08.03.2012

Psychologisch ungünstig

Liebe Freunde progressiver Widerstandsfähigkeit.
"Das Tor fiel zu einem psychologisch ungünstigen Zeitpunkt", hört man manchmal Sportreporter oder Trainer resümieren, wenn es darum geht, eine Niederlage zu analysieren oder vielleicht auch schönzureden. Gemeint sind dann Gegentore, die kurz vor der Halbzeitpause fallen, oder direkt in eine Drangphase der eigenen Mannschaft. Klassiker halt. Jetzt drängt sich aber irgendwie die Frage auf, ob es auch Gegentore gibt, die zu einem psychologisch günstigen Zeitpunkt fallen. Der durch seine naseweisen Sprüche bekannte Trainer Christoph Daum hat diese Frage einmal gestellt und damit voll ins Schwarze getroffen. Denn ein Gegentor ist eigentlich immer etwas schlechtes. Na gut, manchmal kommt es vor, dass ein Gegentor auch als sogenannter Weckruf dienen kann und sich die eigene Mannschaft nochmal richtig ins Zeug legt und das Spiel vielleicht noch dreht. Aber der Ausspruch, das Tor sei zu einem "psychologisch ungünstigen Zeitpunkt" gefallen lässt meist darauf schließen, dass ein Spiel verloren wurde und genau dieses Gegentor der Knackpunkt des Spiels gewesen ist.
Knackpunkt ist ein schönes Wort in diesem Zusammenhang. Es besagt, dass etwas gebrochen ist, vielleicht sogar irreparabel. Der Teamgeist vielleicht, die Motivation, oder das Spielsystem. Vielleicht auch ein Knochen eines wichtigen Spielers. Das Gegenteil von "brechen" ist in diesem Zusammenhang "biegen" - nicht umsonst spricht man auch davon, eine Mannschaft hätte das Spiel nach einem Rückstand noch umgebogen. Oder gedreht.
In der Werkstoffkunde bezeichnet der Begriff Resilienz die Fähigkeit eines Materials wieder in den Ursprungszustand zurückzukehren. Sagen wir mal so: Ein Stück Holz ist unflexibel. Versucht man es zu biegen, bricht es. Alufolie hingegen ist flexibel, sie lässt sich zwar biegen, bleibt dann allerdings zerknüllt. Eine Schaumstoffmatte aber lässt sich nur solange platt drücken, bis man seinen Hintern wieder von ihr entfernt. Dann schnellt sie wieder in den Ursprungszustand zurück. Übertragen auf den Menschen ist das Stehaufmännchen das klassische Bild für Resilienz.
Entwicklungspsychologisch wird mit Resilienz, platt gesagt, die Widerstandsfähigkeit eines Menschen gegenüber den Härten des Lebens beschrieben. Oder anders: Die Fähigkeit, mit Niederlagen und Unglücken umzugehen, so dass sie einen nicht längerfristig auf der Bahn werfen. Dass man aus diesen Erfahrungen vielleicht sogar lernt und gestärkt in die Zukunft geht. Stabile soziale Beziehungen, Selbstvertrauen, Ausgeglichenheit, Zielorientierung, Kreativität oder Optimismus sind typische Eigenschaften resilienter Persönlichkeiten. Diese Perspektive lässt sich natürlich auch auf Gruppen (z.B. Fußballteams) oder Organisationen (z.B. Unternehmen) übertragen, denn es geht grundsätzlich immer um Krisenbewältigungskompetenz, egal ob im Bereich persönlicher Gesundheitsprobleme, verlorener Fußballspiele oder radikaler Branchenumwälzungen, die ein Unternehmen vor große Probleme stellt. Es geht bei dieser Krisenbewältigung nicht nur um "klarkommen" mit der Situation, sondern um eine positive, aktive Lösung. 
Naja, da könnte man jetzt noch länger drüber diskutieren. Zum Beispiel, ob man wirklich jedes Problem als Herausforderung sehen kann, oder ob das nicht ein bisschen zynisch ist. Oder wie viele Niederschläge man verkraftet, bevor man (vielleicht endgültig) aus der Bahn geworfen wird. Was ich aber eigentlich nur sagen wollte: Ob etwas psychologisch günstig oder ungünstig war, lässt sich immer erst im Nachhinein bestimmen. Erst wenn etwas passiert ist, kann man dem Auslöser dafür einen bestimmten Sinn zuschreiben. Insofern ein herzlicher Dank an Christoph Daum, die oben genannte Redewendung einmal kurz in Frage gestellt zu haben. Und jetzt: Mund abputzen, weitermachen!

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