06.03.2012

Klappe halten!

Liebe Freunde des profunden Halbwissens.
Wer weiß denn schon alles? Es gibt wenig, was wir wissen und nur unwesentlich mehr, von dem wir wissen, dass wir es nicht wissen. Aber das größte Stück vom Kuchen machen ja wohl die Dinge aus, von denen wir noch nicht mal wissen, dass wir sie nicht wissen. Ist das schlimm? Nein, das ist nicht schlimm. Obwohl Goethe das anders gesehen hat: „Toren und gescheite Leute sind gleich unschädlich. Nur die Halbnarren und Halbweisen, das sind die Gefährlichsten.“ Jetzt liegt es mir zwar fern, gegen Goethe zu schießen, aber schließlich hat der auch zu einer anderen Zeit gelebt. Und ich glaube, er war auch sehr gebildet, da lässt sich sowas leicht sprechen. Also, Halbwissen an sich ist erstmal nicht so schlimm, behaupte ich jetzt mal. Weil es heutzutage unvermeidlich ist.
Schlimm ist aber, wenn diese Tatsache nicht als strukturelles UND (vielleicht auch) persönliches Defizit wahrgenommen wird, sondern NUR als persönliches. Denn dann leidet entweder das Selbstvertrauen und man kann kaum noch mit geradem Rücken in der Ecke stehen und sich schämen. Oder man versucht, diese Wissensschlucht durch Spontangoogeln zu schließen. Das Resultat ist Schlagzeilenintelligenz, denn so genau will man es ja meist gar nicht wissen. Die ersten drei Zeilen reichen schon, um grob zu wissen, worum es geht. Ein netter Kneipensport, übrigens. Wer kriegt zuerst raus, wie die Streifen in die Zahnpasta kommen? Wer findet am schnellsten heraus, in welchem Land sich die Walachei befindet? Das ist schön. Das mobile Web macht´s möglich. Hashtag Edutainment. Hashtag Smartphone. Im Ernst: Man muss nicht alles wissen. Heutzutage reicht es doch völlig aus zu wissen, wo man etwas findet, wenn man es braucht. Wissen über das Wissen wird immer wichtiger. Zugangswissen, würde ich das mal nennen. Warum sich den Kopf zuballern mit Wissen, von dem man nicht weiß, ob es sinnvoll ist? Wissen, das vielleicht im Oberstübchen den Platz für wirklich Wichtiges blockiert? Also immer schön den Kopf frei haben für die wichtigen und unwichtigen Dinge des Alltags, aber die Knöpfe kennen, die man drücken muss, um spontan die benötigten Informationen abzurufen. Ob die dann allerdings zu "Wissen" werden, hängt ganz von einem selbst ab. Noch ist der Verarbeitungsprozess sehr individuell, zumindest solange, bis Google einen passenden Algorithmus gefunden hat. Genauso muss jede/r für sich eine Antwort darauf finden, welche Informationen es wert sind, gespeichert zu werden. So lange es Google gibt, mache ich mir da wenig Sorgen. Da springe ich bei Bedarf hoch und ziehe mir aus der Cloud die Tropfen, die ich brauche. Allgemeinwissen schadet nur dem, der es nicht hat. Aber Halbwissen kann ja bekanntlich auch dem schaden, der es hat. Also immer schön vorsichtig: Es könnte Nachfragen geben. Dann zu sagen "Da muss ich erst nachschauen" zeugt vielleicht von Spontaneität und Flexibilität, mitnichten aber von Kompetenz. Im Zweifel erst mal Schultern zucken und Goethe zitieren. Ansonsten kann man es auch mit einer Gegenfrage versuchen.

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