17.04.2012

Widerspruch ist zwecklos

Quelle: http://xkcd.com/386/
Liebe Freunde wohlklingender Wahrheiten.
Ich habe einen Witz geträumt, und der geht so: Treffen sich drei Sichtweisen. Sagt die eine: Ich bin die Wahrheit. Darauf die andere: Stimmt nicht. Und die dritte: Schnauze, ihr Egomanen. Wer glaubt, dass die Berichte über die Welt ein Abbild der Welt sind, glaubt auch noch an die Renaissance der FDP. Man muss kein Sozialkonstuktivist sein, um festzustellen, dass es DIE Wahrheit nicht gibt und jede kommunizierte Information eine subjektive Sicht der Dinge ist, eine Interpretation der vermeintlichen Fakten. Ja, gut, vielleicht gibt es dann und wann ein paar brutale Fakten, die im Alltagsleben so einem Konzept wie Wahrheit recht nahe kommen; wo es sprichwörtlich "keine zwei Meinungen" gibt. Kennt jede/r. Aber im Grunde gibt es nur Interpretationen und Geschichten, und das nicht nur in der Unterhaltungsindustrie sondern auch in elitären Steuerungszentralen unserer Gesellschaft. Einen interessanten Artikel hierzu hat vor ein paar Tagen Rainer Hank in der FAZ veröffentlicht: "Wirtschaft als Fiktion der Erzähler." Der hatte meine vollen 15 Minuten Aufmerksamkeit. Es ging um den Geschichtenerfinder Alexander Geiser - wenn ich PR-Profi sage, kriege ich sofort eine pelzige Zunge -, der sich im Auftrag der großen Konzerne dieser Welt Erzählungen ausdenkt. Gute Geschichten sind ja bekanntlich der Schmierstoff des Sozialen. Ganze Religionen basieren darauf. Bunten Paparazzi-Blättern dient diese Erkenntnis als Geschäftsmodell.
Der FAZ-Artikel beschreibt, wie das Talent und das Handwerk des Geschichtenerzählens für die Neudeutung von Personen oder Ereignissen eingesetzt wird, um das Realitätsempfinden der Menschen zu verändern. Beeinflussung oder Manipulation sind blöde Worte in diesem Zusammenhang. Und da es ja keine absolute Wahrheit gibt, sondern nur eine relative, kann es ja irgendwie auch keine Lüge geben, sondern nur verschiedene Deutungsweisen. An die paar brutalen und unumstößlichen Fakten, die die Eckpunkte der Story sind, sollte man sich allerdings schon halten, sonst wird´s schwierig und der Shitstorm ist vorprogrammiert.
Rein faktisch lässt sich aus einer Mücke kein Elefant zaubern, das ist jedem klar. Aber rhetorisch geht das ohne Probleme - in beide Richtungen. Genau so funktioniert diese Art von Storytelling. Dass die Wirtschaft zum Großteil auf Psychologie basiert, ist mittlerweile eine Binsenweisheit. Jetzt gewinnt sie auch noch an fiktionalem Charakter - was sie lustigerweise wieder in die Nähe einer Religion rückt. Aber die Diskussion über "Kapitalismus als Religion" möchte ich hier gerade nicht führen. Das entscheidende Problem beim Geschichtenerfinden ist, den Bogen nicht zu überspannen und glaubwürdig zu bleiben, so dass die Fiktion nicht als Geschichte, sondern als Realität wahrgenommen wird. Das ist eine große Kunst. In besagtem FAZ-Artikel findet sich ein Satz, der so groß und "wahr" ist, dass man sich die Ohren zuhalten möchte vor lauter Erkenntnisdonner. Dort steht, dass ein Erzähler Glaubwürdigkeit nicht dadurch erreicht, dass er seine Geschichte der Wirklichkeit annähert, sondern indem er widerspruchsfrei bleibt.
In diesem Zusammenhang fällt mir ein: Der Designer, Autor und Mitbegründer der Free Range Studios, Jonah Sachs, wird im Sommer ein neues Buch veröffentlichen. Der Titel trifft den Nagel auf den Kopf: "Winning the Story Wars." Es gewinnt nicht die Person, die am nächsten an der Wahrheit dran ist, sondern die mit der besten Geschichte. "Survival of the fittest in the world of ideas", hat der kluge Herr Sachs dazu gesagt und sich darauf bezogen, dass nur gute Geschichten weitererzählt werden, ins kollektive Gedächtnis wandern und vielleicht zu Traditionen oder Mythen werden. Jonah Sachs hat übrigens auch an dem tollen Projekt Story of Stuff von Annie Leonard mitgewirkt. Damit steht es jetzt in puncto "bad storyteller" vs. "good storyteller" eins zu eins. Wenn so eine Unterteilung überhaupt zulässig ist in einer Zeit, in der es immer schwieriger wird zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Aber: Gute Geschichten brauchen nun einmal Helden und Widersacher, insofern sei mir diese Unterscheidung im Sinne der Dramaturgie mal gestattet.
Wir halten fest: Die zu guten Geschichten komponierten Worte sind die Waffen im Kampf um die Deutungshoheit. Das "Ende der großen Erzählungen", wie der französische Philosoph und "Gott" der Postmoderne, Jean Francois Lyotard, mit Blick auf das Ende der Ideologien festgestellt hat, mag vielleicht auf Erzählungen zutreffen die ein alleiniges und allgemeingültiges Erklärungspinzip unterstellen. Aber an ihre Stelle treten viele kleine Erzählungen und Sprachspiele, die unterschiedliche Geschichten und Deutungen anbieten. Es gibt keine Letztbegründung. Im entscheidenden Moment gibt es immer nur Querverweise. Lang lebe das Heterogene! Auf in den Kampf, äh, ich meine: auf in den Diskurs!

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