12.03.2012

Das Primel-Prinzip

(c) Julia Schonlau, jujus-delivery.com
Liebe Freunde knackiger Prinzipienreiterei.
Manchmal hört man Sätze wie: "Das verstößt gegen meine Prinzipien" oder "Das mache ich prinzipiell nicht/ immer so." Prinzipien sind gut. Sie sind ein roter Faden, an dem man sich in seiner Weltbewältigung entlang hangeln kann. Sie erleichtern das Leben, geben Routine und bieten Verlässlichkeit. Sie sind eine zur Gesetzmäßigkeit gewordene Regel, ein Postulat, das die Welt erklärbar macht. Oder zumindest Teile davon. Und wenn kluge Köpfe irgendwelche Prinzipien postulieren, dann werden sie oft mit dem Namen des Entdeckers benannt. Prinzipien eignen sich auch hervorragend, um mit kleinen Wissensstücken zu glänzen und eventuell vorhandene Wissenslücken zu verdecken. In diesem Kontext wären sie dann dem "Information Snacking" zuzuordnen, also im Prinzip der schlagzeilenintelligenten Aufnahme von Informationen mit dem Ziel der Weitergabe, die auch ohne notwendige Verarbeitung im Denkzentrum stattfinden kann. Snack food for thought. Wie auch immer. Ich war schon immer ein Fan des Peter-Prinzips. Und heute habe ich auch noch das Shirky-Prinzip kennen gelernt. Beide sind toll. Und beide möchte ich kurz vorstellen. Das könnte prinzipiell der Auftakt sein zu einer kleinen Serie über die Prinzipien dieser Welt.
Fangen wir mal mit dem  Peter-Prinzip an, 1969 benannt nach dem Kanadier Laurence J. Peter und häufig im Kontext der Organisationssoziologie besprochen: "In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen." Das ist so simpel wie richtig. Vorausgesetzt es gibt genügend Hierarchiestufen, steigt jeder so lange auf, bis er/ sie der Position nicht mehr gewachsen ist. Das heißt natürlich im Umkehrschluss, dass die Arbeit von denen gemacht wird, die die Stufe ihrer Inkompetenz noch nicht erreicht haben. Eine schöne Abwandlung des Peter-Prinzips ist das Dilbert-Prinzip. Hier werden die ineffizientesten Mitarbeiter sofort ins Management versetzt, weil sie da den geringsten Schaden anrichten können.
Das Shirky-Prinzip, benannt nach dem US-amerikanischen New-Media-Spezialisten Clay Shirky, besagt folgendes: "Institutions will try to preserve the problem to which they are the solution." Auch das ist so klar und wahr wie nur etwas. Wenn es eine dauerhafte Lösung gäbe, wäre die Institution ja schließlich überflüssig. Man denke nur an IT-Fachkräfte oder Friseure. Durch unperfekte Systemadministration oder schlechte Haarschnitte erhalten beide Berufe das Problem aufrecht, für das sie sich als Problemlöser anbieten. Ok, die Beispiele sind vielleicht nicht so glücklich. Aber im Grunde geht es um reinen Selbsterhaltungstrieb, und dieser Gedanke ist jetzt auch nicht so neu und spätestens seit Max Webers Auseinandersetzung mit der Bürokratie in den 1920er Jahren bekannt. Aber das Shirky-Prinzip hat eine sprachliche Klarheit, an die Weber in der Form nicht herankommt.
Nur zwei Prinzipien sieht jetzt irgendwie blöd aus. Dann machen wir noch eins, das rockt aber nicht so doll. Nummer drei in meiner temporären Bestenliste hilfreicher Prinzipien ist ein Klassiker: die 80:20-Regel. Besser bekannt als Pareto-Prinzip, benannt nach dem italienischen Soziologen und Ökonomen Vilfredo Pareto. Der hat damals herausgefunden, dass 20 Prozent der Italiener 80 Prozent des Vermögens besitzen. Daraus wurde das Prinzip abgeleitet, dass man viele Aufgaben in nur 20 Prozent der Zeit bereits zu 80 Prozent erledigen kann. Die restlichen 20 Prozent kosten am meisten Zeit. Stimmt. Das Ende trägt die Last. Auf die Wirtschaft bezogen bedeutet diese Regel, dass ein Unternehmen 80 Prozent des Umsatzes mit 20 Prozent der Kunden macht. Chris Anderson hat mit seinem Long-Tail-Modell allerdings einen interessanten Gegenentwurf dazu geliefert, der vielleicht besser in die heutige Zeit passt. Soweit ich das beurteilen kann trifft der Long-Tail aber nicht auf die Vermögensungleichheit zu.
So. Genug Prinzipienreiterei. Das waren jetzt drei, aber wer Lust hat, kann ja einfach mal im Netz nach tollem Prinzipien-Bullshit-Bingo suchen. Da gibt es das Chamäleon-Prinzip, das Pinguin-Prinzip, das Edison-Prinzip, das 1&1-Prinzip, das Phoenix-Prinzip, das Ginko-Prinzip, das Lola-Prinzip, das Prinzip Hoffnung, das Prinzip Freude und so weiter und so weiter. Herrschaftszeiten, da möchte man sich doch weinend in die Arme des viel zu toten Oscar Wilde begeben und ihm tränenreich zustimmen, wenn er mit staubiger Stimme tönt: "Ich mag keine Prinzipien, ich bevorzuge Vorurteile."Aber wenn Ihr ein richtig tolles Prinzip gefunden habt, dann schickt es mir doch bitte.
Ich finde, bei der ganzen Prinzipien-Inflation fällt es kaum auf, wenn ich jetzt auch ein neues aus der Taufe hebe: Das Primel-Prinzip. Wichtig ist, dass es sich gut anhört. Das ist das allerwichtigste. Die Bedeutung kann man auch nachher addieren. Primel-Prinzip hört sich gut an, klingt hübsch, und Primeln sind ja Zierpflanzen und werden von vielen Menschen auch als hübsch bezeichnet. Das passt also. Und was besagt das Primel-Prinzip? Also: Primeln blühen im Frühjahr, und sie blühen zumeist üppig und reichlich - aber nur für kurze Zeit. Mal abgesehen von der Becherprimel, aber auf Einzelschicksale kann hier keine Rücksicht genommen werden. Und außerdem: Ausnahmen bestätigen die Regel, auch so ein Prinzip. Also: das Primel-Prinzip besagt, dass eine Aussage für einen kurzen Moment in vollem Glanz erstrahlt, dann aber schnell wieder verblüht und vergessen ist. Im Prinzip so wieder dieser Text hier. Auf Wiedersehen.


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