14.03.2012

Daumen hoch!

Liebe Freunde des digitalen Schulterklopfens.
Dass unser gepflegtes Achtmillionen-Netzwerk keine Unmutsbekundungen über hirnrissige, kritikwürdige oder sinnentleerte Status-Updates kennt ist ja hinlänglich bekannt. Muss man sich halt anders behelfen. Die Facebook-Gruppen "Dislike-Button" und "We want a Dislike Option" haben inzwischen zusammen über 5,5 Millionen "Likes." Aber Facebook zeigte sich bereits zur Blütezeit dieser Protestwelle Mitte 2009 uneinsichtig. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. In einem Artikel der Welt wird ein Facebook-Sprecher zitiert, der den Widerstand des Unternehmens mit Blick auf die Einführung eines Dislike-Buttons wie folgt begründete: „Positive Meldungen passen besser zu uns als negative. (...) Eine destruktive Information erzeugt keine viralen Effekte." Keine Macht den Miesepetern. Keine Macht der schlechten Laune. Keine Macht der Kritik. Darf man mal vorsichtig fragen, was dieser konfliktscheue Zwangsoptimismus soll? Das ist, gelinde gesagt, realitätsfern. "Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen." Das steht auf der Homepage, so beschreibt sich das Netzwerk selbst. Aber eigentlich müsste da statt "Menschen" besser "Gleichgesinnte" stehen. Denn wo die Kritik nicht erwünscht ist, da schmort die konsensgezwungene Gemeinschaftlichkeit im eigenen Sud und betoniert ihr scheuklappengesichtiges Weltbild.
Es gibt genügend Menschen, mit denen ich mich sehr kontrovers austausche. Einer meiner besten Freunde beispielsweise steht leider der FDP sehr nahe, und immer, wenn das Gespräch in Richtung Politik dreht, was ich nicht selten vermeide, dann wird´s böse. Aber trotzdem ist er mein Freund. Das heißt, ich würde bestimmt einen von zehn Posts, die er absetzt, geschmeidig "disliken", obwohl ich andere dann wieder spitze finde. Der "Like-Button" reduziert die Zustimmung auf nur einen Klick. Das ist im Grunde genial. Aber wieso ist das nicht auch für Ablehnung möglich? Das wäre nur gerecht und vor allem: echt. Freundschaft muss nicht nur Kritik aushalten können, sie braucht sie wesentlich. Klar kann ich meinen Unmut über eine Äußerung auch als Kommentar schreiben, oder ich drücke sie durch Nichtbeachtung aus - nach dem Motto: nicht gelobt ist genug geschimpft. Aber irgendwie bleibt ein fader Nachgeschmack, dass mir Zustimmung viel leichter gemacht wird als Kritik.
Der Like-Button wird in einer "Ökonomie der Anerkennung", in der Zustimmung und Feedback eine wichtige Währung sind, zu einem Statussymbol, ja eigentlich sogar zu einem Kultobjekt, das bereits vielfach zitiert und in anderen Kontexten verwendet wird. Ohne das digitale Schulterklopfen wären wir auch im Social Web nur Einzelgänger. Das "Like" verbindet uns, gibt uns Halt, Anerkennung und die Gewissheit, zu einer Gemeinschaft zu gehören. Aber an einem "Dislike" können wir wachsen. Konflikt ist das Stichwort, Diskussion, Argumente, Reiberei. Und nicht nur langweiliges "Supi, sehe ich genauso. Voll like. <3."
Der englische Schriftsteller William Sommerset Maugham hat einmal gesagt: "Die Leute bitten um Kritik, aber sie wollen nur gelobt werden." Da ist was dran. Viele fühlen sich vielleicht beleidigt, wenn sie plötzlich mehr Dislikes als Likes auf der Pinnwand haben. Das schreit dann ja förmlich nach Rache und schon hat man ein Mobbing-Netzwerk. Das ist problematisch, das sehe ich ein, wenn aus niederen Beweggründen wie Eifersucht oder Neid einfach so gebasht wird. Trotzdem. Ich bin jetzt mal zickig. Facebook ist ein Streichelzoo, in dem jedes Zicklein sich brav das Fell kämmt, um auch möglichst viele Streicheleinheiten zu bekommen. Punkt. Ich mache es ja nicht anders. Aber gut muss ich mich in so einem Gute-Laune-Netzwerk trotzdem nicht fühlen. Ich habe immer befürchtet, dass die so genannte Spaßgesellschaft gar nicht verschwunden ist, sondern sich nur irgendwo versteckt hat, neue Kräfte sammelt und auf den richtigen Zeitpunkt wartet, die Welt fertig zu machen. Aber richtig fertig diesmal. Es bleibt spannend. In diesem Sinne:

http://weknowmemes.com


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