16.04.2012

Schlimmes Vorteilspack

Liebe Freunde wahnsinniger Wortneuschöpfungen.
Zugegeben, der Titel ist etwas irreführend. Das Wort "Vorteilspack" ist nicht neu. Das gibt es schon länger. Es hält sich bevorzugt in Supermärkten auf, winkt von mehr oder weniger hübschen Produktverpackungen herunter und will nur gekauft werden. Freundlich suggeriert es uns, dass es hier etwas zu sparen gäbe. Zwei für eins ist das Stichwort, oder plus X mehr Inhalt. Die Mehrmenge ist nicht gratis, soviel wissen wir als aufgeklärte Konsumenten. Denn sonst würde ja draufstehen: 25% mehr Inhalt, gleicher Preis, oder so. Der Vorteilspack meint aber dahingehend vorteilhaft zu sein, als dass hier eine größere Menge zu einem relativ gesehen günstigeren Preis erhältlich sei. Oder er stellt sich gar als Konvolut dar. Fünf verschiedene Sorten im attraktiven Vorteilspack. Dann wird wohl weniger an den Preis als mehr an die Bequemlichkeit appeliert. Oder beides.
Jetzt lässt sich aber trefflich über die Bedeutung dieses Wortes streiten, denn mit dem Begriff wird einem ja nur nahe gelegt, DASS es sich hier um einen Vorteil handelt, mitnichten aber wird geschildert, worin genau dieser Vorteil besteht. Wird hierauf verzichtet, weil der Vorteil allzu offensichtlich ist? Oder weil es jeder Käuferin selbst überlassen ist, diesen Vorteil für sich zu entschlüsseln? Wenn letzteres der Fall ist, stellt sich die Frage, wieso? Werbung und Produktkommunikation lassen doch sonst keine Fragen offen. Da ist die ins Gesicht schlagende Sachlichkeit einer "Vorratspackung" um einiges direkter. Ehrliche Nüchternheit statt bezirzendes Säuseln. Nun gut.
Der Begriff Vorteilspack an sich ist jetzt nicht wirklich interessant. Interessant wird es, wenn man sich die Zielgruppe anschaut, die solche Produkte in ihren mit einem Euro von Ketten befreiten Einkaufswagen wirft. Nein, damit meine ich nicht Familien oder so. Damit meine ich jetzt auch nicht eine auf die Konsumwelt beschränkte Spezies Mensch. Worauf ich hinaus will ist die Überleitung vom Produkt zum Menschen; und ich stelle fest, dass sie mir nur leidlich gelingt. Worauf ich also hinaus will ist, dass dieses Wort eine spannende neue Bedeutung erfährt, wenn man den Artikel ändert: von "der" zu "das." Damit wird der Begriff zu einer Sammelbeschimpfung für Menschen, die ausschließlich auf ihren eigenen Nutzen achten. Früher hätte man damit die Leute beschrieben, die beim Winter- oder Sommerschlussverkauf stundenlang vor Karstadt campieren, Schlag acht Uhr den Laden stürmen, die Angestellten über den Haufen rennen und Schnäppchen-Krieg führen. Ein pöbelndes Pack, das sich da um die günstigsten Polyester-Hemden streitet. Aber SSV und WSV sind ja in Zeiten von Dauer-SALE längst Historie. Und mit dem E-Commerce wird dieses Völkchen der Schnäppchenjäger zunehmend virtuell und lässt sich nicht mehr so gut in Bilder fassen. Aber jetzt bin ich schon wieder in der Konsumwelt. Da wollte ich eigentlich gar nicht mehr hin. Wenn also DAS Vorteilspack die imaginäre Gruppe egozentrierter Ichlinge beschreibt, wie nennt man dann das jeweilige Individuum? Ist ja letztlich schwierig in einer hochpluralisierten Gesellschaft immer nur über Gruppenzugehörigkeiten zu charakterisieren. Mein Vorschlag: Vorteil-Spack. Wobei mit "spack" jetzt nicht das klassische, laut Duden vor allem in Norddeutschland beheimatete Adjektiv (dünn oder eng) gemeint ist, sondern eher das neumodische Substantiv (dumme oder ungeschickte Person). Damit hätte man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe kaputtiert. In diesem Sinne: Nieder mit dem Vorteilspack. Egal, in welcher Form.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen