheit machen irgendwann auch keinen Spaß. Das müssen wir alles mit unserer Zeit (und unseren Mentalreserven) bezahlen. Der Psychologe Barry Schwartz hat das ganze Dilemma in seinem Buch "Paradox of Choice" theoretisch aufbereitet. Was ich aber eigentlich sagen wollte: Zu viele Wörter machen auch keinen Spaß. Ich weiß, liebe Freunde, Ihr denkt jetzt `Das sagt der richtige´ und regt Euch darüber auf, dass ich hier so assoziativ gelockert ins Plaudern gerate. Recht habt ihr, aber ich halte mich eben doch (noch) zu gerne am ersten Teil des Spruches "Langer Rede kurzer Sinn" auf. Wer wirklich nur den kurzen Sinn sucht, liest eben nur die Überschrift. 

Ich habe meine berufliche Laufbahn in der Marktforschung begonnen, und da diskutiert man viel mit sogenannten Konsumenten, fragt Sachen, die den Auftraggeber interessieren und steht dann am Ende vor der Herausforderung, das Herausgefundene schön präzise zu formulieren. Wenn ich einen Satz meines damaligen Chefs noch im Kopf habe, dann der: "Schreib die Präsentation so, dass die ganze Geschichte schon mit den Überschriften erzählt wird." Ein Satz pro Folie. Daran habe ich mich gehalten, und ich habe im Laufe der Zeit diese Erkenntnis noch durch einen weiteren Lehrsatz ergänzt: "Schreib die Präsentation so, dass der Kunde sie in ruhigen fünf Minuten auf dem Klo lesen kann und alles verstanden hat." Zeitarmut ist das Stichwort. Prägnanz. Und vielleicht auch noch das Verschwinden von Rückzugsorten im globalen Dorf, aber das wäre ein anderes Thema. In Zeiten von 140-Zeichen-Kommunikation und stetig sinkender Aufmerksamkeitsspanne ist weniger eben mehr. Oder mehr ist weniger, je nachdem. Die Bibel in drei Zeilen - muss auch gehen.

(c) Oliver Widder, geekandpoke.typepad.com
Jetzt gibt es ja durchaus eine Menge Strategien, um sich durch den Informationsdschungel zu navigieren und Filterstrategien anzuwenden, damit man nicht komplett gelähmt durch die Welt taumelt. Ignoranz ist zum Beispiel eine gute Strategie. Sich gar nicht erst mit bestimmten Dingen zu beschäftigen, spart Zeit, gibt Raum für Schönes und schont das Nervenkostüm. Der Einsatz von Biofiltern ist eine zweite Möglichkeit. Hört sich technisch an, meint aber: Menschen. Manchmal lese ich aus vermeintlichem Zeitmangel keine Zeitung mehr, sondern klicke mich nur durch die Artikel, die in meinem Facebook-Stream von anderen empfohlen werden. Ich schweife schon wieder ab, das tut mir ein bisschen leid.
Also Zeitarmut und Informationsüberschuss; das sind die Faktoren, die dem Spruch "In der Kürze liegt die Würze" neue Aktualität verleihen. Das Wort "Konzentrat" hat ja nicht von ungefähr etwas mit "konzentrieren" zu tun. Es ist nun einmal viel leichter einen langen Text zu schreiben als einen kurzen. Aber damit tut man sich und anderen keinen Gefallen. Und genau deswegen finde ich diesen Satz so schön, dass jedes Wort zuviel ein Gedanke zu wenig sei. Danke, Herr Hauss, für diesen prägnanten Satz. Ich vermute sehr, sehr stark, dass ich damit für diesen Artikel so an die 550 Gedanken zu wenig gedacht habe und gelobe Besserung. Ich kann auch kurz, ehrlich.

Wer es tatsächlich bis hier unten hin geschafft hat, bekommt zur Belohnung eine Grafik über oben genannten Marmeladenversuch, die ich hier gefunden habe. Man könnte jetzt Marmeladen durch Anzahl Wörter ersetzen und Käufer durch Leser, dann hätte man den Link zum geschriebenen und gelesenen Wort.

Quelle: onlinemarketing.de


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