09.03.2012

Satzzeichen retten Leben

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Liebe Freunde der korrekten Schriftsprache.
Wer nicht glaubt, dass ein Komma oder ein Bindestrich fundamental wichtige Satzzeichen sind, der braucht eigentlich gar nicht weiterlesen. Das Semikolon wird auch sehr unterschätzt, aber darum geht es hier jetzt nicht. Neulich hörte ich meine Nachbarin rufen "Wir essen jetzt, Kinder." Ob es an ihrer Betonung lag oder ich mir das nur eingebildet habe, weiß ich nicht mehr. Ich habe jedenfalls das Komma in ihrer Aussprache nicht gehört und war kurzfristig verblüfft ob der bislang nicht bekannten kannibalischen Tendenzen meiner Nebenwohner. Letztlich gab es nur Nudeln, aber egal. Da fiel mir wieder ein, dass so ein Komma wirklich wichtig ist; glaubt man ja fast gar nicht mehr in einer Zeit, in der der Inhalt wichtiger wird als die Form. Hauptsache, kommunizieren. Wie, ist zweitrangig. Seit vielen Jahren bin ich auch glühender Verfechter des Divis - nicht nur ein schönes Wort, sondern auch ein wichtiges Zeichen, so ein Bindestrich. Er verbindet Wörter und trennt sie zugleich. Wenn das nicht eine tolle Leistung ist. Lässt man ihn weg, hat das Wort eine ganz andere Bedeutung. Das nennt der Volksmund dann "Deppenleerzeichen."
Mal zur Verdeutlichung: Wenn jemand von Luxus-Schmuck spricht, dann meint er eine ganz bestimmte Sorte Schmuck, die für Normalsterbliche meist viel zu teuer ist. Das unterscheidet Luxus-Schmuck von, sagen wir, Mode-Schmuck. Wer aber "Luxus Schmuck" schreibt, der bezeichnet Schmuck generell als Luxus. Oder bei Autos: "Luxus-Auto" ist ein besonderes Auto, das sich von anderen Autos abhebt. "Luxus Auto" meint den Luxus, überhaupt ein Auto zu haben. Ich gehe in Hamburg regelmäßig an einer Apotheke vorbei, die in der Nähe des Altonaer Bahnhofs liegt. Auf dem Schild steht "Bahnhof Apotheke" - an diesem Gebäude hält aber weder Bus noch Bahn. 
Jaja, das ist alles ein bisschen kleinteilig, finden Sie? Akademische Unterscheidungen ohne Alltagsrelevanz? Nabelschau im Elfenbeinturm? Mag sein, ich finde das wichtig. Schon der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau hat gesagt, dass sich der Charakter eines Menschen nicht an den großen Taten zeigt, sondern an Kleinigkeiten. Wer sich zumindest in dieser Kleinigkeit trainieren möchte, kann ja mal beim Duden nachschauen. Soweit ich das sehe, sieht der Duden einen Bindestrich nur bei komplexeren Wortgebilden vor, so dass man Luxusschmuck oder Luxusauto getrost zusammenschreiben kann, oder nach neuer Regelung vielleicht sogar muss. Das weiß ich nicht so genau. Als Antwort auf Rousseau könnte man sich dieses Nichtwissen jetzt mit Friedrich Schiller schönreden: "Ich habe mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben." Irgendwo zwischen diesen beiden liegt wohl die Wahrheit, die sich mit ganz vielen anderen Wahrheiten in einer aus Bindestrichen zusammengeschusterten Kiste verbergen. Manche so klein, dass sie zwischen den Fugen hervorquellen und nach draußen tröpfeln. Wem zu langweilig ist, dabei zuzuschauen, der kann sich hier und hier an Satzzeichen-Beispielen satt essen. Ist vielleicht interessanter als Katzenfotos.


1 Kommentar:

  1. Endlich mal jemand, der für das Deppenleerzeichen auch mal gute Beispiele bringt. Vielen Dank dafür!

    Zum Vorwurf des Kleinteiligen / Akademischen / Theoretischen sei nur soviel gesagt: Wir berauben damit die deutsche Sprache eines Ausdrucksmittels, welches vielleicht nur in 10% aller Fälle bedeutungsunterscheidend (Bedeutung's unterscheidend? :-), aber in diesen Fällen eben enorm wichtig ist.

    Mit derselben Begründung kann man den Verbandkasten im Auto zuhause lassen, weil man ihn ja fast nie braucht. Vergleich hinkt? Ach ja, geht ja nur um Sprache.

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