10.04.2012

Rosarote Brillen

Quelle: http://grinding.be
Liebe Freunde der unmittelbaren Zukunft.
Neulich konnte man lesen, dass Google mit dem Test einer Augmented-Reality-Brille begonnen hat. Wearable Computing ist das Stichwort. Da ist es also. Vor ein paar Monaten habe ich Daemon von Daniel Suarez gelesen. Ein tolles Buch, das den Aufbau eines parallelen, volltransparenten Internet beschreibt, in dem die ausgewählten Personen mit HUD-Brillen (Head-Up-Display) rumlaufen und in Echtzeit Informationen über andere Mitglieder abrufen können, deren Netzwerkstatus, Freundschaftsbeziehungen, Bankkonten und so weiter. Da lese ich also sowas und denke, ja gut, Zukunft, und dann lese ich kein halbes Jahr später über die HUD-Brille von Google. Sowas ist zwar immer mal wieder im Gespräch gewesen, aber wenn Google das anpackt, wirkt es irgendwie sehr real. Die Zukunft kommt immer näher, könnte man meinen. Beeindruckend. Eigentlich ist sie ja schon immer da gewesen, die Zukunft, und hält in der Gegenwart die Tür ins Morgen einen Spalt breit offen. Bei technologischen Innovationen ist es aber nun einmal so, dass die Menschen diese auch kulturell akzeptieren müssen.
Der Mensch ist ein erfindungsreiches Gewohnheitstier. Das bedeutet: technologisch ist er revolutionär, kulturell aber konservativ. Wenn die Akzeptanz unter der kritischen Masse bleibt, wird sich die Innovation nicht durchsetzen. Die Menschen brauchen Zeit, neue Routinen zu lernen. Und das geht umso schneller, je höher der Nutzen für die eigene Lebensqualität ist. Dass der Siegeszug der Smartphones ein Selbstläufer ist, hängt eigentlich nur damit zusammen, dass die Menschen auf schon Gelerntes zurückgreifen konnten. Computer und Internet sind kulturell akzeptiert, das Handy hat als Bequemlichkeits-Booster auch schon eine längere Tradition. Das mobile Internet verknüpft "lediglich" diese beiden Routinen. Streng genommen ist es eigentlich nichts Neues; es verbindet bereits Vorhandenes und bringt es auf die nächste Stufe. Vor diesem Hintergrund ließe sich gefällig prognostizieren, dass die Google-Brille den richtigen sozio-kulturellen Zeitpunkt abgepasst hat und die Akzeptanzschwelle entsprechend gering ausfallen wird. Und weil es eine Brille ist, ist es nicht nur ein Funktions-, sondern auch ein Designobjekt. Ähnlich wie ein Telefon ist es sichtbar. Damit geht es nicht nur um neue Technologie, sondern vor allem auch um Ästhetik und Status. Je mehr Menschen dann mit der Brille rumlaufen werden, die es in ein paar Jahren sicherlich ästhetisch ausdifferenziert in den verschiedensten Farben und Formen geben wird, umso mehr Leute setzen sich dann wahrscheinlich die für andere unsichtbare Linse ins Auge und verleihen dem technologischen Nerdtum die progressive Portion Understatement.
Das Thema Sprachsteuerung wäre dann die nächste kulturelle Barriere, die es zu knacken gilt. Aber auch das ist nur eine Frage von wenigen Jahren. Ich erinnere mich noch an das technologische Mittelalter, so um 2000 muss das gewesen sein, als Leute in der Bahn mit sich selbst redeten. Das dauerte eine Zeit um zu kapieren, dass das keine gefährlichen oder schizophrenen Freaks waren, sondern Menschen mit Kopfhörer im Ohr und Mikro am Kabel, die ganz normale Telefongespräche führten. Und jetzt? Man kann ja von Siri halten, was man will, was Apple aber hier geschafft hat, ist die nächste Stufe auf dem Weg zur Abschaffung der Tastatur: die Konversation mit technischen Geräten zu enttabuisieren. In ein paar Jahren wird das Telefon nicht mehr nur Medium sein, über das wir mit anderen sprechen; es wird selbst Gesprächspartner und persönlicher Assistent sein, der uns im Leben begleitet, den wir wie den besten Freund fragen werden, wie viele positive Bewertungen die nette Frau dort drüben an der Theke hat und ob er denkt, dass man sie mal ansprechen sollte, wenn sie minimum vier von fünf Sternen hat. Die Transparenz ist das Gegenteil von Romantik, so wie Pornographie das Gegenteil von Erotik ist. Aber das ist dann wieder ein anderes Thema.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen