08.03.2012

Tschüs Mahlzeit!

(c) katzundgoldt.de
Liebe Freunde der mittäglichen Kulinarik.
Jüngst las ich in der Wirtschaftswoche von einer Umfrage, wonach jeder dritte deutsche Arbeitnehmer keine Mittagspause mehr macht und während der Arbeit isst. 18 Prozent pausieren lediglich für eine Viertelstunde. Knapp ein Drittel legt für 30 bis 45 Minuten die Arbeit nieder und nur 20 Prozent machen eine volle Stunde Pause. Das sind interessante Zahlen, aber überraschen sie? Ich denke nicht. "Desk Food", also das Essen am Arbeitsplatz, und "Road Food", das Essen unterwegs, sind schon länger Bestandteil der so genannten "To-Go-Kultur", auch wertend "Mitnehm-Manie" genannt. Das kann man gut finden oder nicht, Fakt ist: Diese Entwicklung ist ein Ausdruck des zunehmenden Effizienzdenkens. Der Versuch, durch Multitasking produktiver zu sein, denn schließlich kann man so eine simple Tätigkeit wie Essen recht gut nebenher praktizieren und muss sich nicht so darauf konzentrieren wie auf die Analyse eines drängenden Projektproblems. Dass es sich dann um bloße, physiologisch motivierte Nahrungsaufnahme handelt und weniger um Essen als sinnliches Erlebnis: geschenkt. Die Zeit ist ein knappes Gut und will gut genutzt werden. Denn auch wenn die To-Do-Listen immer länger werden und ein Tag für das Tagespensum mittlerweile nicht mehr ausreicht: Noch hat der Tag nur 24 Stunden.
Das Problem ist aber, dass immer mehr Aufgaben und Tätigkeiten in diese knappe Zeit hinein gestopft werden. Wir haben immer mehr "Handlungsepisoden pro Zeiteinheit", hat der Soziologe Hartmut Rosa dazu festgestellt. Was nichts anderes heißt als: Die Zeit ist eine nicht veränderbare Konstante, aber die Erlebnisse werden immer mehr. Das kann man bis zu einem gewissen Grad sicherlich kompensieren, zum Beispiel durch den Verzicht auf die mittägliche Pause, durch so genanntes Multitasking, owohl das eigentlich ein Schwachsinns-Konzept ist, ein Mythos, der immer wieder beschworen wird. Wer Dinge gründlich und ordentlich macht, kann das nicht parallel erledigen. Und wenn er es versucht, wird er feststellen, dass er (oder sie) mehr Zeit damit verbringt, sich wieder neu in Dinge hineinzudenken, als tatsächlich etwas produktiv zu bearbeiten. Deswegen bin ich konsequenter Verfechter des "seriellen Singletaskings". Im Gegensatz zum Multitasking auch Monotasking genannt, aber das klingt nicht so schön, finde ich. Immer eins nach dem anderen, dann stolpert man auch nicht. Oder läuft vor die nächste Häuserecke, während man noch einen Tweet absetzt, dass man sich gerade super fühlt. 
Wie auch immer. Man kann das natürlich auch durch Drogen versuchen, in vorgegebener Zeit mehr zu leisten. Neuroenhancement ist hier das Stichwort. Oder, wertend formuliert: Hirndoping. Auch ein großes Thema. Auch eine Branche, die brummt wie eine dicke Hummel. Die Menge an Ritalin, die an deutsche Apotheken geliefert wurde, hat sich zwischen 2006 und 2009 um 42 Prozent erhöht. Die Anzahl der Jugendlichen, die schon Ritalin nehmen, ist im gleichen Zeitraum um 32 Prozent gestiegen. Wenn man jetzt eins und eins zusammenzählt, dann ist das Verschwinden der Mittagspause nur der Anfang. Danach kommen die Drogen. Und danach entweder der Kollaps oder eine Überarbeitung des Kalenders und der Einteilung der Tageszeit. Die muss sich ja dann auch nicht mehr nach kosmischen und biologischen Rhythmen richten, denn bis dahin haben die Drogen unseren Alltag komplett umgekrempelt. Und wenn wir das überleben, auch uns. Wir essen nebenher und die Leistungsgesellschaft frisst ihre Kinder. In diesem Sinne: Prost Mahlzeit.

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